Auch vegetarische Produkte von Wilke-Rückruf betroffen

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Firmenschilder kennzeichnen die Einfahrt zum Werksgelände des nordhessischen Wurstherstellers Wilke. Die Waren von Wilke werden mit zwei Todesfällen und 37 weiteren Krankheitsfällen in Verbindung gebracht - © Uwe Zucchi/dpa
Firmenschilder kennzeichnen die Einfahrt zum Werksgelände des nordhessischen Wurstherstellers Wilke. Die Waren von Wilke werden mit zwei Todesfällen und 37 weiteren Krankheitsfällen in Verbindung gebracht (© Uwe Zucchi/dpa)

Korbach/Berlin (dpa/AFP). Im Fall des nordhessischen Wurstherstellers Wilke ist am Dienstagmittag das Ultimatum der Verbraucherorganisation Foodwatch abgelaufen. Diese hatte Sonntag einen Eilantrag an hessische Behörden gestellt, binnen maximal 48 Stunden die Namen der vom Rückruf betroffenen Produkte und Verkaufsstellen herauszugeben. "Bis 13 Uhr lag uns keine Antwort auf unseren Eil-Antrag hin vor", sagte Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker der dpa.

Die Verbraucherorganisation fordert weitere Informationen zu dem Fall, bei dem es um zwei Todesfälle durch keimbelastete Wurst geht. "Wir wollen wissen, was den Behörden bisher über die Verkaufs- und Abgabestellen der zurückgerufenen Wilke-Produkte bekannt ist", sagte Rücker. Die Ware des Fleischproduzenten aus Twistetal-Berndorf sei schließlich auch undeklariert in Restaurants, Kantinen oder an Wurstthekenin in den Verkauf gegangen. "Aus unserer Sicht offen ist zudem, ob Wilke auch an die Lebensmittelindustrie zur Weiterverarbeitung geliefert hat." Wenn weitere relevante Informationen nicht öffentlich gemacht werden, will Foodwatch ein Gericht einschalten. "Der entsprechende Antrag ist in der finalen Abstimmung."

Jetzt teilten auch die Mühlenkreiskliniken in Minden mit, dass sie vorübergehend mit Produkten der Firma Wilke beliefert worden seien. Erkrankungen habe es aber nicht gegeben. Gleiches gilt für das Klinikum Lippe und die Kreissenioreneinrichtungen.

Nach Kritik von Foodwatch haben die hessischen Behörden Montagabend auf dem Portal www.lebensmittelwarnung.de eine Liste mit mehr als 1.100 Produkten veröffentlicht. Offenbar handelt es sich um die Liste der vom Rückruf betroffenen Wilke-Lebensmittel.

Die jetzt öffentlich gemachte Liste enthält auch vegetarische und vegane Lebensmittel, wie Kräuteraufstrich, Mangocurryaufstrich und Tomaten-Basilikum-Creme. Entgegen der bisherigen Behördenangaben sind laut Foodwatch zudem noch weitere Marken aufgeführt - auch Marken, die nicht auf der ebenfalls heute vom hessischen Umweltministerium publizierten Markenliste aufgeführt sind.

Waren von Wilke werden mit zwei Todesfällen in Südhessen und 37 weiteren Krankheitsfällen in Verbindung gebracht. Behörden hatten den Betrieb mit 200 Mitarbeiter in Twistetal vor einer Woche geschlossen. Mehrfach waren dort Listerien-Keime im Waren entdeckt worden. Seitdem läuft ein weltweiter Rückruf aller Wilke-Produkte.

In Nordrhein-Westfalen geht das Landesamt für Umwelt- und Naturschutz (Lanuv) davon aus, dass fast jeder Bürger Zugang zu womöglich keimbelasteten Wilke-Waren hatte. Beliefert wurden auch Einrichtungen in Ostwestfalen-Lippe. Doch wie erkennen Verbraucher betroffene Produkte?

Müssen Verbraucher Angst haben, ohne ihr Wissen Wilke-Wurst zu kaufen oder zu essen?

Zum Stand der Rückrufaktion und den betroffenen Firmen haben Behörden bisher keine Angaben gemacht. Dennoch dürfte ein Großteil der Wilke-Waren in Deutschland aus dem Verkehr gezogen sein: Nachdem der Fall am Mittwoch bekannt wurde, nahmen viele Unternehmen die Produkte aus den Regalen. Großhändler haben reagiert und ihre Kunden informiert. Auch die Namen der Fremdmarken mit Wilke-Fleisch sind seit Montag bekannt. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hält es aber für wahrscheinlich, dass noch Wilke-Produkte in Umlauf sind.

Foodwatch spricht von „schweren Versäumnissen" beim Krisenmanagement. Gibt es dafür Belege?

Die Ereignisse sprechen für Foodwatch. So hielten es die Behörden zunächst nicht für nötig, Listen mit Wilke-Produkten zu veröffentlichen. Die Fleischwaren seien nur unter dem Firmennamen verkauft worden, hatte der Landkreis Waldeck-Frankenberg erklärt. Doch wie später bekannt wurde, gab es auch Handelsmarken mit Wilke-Fleisch. Vollständige Listen der belieferten Unternehmen fehlen weiter: Laut dem Land Hessen legte Wilke eine Listen der direkten Kunden vor, die Großhändler umfasst. Wie die Ware nach mehreren Vertriebsstufen im Einzelhandel landete, sei unbekannt. Der Fall zeige, dass die durch europäisches Recht vorgeschriebene Rückverfolgbarkeit von Waren nicht funktioniere, sagte Foodwatch-Sprecher Andreas Winkler.

Woran erkennen Verbraucher betroffene Produkte?

Laut Unternehmen befindet sich auf den Verpackungen das ovale Identitätskennzeichen „DE EV 203 EG". Betroffene Produkte können im Einzelhandel zurückgegeben werden. An der Wursttheke oder in Kantinenessen sind Wilke-Produkt nicht zu erkennen, hier müssen sich Verbraucher auf den Betreiber verlassen. Das Land Hessen empfiehlt Kunden, bei Zweifeln gezielt nachzufragen.

Was passiert, wenn man Wilke-Wurst isst?

In Wilke-Wurst wurden Listerien (Listeria monocytogenes) nachgewiesen. Das sind in der Natur vorkommende Bakterien. Nur wenige Menschen erkranken an der sogenannten Listeriose. Bei gesunden Erwachsenen verläuft die Infektionskrankheit meist unauffällig oder nimmt einen harmlosen Verlauf mit grippeähnlichen Symptomen. Gefährlich ist die Infektion für abwehrgeschwächte Menschen und Schwangere. Die Zahl der Erkrankungen schwankt pro Jahr zwischen 300 und 600 Fällen in Deutschland. Im Durchschnitt enden sieben Prozent tödlich. Die Listeriose gehört zu den meldepflichtigen Erkrankungen mit der höchsten Sterberate. Allerdings enthält nicht jedes Wilke-Produkt zwangsläufig Keime.

Gab es eklatante Hygienemängel bei Wilke?

Medienberichte über langjährige eklatante Hygienemängel haben die Behörden bisher nicht kommentiert. Sicher ist, dass Wilke seit Monaten wegen Listerienfunden auffällig war - und deshalb Besuch von Aufsichtsbehörden bekam. Das Unternehmen sei „seiner Verantwortung als Lebensmittelunternehmen nicht vollumfänglich nachgekommen", erklärte das hessische Umweltministerium.

Wie sind die Behörden auf Wilke aufmerksam geworden?

Dem Robert Koch-Institut waren bundesweit Patienten aufgefallen, die an Listeriose erkrankt waren und deren Erkrankung vermutlich auf eine gemeinsame Infektionsursache zurückzuführen ist. Das Institut hatte seine Informationen daraufhin den Lebensmittelbehörden für Ermittlungen zur Verfügung gestellt. Nach Angaben des Landkreises Waldeck-Frankenberg hatte es in Südhessen zwei Todesfälle bei älteren Personen gegeben. Man sei zu dem Schluss gekommen, „ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den Todesfällen und dem Verzehr von Wurstprodukten besteht", sagte ein Sprecher des Kreises Waldeck-Frankenberg.

Ist das der größte Listerien-Fall bisher?

Nein, in den Niederlanden gibt es einen ähnlichen Fall. Dort hat der niederländische Wurstwarenbetrieb Offerman die Produktion der betroffenen Fabrik aus dem Handel genommen. Die Gesundheitsbehörden hatten festgestellt, dass in den vergangenen zwei Jahren drei Menschen durch Listerien in Wurstwaren dieser Firma gestorben waren. Eine Frau hatte eine Fehlgeburt erlitten. Auch in Spanien gab es in diesem Sommer einen Listeriose-Ausbruch. Mindestens vier Tote und 216 Infizierte sollen nach Behördenangaben gezählt worden sein und sieben Schwangere ihre ungeborenen Babys verloren haben. In Dänemark hatten sich Ende 2013, Anfang 2014 zudem 20 Menschen mit Listerien infiziert, zwölf starben an den Folgen.

Information

Mit geschwächtem Immunsystem besteht Lebensgefahr

Listerien sind Bakterien, die Durchfallerkrankungen hervorrufen können. Die Erreger sind invasiv: Sie können über Haut und Schleimhaut in das Gewebe eindringen. Listerien gehören zu den Erregern, die meldepflichtig sind.

Die Symptome einer sogenannten Listeriose sind oft unspezifisch und grippeähnlich. Es kann zu Durchfällen, Erbrechen und Magenkrämpfen kommen. Laut Robert-Koch-Institut stellt die Listeriose für gesunde Erwachsene meist keine Gefahr dar. Oft verläuft sie sogar symptomlos und bleibt daher unerkannt.

Listerien können insbesondere bei Schwangeren, Kleinkindern und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem zu schwerwiegenden Erkrankungen führen. Für Menschen mit geschwächtem Immunsystem können sie sogar lebensbedrohlich sein. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bakterien kann Listeria monocytogenes über die Plazenta auf den Fötus übergehen. Je nach Stadium der Schwangerschaft kann es zu Infektionen des Ungeborenen bis hin zur Totgeburt führen.

Risikoprodukte sind etwa Räucherlachs und -forelle, Rohmilch und Rohmilchprodukte sowie Weichkäse. Mitunter findet sich das Bakterium auch auf Gemüse, vor allem, wenn diese mit tierischen Ausscheidungen gedüngt wurden. Daher sind sie auch in folienverpackten Fertigsalatmischungen bekannt.

Listerien können sich auch unter ungünstigen Bedingungen vermehren, schon Temperaturen ab 2,5 Grad Celsius reichen dem Bakterium. Kochen und Braten töten den Erreger allerdings ab.

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