Missbrauchsfall Lügde: Eltern wegen Beihilfe unter Verdacht

Erol Kamisli und Janet König

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Aktenberge liegen zum Prozessauftakt um den massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Elbrinxen auf dem Tisch.   - © Bernhard Preuss
Aktenberge liegen zum Prozessauftakt um den massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Elbrinxen auf dem Tisch.   (© Bernhard Preuss)

Kreis Lippe. Einige Eltern der Missbrauchsopfer, die im Prozess im Fall Lügde als Nebenklagevertreter auftreten, haben bisher nicht im Zeugenstand ausgesagt, da gegen sie wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch ermittelt wird. Darunter ist auch eine Mutter (40), deren heute 19-jährige Tochter gegen ihre Peiniger Andreas V. und Heiko V. ausgesagt hatte. Ihrer zweiten Tochter, die heute acht Jahre alt ist und ebenfalls missbraucht worden sein soll, blieb eine Aussage erspart, da die Angeklagten ein Geständnis abgelegt haben.

"Ich habe Andreas V. über eine Bekannte kennengelernt und meine beiden Töchter in den vergangenen Jahren regelmäßig über Tage und Wochenenden bei ihm auf dem Campingplatz untergebracht", sagt die Mutter. Derzeit liefen gegen sie Ermittlungen wegen Beihilfe, daher habe sie sich einen Rechtsanwalt genommen und könne nicht als Zeugin im Lügde-Prozess aussagen.

Als "Märchen" eingestuft

Die Familie wird von Opferhelferin Anke Heldt vom Weißen Ring in Schaumburg betreut. Sie halte es für möglich, dass die Kinder schon vor der Verhaftung des Andreas V. von den Übergriffen berichtet haben könnten, doch die Eltern ihnen nicht geglaubt und die Erzählungen als „Märchen" eingestuft hätten. Die heute 19-Jährige habe bereits im Alter von 15 Jahren Missbrauchsandeutungen gemacht, die seien aber nicht ernst genommen worden. Anschließend habe auch ihre jüngere Schwester (8) immer wieder Andreas V. auf dem Campingplatz besucht. „Aber ich glaube nicht, dass Eltern den Missbrauch ihrer Töchter aktiv unterstützt haben", betont Anke Heldt.

Nach LZ-Informationen sollen einige Eltern bei einem Treffen mit den Beamten der Ermittlungskommission „Eichwald" Missbrauchsandeutungen ihrer Kinder in den vergangenen Jahren eingeräumt haben, doch immer wieder damit argumentiert haben, dass ihnen sonst ja die „Wochenendbetreuung" weggefallen wäre. „Es gab in der Vergangenheit schon Hinweise. Wenn diese ernst genommen worden wären, wäre Andreas V. schon vor Dezember 2018 verhaftet worden", glaubt die Opferhelferin Heldt.

Angsträume und auffälliges Verhalten

Das bestätigen auch die Ermittler. Einige Kinder hätten von einem Tag auf den anderen nicht mehr zu Andreas V. gewollt – ohne Gründe zu nennen. Andere hätten nach Besuchen auf dem Campingplatz über Angstträume geklagt oder seien danach sogar verhaltensauffällig geworden. Die meisten Opfer hätten sich jedoch erst offenbart, nachdem Andreas V. und Mario S. verhaftet worden waren.
Neben der 40-jährigen Mutter ist bisher bekannt, dass die Beamten auch gegen einen alleinerziehenden Vater wegen des Verdachts auf Beihilfe ermitteln. Von seinen vier Kindern sollen drei Opfer des massenhaften Missbrauchs auf dem Campingplatz geworden sein. Der Mann soll die Kinder auf den Campingplatz geschickt haben, obwohl ihm die Vorwürfe gegen Andreas V. bekannt gewesen sein sollen. Sein viertes Kind sei vorsorglich vom Jugendamt in Obhut genommen worden. Ob es aktuell weitere Ermittlungsverfahren gegen andere Elternteile gibt, dazu wollte sich die Detmolder Staatsanwaltschaft nicht äußern.

Information
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40 weitere Zeugen

Die Jugendschutzkammer will noch viele Zeugen – darunter Opfer, Eltern und ein Polizist – laden. Wie viele der Geschädigten vor Gericht erscheinen, steht laut Landgerichtssprecherin Melanie Rüter nicht fest. Darüber hinaus soll in einem separaten Termin am 17. Juli um 17 Uhr das Urteil gegen Heiko V. fallen.

Die Doku zum Fall Lügde

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