Falsche Bombendrohung mit Folgen: Detmolder kämpft um seinen Ruf

Jens Reichenbach

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Festgenommen und in die Psychiatrie gesteckt: Nach der vermeintlichen Bombendrohung wurde André Hübscher im Westfalenkolleg festgenommen. Obwohl das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde, erlebte der Schüler weiterhin reichlich Gegenwind. - © Jörg Dieckmann
Festgenommen und in die Psychiatrie gesteckt: Nach der vermeintlichen Bombendrohung wurde André Hübscher im Westfalenkolleg festgenommen. Obwohl das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde, erlebte der Schüler weiterhin reichlich Gegenwind. (© Jörg Dieckmann)
Bielefeld. Plötzlich hieß es: „Sie sind festgenommen!" Weil er mit einer Bombe gedroht haben soll, wurde der Detmolder André Hübscher, Student am Westfalenkolleg, am 1. Dezember 2017 vor den Augen seiner Mitschüler in Handschellen abgeführt. Doch er hatte weder Waffen noch eine Bombe in der Tasche.

Der 24-Jährige ging deshalb davon aus, dass sich alles schnell aufklären würde. Vergeblich, sagt Hübscher: „Bis heute denken viele an der Schule, ich sei ein Straftäter."

Auslöser der falschen Bombendrohung soll eine unglückliche Konstellation von nicht erwiderter Liebe in zwei Fällen gewesen sein, sagt der Detmolder. Eine Mitschülerin hatte ihm vergeblich Avancen gemacht. Eine andere wiederum empfand seine Briefe, Blumen und sein Geschenk als Stalking. Aus dem Freundeskreis dieser Frauen soll die folgenschwere Warnung an die Schulleitung gekommen sein. Denn nach seinem Verhör im Polizeipräsidium wurde der 24-Jährige sogar wegen möglicher Eigengefährdung in die Psychiatrie eingewiesen.

Wochen später war klar: An den Vorwürfen ist nichts dran. Die Ermittlungen gegen den 24-Jährigen wurden „mangels hinreichenden Tatverdachts" eingestellt. Auch der zusätzliche Vorwurf wegen Nachstellens wurde fallengelassen. Dass er der Anzeigenerstatterin Briefe geschrieben und Blumen sowie zum Geburtstag ein Geschenk überreicht hatte, stufte die Staatsanwaltschaft als nicht strafbar ein. Daher wurde Hübscher schon nach drei statt sechs Wochen aus der Psychiatrie entlassen – ohne Befund.

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Klage gegen Abinoten


André Hübscher kämpft nach dem Bombenvorfall juristisch um seine Schulnoten: „Meine Noten waren schlechter als sonst, weil mir Stoff aus dem Unterricht fehlte." Auch sein Abi steht auf dem Spiel: „Ich wurde monatelang durch den Fleischwolf gezogen, irgendwann habe ich einen Fehler gemacht." Im April ging der Schüler zur Grundkurs- statt zur Leistungskursprüfung. Die Schule bewertete die verpasste Klausur daraufhin mit Note 6. Hübschers Anwalt legte Widerspruch ein, weil ein Arzt das Versäumnis mit der „außerordentlich starken psychischen Belastung" erklärt. Das Kolleg ließ den Schüler daraufhin nachschreiben, doch die Klausur liegt seitdem unkorrigiert im Safe. Nun muss die Bezirksregierung entscheiden.

„Doch beim Westfalenkolleg hat man diese Ergebnisse ignoriert", sagt Hübscher. Die Schulleitung suspendierte den Schüler zunächst, um den Vorfall aufarbeiten zu können – ausgerechnet kurz vor den Abiturprüfungen. Als sich Hübscher wehrte, durfte er das Gebäude zwar wieder betreten, aber nur während der Unterrichtszeiten. Mathe gab es nur noch als Einzelunterricht, damit die vermeintlich Gestalkte nicht auf ihn treffen konnte. Außerdem wurde ihm die Ordnungsmaßnahme „Androhung der Entlassung" ausgesprochen, eine schulische Reaktion bei schweren Vergehen.

Da allerdings diese Entscheidung von der Schulkonferenz getroffen wurde, obwohl die Vorwürfe auf „Andeutungen und Behauptungen von Mitstudierenden" beruhten und bereits entlastende Ermittlungsergebnisse der Polizei vorlagen, hob die angerufene Bezirksregierung den Bescheid der Schule schließlich auf.

Schulleiterin Elwira Multmeier erinnert sich an die erste Schulstunde am 1. Dezember: Damals habe ein Pulk von Studierenden sehr aufgeregt bei ihr geklopft. „Diese berichteten mir dann von Äußerungen, aus denen man schlussfolgern konnte, dass von Herrn Hübscher eine Bedrohung ausgehen könnte." So soll er Mitschüler gebeten haben, auf seinen Rucksack aufzupassen. Dann soll er gesagt haben, „sie mögen sich bitte nicht über die tickenden Geräusche wundern".

Da der Schulleitung die schlechte psychische Verfassung des Schülers aufgrund des Liebesdramas bereits bekannt war, habe sie die Polizei rufen müssen: „Ich musste meine Fürsorgepflichten allen Studierenden gegenüber wahrnehmen." Dass Multmeier allerdings noch am selben Vormittag eine Vollversammlung einberief, macht Hübscher bis heute fassungslos: „Damit war ich sofort der Straftäter."

Multmeier erklärt: „Unter den Studierenden verbreitete sich nach der Festnahme Unruhe und Panik. Um dort Ruhe reinzubringen, wurde die Vollversammlung einberufen." Erst am Nachmittag habe sie die Information erhalten, dass bei dem 24-Jährigen weder Bomben noch Waffen gefunden wurden, auch nicht in seiner Wohnung. Sie habe umgehend die Kollegen aufgefordert, dies an die Studierenden weiterzugeben.

Aus Sicht der Bezirksregierung sei es nachvollziehbar, dass die Schule die Polizei gerufen hat („Im Falle einer Bombendrohung ist das eine klare Handlungsanweisung"), zum Zeitpunkt der Teilkonferenz im Januar lagen aber „keine ausreichenden Anhaltspunkte mehr vor, die eine ,Androhung der Entlassung‘ hätten rechtfertigen können", so die Bezirksregierung.

Doch bis zu dieser offiziellen Erkenntnis im Juni war der Detmolder ein Schüler mit Sonderstatus. Sein Anwalt Eberhard Block von der Kanzlei RPP spricht von einem „klar rechtswidrigen Verhalten" des Westfalenkollegs. „Die Schule hat sich so verhalten, als hätte es die Bombe tatsächlich gegeben." Trotz seiner langen beruflichen Erfahrung als Regierungsdirektor – unter anderem auch bei der Bezirksregierung Detmold – sagt er: „So etwas ist mir in dieser Form noch nicht vorgekommen."

André Hübscher betont, dass er an jenem Dezembertag nie ein Ticken erwähnt hatte. Die genauen Umstände des Vorfalls werden sich wohl nie genau aufklären lassen. Ein Missverständnis oder ein Racheplan? Der 24-Jährige weiß bis heute nicht, was die folgenschweren Aussagen gegenüber der Schulleitung ausgelöst hat. Sein Ziel ist es nun, seinen Ruf wiederherzustellen. Allerdings muss er auch noch um sein Abi kämpfen.

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