Stephanie Borgert spricht im Detmolder Hangar über "Arbeit 4.0"

Marianne Schwarzer

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Expertin für Komplexität: Stephanie Borgert bestreitet die vorletzte Ausgabe der Veranstaltungsreihe Zukunftsperspektiven in diesem Frühjahr. - © Marianne Schwarzer
Expertin für Komplexität: Stephanie Borgert bestreitet die vorletzte Ausgabe der Veranstaltungsreihe Zukunftsperspektiven in diesem Frühjahr. (© Marianne Schwarzer)

Kreis Lippe. „Warum die Digitalisierung Ihr kleinstes Problem ist" – mit diesem provokanten Titel bestreitet Stephanie Borgert, Expertin für Komplexität und Weiterdenkerin, am Dienstag, 29. Januar, die vorletzte Folge der Veranstaltungsreihe Zukunftsperspektiven im Detmolder Hangar. Restkarten zum Preis von 49,90 Euro (mit LZ-Card 39,90 Euro), gibt es noch an der Abendkasse. Im Vorfeld verrät sie schon mal, was die Zuhörer erwartet.

Frau Borgert, im Titel Ihres Vortrags kommt ein böses Wort vor: Problem. Ist das nicht geächtet?

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Stephanie Borgert: Jaja, ich weiß, heute sagt man nicht Problem, sondern Herausforderung. Aber davon halte ich nichts. Wir tun so, als hätten wir kein Problem, aber das ist Unsinn. Für mich ist Arbeit Problemlösung und nichts anderes.

Wenn die Digitalisierung das kleinste Problem ist, was ist denn aus Ihrer Sicht das größte?

Borgert: Das größte Problem ist unser Denken. Wenn es heute um unsere immer komplexer werdende Welt geht, dann fragen sich Unternehmen: Wie lassen sich Prozesse automatisieren, wie reagieren wir? Wir reagieren auf die Komplexität nicht komplex, sondern immer noch linear wie im Industriezeitalter.

Aber kann unser Denken überhaupt solche Komplexität überblicken?

Borgert:Das ist eine reine Trainingssache. Unser Gehirn ist bestens dafür geeignet.

Und wie bringe ich das Gehirn auf Trab, damit es anders denkt?

Borgert:Das Aspirin des Denkens ist Selbstreflexion: Was ist meine Denkstruktur? Wir neigen dazu, auf Probleme in Sekundenschnelle mit einer Lösung aufzuwarten. Besser ist es oft, erst einmal in Ruhe hinzugucken, das Problem zu analysieren.

Leichter gesagt als getan, wenn dahinter auch noch wirtschaftlicher Druck steht und die Strukturen in einem Unternehmen eher linear von oben nach unten sind.

Borgert: Es ist die Frage, welche sozialen Spiele sich im Unternehmen entwickelt haben. Mitarbeiter und auch Führungskräfte müssen nicht immer auf alles sofort eine Antwort haben. Alle miteinander dürfen sich sagen: „Wir dürfen auch mal nicht wissen" oder zugeben: „Es sind Fehler passiert".

Eine ganz schöne Herausforderung an alle, vor allem, wenn sie es bisher nicht gewohnt waren.

Borgert:Damit das klappt, müssen sie sich gemeinsam ihre Zusammenarbeit auf Basis klarer Prinzipien verabreden: Was geht und was nicht. Die permanente Forderung, wie Führung jetzt gerade auszusehen hat, ist meines Erachtens krank.

Krank? Was meinen Sie damit?

Borgert:Ständig heißt es, Mitarbeiter brauchen Wertschätzung. Aber Wertschätzung zur Methode hochzustilisieren, finde ich sehr schräg. Führungskräfte stehen unter einem Riesen-Erwartungsdruck. Das macht die Struktur auf Dauer disfunktional.

Aber sehnen wir uns nicht alle irgendwie nach Führung, nach Orientierung?

Borgert: Schon, aber Führung ist ein soziales Konstrukt, nicht an eine Person gebunden. Wenn es darum geht, komplexe Probleme zu lösen, dann weiß die Führungskraft auch nicht immer, wie es geht. Es geht zunächst darum, zu klären: Was denken wir über uns, wer wollen wir sein? Was können wir und wie lösen wir unsere Aufgaben? Das muss ein Prozess sein, in den alle eingebunden sind.

Puh, das klingt aber ganz schön anspruchsvoll, wenn eine Mannschaft was anderes gewohnt ist.

Borgert:Das muss man üben. Und die Geschäftsführung muss es dann mit jeder Faser ihres Seins auch wirklich wollen.

Daraus schließe ich, dass ein Neubeginn mit einem Plan, die sich ausschließlich die Führungsriege ausgedacht hat, nicht unbedingt ein glücklicher Start ist. Schafft ein Unternehmen überhaupt so ein neues Denken aus sich heraus?

Borgert:Schwierig. Zu Beginn sind Impulse von außen hilfreich, weil da ganz viel Sozialdynamik entstehen kann.

Wenn keiner so richtig zu wissen scheint, was die Antwort auf die Probleme der Komplexität ist, dann kann das doch auch verunsichern, oder?

Borgert: Ja, aber Sicherheit kann man auch in der Auseinandersetzung finden, die Sicherheit, dass es keine Denkverbote gibt.

Wenn so ein Wandlungsprozess vielleicht schwierig angefangen hat und das Vertrauen in die Führung fehlt, wie gewinnt sie das zurück?

Borgert:Nur in ganz kleinen Schritten. Verlässlichkeit ist der Einstieg ins Vertrauen: Praktiziere, was Du predigst, das ist das A und O.

Was erwartet denn nun die Zuhörer im Hangar?

Borgert:Empfehlungen für gute Sex-Roboter, eine Einführung in die Hühnerzucht und Tipps für die Steuererklärung.

Die Fragen stellte LZ-Redakteurin Marianne Schwarzer.

Information

Veranstaltungsreihe

Stephanie Borgert referiert am Dienstag, 29. Januar, ab 19 Uhr im Hangar. Einen weiteren Vortrag präsentieren die Lippische Landes-Zeitung und die Akademie Denkflügel gemeinsam mit der Kulturfabrik im Hangar 21, der Lippe Bildung eg , Beresa und Weidmüller, Vera Veggie und Liebharts Privatbrauerei. Am Dienstag, 26. Februar, bestreitet dann Helmut Muthers den Abschluss der Zukunftsperspektiven-Reihe zum Thema Digitalisierung. Sein Vortrag trägt den Titel „Tablets statt Tabletten." Karten gibt’s in allen LZ-Geschäftsstellen.

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