Grausamer Mord an Musikstudenten erschüttert 1958 die Detmolder

Freya Köhring

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Ein Gesangsstudent wird im Jahr 1958 in Detmold ermordet. - © Pixabay
Ein Gesangsstudent wird im Jahr 1958 in Detmold ermordet. (© Pixabay)

Detmold. Es ist eine Geschichte über Neid, Missgunst und Arroganz, an deren Ende ein junges Gesangstalent sein Leben lassen musste. Im Jahr 1958 wird der 26-jährige Musikstudent Janis G.* tot am Detmolder Büchenberg aufgefunden. Zeugen hatten zuvor einen Streit und Schüsse gehört. Schnell steht fest: Der 26-Jährige wurde umgebracht.

Vorsitzender: "Angeklagter! Sagen Sie uns die Wahrheit! Es hat keinen Zweck zu leugnen!"
Angeklagter: "Die Kugel ging ohne meinen Willen los. Ich wollte ihm nur Angst machen!"
Vorsitzender: "Sie standen dann vor ihm und haben nochmals durchgeladen?"
Angeklagter: "Jawohl."
Vorsitzender: "Und dann ist noch ein Schuss losgegangen?"
Angeklagter: "Ja. Aus Versehen!"
Vorsitzender: "Wer soll Ihnen das glauben? Das glauben Sie doch wohl selbst nicht?! Und was geschah dann weiter? - Haben Sie ihn nicht ins Gebüsch geschleppt?"
Angeklagter: "Nein. Er ist allein dorthin gefallen."
Vorsitzender: "Dann haben Sie auf ihn eingeschlagen. Wohin?"
Angeklagter: "Auf die Hände"
Vorsitzender: "Auch auf den Kopf, ins Gesicht und auf die Zähne! Sie wissen das nicht? Weshalb schlugen Sie ihn denn jetzt?"
Angeklagter: "Damit er nicht mehr schrie!"

In Dialogform berichtete damals die LZ im Gerichtstext vom 24. Oktober 1958 über den Tathergang.

Was zuvor geschah

Janis G. hat eine vielversprechende Zukunft vor sich. Der 26-Jährige ist in der Türkei geboren und kam nach Detmold, um hier an der Nordwestdeutschen Musikakademie, heute die Hochschule für Musik, Gesang zu studieren. In der Türkei hatte er bereits als 17-Jähriger erfolgreich an einem Sängerwettstreit teilgenommen. Und auch sein Musikprofessor in Deutschland bezeichnete ihn als eine "ganz große Begabung mit einer zuvor kaum gehörten Stimme." (LZ vom 23. Oktober 1958)

Doch das Schicksal nahm für ihn einen anderen Lauf. Sein Studium wird er nie beenden. Am 19. Mai 1958 wird G. tot am Büchenberg gefunden. Seine Leiche weist zwei Schusswunden und Verletzungen auf. Zuvor wollen Anwohner einen Streit in fremder Sprache gehört haben.

Die Tat spricht sich rum wie ein Lauffeuer. Die LZ titelte damals unter anderem "Begnadeter Sänger musste sterben" oder "Grausige Mordtat". Die ganze Stadt ist erschüttert. Es gibt nur noch ein Gesprächsthema und natürlich die Fragen aller Fragen: "Wer hat Janis G. umgebracht?"

Doch ein Hauptverdächtiger ist schnell gefasst. Der 29-jährige Grieche Alexandros S., der mit G. zusammen Gesang in Detmold studierte. Nicht nur das Studium verband sie, sondern auch Griechenland, wo G. eine Zeit lang mit seiner Familie gewohnt hat. Sie trafen sich manchmal, obwohl Janis G. sich öfter abfällig über die Stimme von S. geäußert haben soll. S. sagt vor Gericht aus: "Er sagte immer, ich könnte nicht singen und würde es auch nicht lernen." (LZ, 24. Oktober 1958). Dann erhält S. auch noch die Nachricht, dass sein Stipendium wahrscheinlich nicht verlängert wird.

S. bestreitet die Tat

Die Polizei fährt schließlich zu Alexandros S. und vernimmt ihn. Erst betreitet der 29-Jährige, dass er G. am Tatabend überhaupt gesehen hat. Als die Polizei schließlich blutbefleckte Kleidung bei ihm findet, die notdürftig gereinigt wurde, gibt er zu, die Tat beobachtet zu haben. Täter sei allerdings ein Unbekannter gewesen. Aus Angst, selbst erschossen zu werden, habe er seinem Freund keine Hilfe geleistet. Doch die Polizei glaubt S. nicht und verhaftet ihn. Er kommt in Untersuchungshaft, leugnet aber weiterhin, G. getötet zu haben.

Die Polizei in Lippe erhält schließlich Unterstützung vom Bundeskriminalamt, Interpol und dem Gerichtsmedizinischen Institut Münster. Die Beweise gegen S. werden immer erdrückender. Die am Tatort gefundene Waffe bringt schließlich den entscheidenden Hinweis, denn Dank ihr kann Interpol den Waffenhändler ermitteln.

"Danach war die Waffe an einen Waffenhändler in Athen geliefert worden. Dieser hatte die Pistole an eine namentlich festgestellte Mittelsperson im April diesen Jahres verkauft. Auf Befragen erklärte diese Mittelsperson, die Pistole für [S.] gekauft zu haben. [S.] habe die Pistole mit nach Deutschland genommen." (LZ-Bericht vom 11. August 1958)

Mit der Waffe wollte er angeblich Hasen und Rehe schießen. Hat er aber nie. Nach mehrtägigen Vernehmungen bricht der 29-Jährige schließlich unter dem Druck zusammen. Er gesteht die Tat. Beide hätten sich gestritten. G. hätte wieder abfällige Bemerkungen über seine Stimme gemacht. Dann sei es passiert. S. hätte das allerdings nicht gewollt und er sei davon ausgegangen, dass G. nach den Schüssen und den Schlägen auf den Kopf noch am Leben sei.

Der Staatsanwalt nimmt S. die Geschichte nicht ab und geht davon aus, dass S. neidisch auf G.s Stimme und Talent gewesen ist. Dazu kam, dass sein Stipendium nicht verlängert werden sollte und er vielleicht zurück nach Griechenland gemusst hätte. Die Staatsanwaltschaft erhebt schließlich Anklage wegen Mordes.

*Anmerkung der Redaktion: Alle Namen wurden geändert.

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