Das sind die Gesichter von Fridays for Future in OWL

Überall in Ostwestfalen-Lippe organisieren Schüler kleine und große Aktionsgruppen. Wir stellen sie vor

Seda Hagemann, Jemima Wittig und Miriam Scharlibbe

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Klima-Protest in Lemgo. - © Lorraine Brinkmann
Klima-Protest in Lemgo. (© Lorraine Brinkmann)

Darleen Rinz, kommt aus Extertal und geht in Lemgo zur Schule. - © Darleen Rinz
Darleen Rinz, kommt aus Extertal und geht in Lemgo zur Schule. (© Darleen Rinz)

Bielefeld. In kurzer Zeit hat es ein schwedisches Mädchen geschafft, tausende Schüler auf der Welt für den Klimaschutz zu sensibilisieren. Die Wut und Trauer über die aus ihrer Sicht unverantwortliche Klimapolitik regierender Politiker treibt die Jugendlichen auf die Straße. Schon seit Wochen ist bekannt, dieser 15. März soll historisch werden. So viele Schüler wie nie zuvor wollen bei den Fridays-for-Future-Protesten teilnehmen. Auch in OWL formieren sich die Anhänger der „Generation Greta":

Darleen Rinz (18), Extertal:

"Es geht um nicht weniger als die Zukunft des Planeten. Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel", sagt Aktivistin Darleen Rinz aus dem lippischen Extertal. Dass sich weltweit immer mehr Menschen für den Klima- und Umweltschutz stark machen und auf die Straße gehen, freut die 18-jährige Gymnasiastin. Sie zeigt bereits seit mehreren Monaten Flagge - bislang bei Kundgebungen in größeren Städten wie Osnabrück.

Zusammen mit 14 Freunden hat sie die erste Kundgebung in Lemgo organisiert. Mehr als 100 Teilnehmer wären für das Team ein Erfolg. Es sieht aber so aus, als ob es deutlich mehr Menschen werden. Darleen hat erfahren, dass einige Schulklassen geschlossen an der Kundgebung teilnehmen werden. Eltern und andere Aktive wollen sich anschließen. Fridays for Future nimmt auch im Kleinen Fahrt auf.

Doch ihr Einsatz fordert einen Preis: Darleen nimmt mit der Teilnahme an den Kundgebungen in Kauf, dass ihr Fehlen in der Schule auf ihrem Zeugnis vermerkt werden wird. Die Fehlstunden zudem als unentschuldigt gelten. "Ich kenne die Konsequenzen, aber meine persönlichen Prinzipien gehen ganz klar vor", erklärt die 18-Jährige ihre Entscheidung. Ihre Eltern stehen hinter ihr. Ihre Mutter wird am Freitag ebenfalls mit dabei sein in Lemgo. Sie engagiert sich auch in der Gruppe "Parents for Future".

Was fordern Darleen und ihre Mitstreiter konkret? "Wir müssen früher aus dem Kohleabbau aussteigen. 2038 ist uns zu spät", sagt sie. Die Diesel-Verbote sind für sie nur der erste Schritt. "Wir wollen den Druck auf die Politik erhöhen. Sie sollen sich endlich mit dem Thema Klimaschutz ernsthaft beschäftigen und Lösungen entwickeln." Politisch aktiv war Darleen Rinz bisher nicht - der Umweltschutz ist ihr aber schon seit langem wichtig. "Ich achte da auch im Alltag drauf", sagt sie und nennt Müllvermeidung und konsequente -trennung als Beispiele. Sie wünscht sich eine globale Bewegung. Viel mehr Menschen sollten raus auf die Straße und protestieren. "Es nützt nicht viel, wenn wir einen Teil der Welt sauber halten, das ist eine weltweite Aufgabe."

Bei der Kundgebung in Lemgo wird es Reden geben. Die Polizei ist informiert. Bedenken gab es keine, nur wenige Hinweise zum Lärmschutz seitens der Ordnungshüter. Wie sind die Reaktionen in ihrer Stufe am Engelbert-Kaempfer-Gymnasium? "Unterschiedlich", sagt sie. Es gibt viele, die gut finden, was sie und ihre Freunde tun. Aber auch Kritiker. Mit denen setzt sich die 18-Jährige auch auseinander. Immer wieder hört sie: "Warum macht Ihr das nicht in Eurer Freizeit?" Da hat sie eine klare Antwort drauf. "Unser Vorgehen bringt mehr Aufmerksamkeit, wird mehr wahrgenommen. Es zwingt die Politik hoffentlich eher zum Handeln."

Johanna Brand (16), Detmold:

"Mir ist die Fridays-for-Future-Demonstration extrem wichtig, weil ich spüre, dass etwas Machtvolles in Bewegung gesetzt wird. Es fühlt sich richtig an, Menschen für den Klimaschutz zusammen zu bringen. Wir Jugendlichen sind die letzte Generation, die noch etwas ändern kann", sagt die Schülerin. Sie fordert auch einen Wandel in der Bildungspolitik. "Klimabewusstes und nachhaltiges Handeln muss ein wichtiger Bestandteil der Bildung sein."

Die Schüler verzichteten zwar auf den Unterricht, lernten aber trotzdem Wesentliches für ihr Leben und "das sollte von allen Kritikern anerkannt werden". Der Klimawandel sei keine politische Meinung, sondern ein Fakt und deswegen gebe es "für mich keine Argumente gegen Klimaschutz und gegen das Engagement dafür.
Das Motto der morgigen Demo in Detmold soll lauten: „Lasst den Klimawandel nicht im Regen stehen".

Simon Erichsen (17), Bielefeld:

„Politisch interessiert bin ich schon immer gewesen", sagt Simon Erichsen, Schüler am Oberstufen-Kolleg. Aber engagiert in einer Umweltschutzorganisation oder Partei, nein, das habe ihn nie überzeugt. Dann kam Greta und Erichsen gründete mit sieben anderen Jugendlichen eine lokale Fridays-for-Future-Gruppe. Die erste Demo am 18. Januar sollte nur der Anfang sein. Inzwischen kommen auch aus anderen Städten Schüler nach Bielefeld. „Greta hat uns vor Augen geführt, dass die Ziele des Pariser Klimaabkommens nie erreicht werden, wenn nicht endlich jemand Druck ausübt", sagt der 17-Jährige. „Wir müssen auf die Straße gehen. Alles andere würde sich falsch anfühlen."

Laetitia Wendt (18), Paderborn:

In Sachen Klimastreik hat Paderborn die Nase weit vorn. Laetitia Wendt muss inzwischen schon mit zwei Whats-App-Gruppen jonglieren. Eine Chat-Gruppe fasst 256 Leute – zu wenig für die vielen Interessierten im Hochstift, oder wie die Gymnasiastin sagt, „ein Zusammenschluss wütender Jugendlichen, die jetzt mit einer Stimme sprechen". Zweimal hat die 18-Jährige mit Freunden den Demozug angeführt – „nicht jede Woche", damit die Lehrer, die das Anliegen unterstützen, nicht in Bedrängnis kommen. Wendt fordert eine Besteuerung für Kerosin, damit Fliegen wieder teurer und unattraktiver wird. „Es reicht nicht mehr, zuhause unsere Biogurken zu essen, wir müssen mehr tun."

Maria Wöstmann (18), Halle:

Jede Stunde Klima-Streik kostet Maria Wöstmann eine unentschuldigte Fehlstunde und eine sechs für die mündliche Beteiligung. Am Kreisgymnasium Halle gibt es kein Verständnis für den Protest. Wöstmann lässt sich davon nicht abschrecken und hat schon eine Demo mit 80 Teilnehmern organisiert. Auch, weil jeder Ausflug nach Bielefeld die Jugendlichen zehn Euro kostet. „Bus und Bahn müssen endlich attraktiver werden", fordert Wöstmann. Das würde neben einem schnelleren Kohleausstieg wirklich helfen.

Michelle Beste (18), Gütersloh:

Zum ersten Mal demonstrieren heute auch die Gütersloher Schüler. Initiatorin Michelle Beste hat große Hoffnungen: „Ich wollte den Gedanken des Klimaschutzes in eine weitere Stadt bringen, da Gütersloh immerhin 100.000 Einwohner hat und jede einzelne Person, die auf die Problematik aufmerksam macht, etwas bewirken kann."

Phöbe Schröder (19), Hiddenhausen:

Etwas bewirkt hat Phöbe Schröder bereits. In Hiddenhausen, einer Gemeinde aus etlichen kleinen Dörfern im Kreis Herford, glaubte zuerst niemand an den Erfolg einer lokalen Fridays-for-Future-Aktion. Die 19-Jährige belehrte die Kritiker, organisierte zwei Demos, wurde danach von etlichen Parteien zum Gespräch geladen und durfte sogar im Umweltausschuss sprechen.

Das Ergebnis: Hiddenhausen will sich jetzt verpflichtende Klimaschutzziele geben. Schröders nächster Traum: „Dass ich auch in ländlichen Gebieten mit dem Nahverkehr überall hinkomme, ohne das Auto benutzen zu müssen."

Information

Kundgebungen und Protestzüge in der Region


  • Weltweit wollen Schüler an diesem Freitag für den Klimaschutz in den Streik treten. Damit soll die Bewegung „Fridays for Future" ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen. Laut der Seite fridaysforfuture.org sind rund 1.660 Kundgebungen in 105 Ländern geplant. In Deutschland wollen Schüler an rund 200 Orten demonstrieren, auch in Ostwestfalen-Lippe:
  • Bielefeld: Treffen zur gemeinsamen Demo um 12 Uhr am Hauptbahnhof. Eingeladen sind auch Schüler aus Nachbarstädten ohne eigene Aktionen.
  • Paderborn: Kundgebung mit anschließendem Zug durch die Stadt, 13 Uhr, ab Domplatz/Neptunbrunnen
  • Gütersloh: Kundgebung, 12 Uhr, Berliner Platz
  • Lemgo: Kundgebung, 12 Uhr, Marktplatz
  • Detmold: Kundgebung, 13.30 Uhr, Marktplatz

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