Deutliche Zunahme von Sexualdelikten in Lippe

Silke Buhrmester

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Missbrauch (© Symbolbild: Pixabay)

Kreis Lippe. In Lippe hat es im vergangenen Jahr eine deutliche Zunahme von Sexualdelikten gegeben. Das geht aus der aktuellen Kriminalitätsstatistik hervor. 505 Fälle zählte die Polizei 2020 insgesamt, im Jahr davor waren es 343, 2016 sogar nur 146. Die Aufklärungsquote lag nach Auskunft der Pressestelle bei 87,5 Prozent.

Die Zahl der angezeigten Fälle von häuslicher Gewalt war mit 549 (2019: 540) nur geringfügig höher – allerdings geht die Polizei hier von einer hohen Dunkelziffer aus.

Auffällig ist die deutliche Steigerung der Fallzahlen im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern um 45 Prozent: Im vergangenen Jahr fielen 133 Fälle in diese Kategorie gegenüber 92 Fällen im Jahr 2019 (2018: 63). Damit ist der Kindesmissbrauch zugleich das häufigste Sexualdelikt. Immerhin: Die Aufklärungsquote ist mit 91,7 Prozent ebenfalls am höchsten. Ein Indiz dafür, dass viele Täter im familiären Umfeld oder im Bekanntenkreis zu finden sind. Polizeisprecherin Dr. Laura Merks sagt, dass die Behörde davon ausgehe, dass sowohl die Bevölkerung als auch die lippischen Jugendämter mittlerweile deutlich sensibler seien. „Aufgrund dessen hat sich das Anzeigeverhalten solcher Delikte nachhaltig verändert", heißt es im Bericht zur Kriminalitätsstatistik der Polizei Lippe. Der Missbrauchsfall von Lügde hat sich offenbar tief ins Bewusstsein der Menschen gebrannt.

Die Zahl der Sexualstraftaten in Lippe steigt seit 2016. Bedingt durch neue technische Möglichkeiten wachsen auch die Fallzahlen im Bereich Kinderpornografie. Leichtere Anstiege sind bei Vergewaltigungen und sexueller Nötigung zu verzeichnen. - © Grafik: Meike Groppe/Quelle: Polizei Lippe
Die Zahl der Sexualstraftaten in Lippe steigt seit 2016. Bedingt durch neue technische Möglichkeiten wachsen auch die Fallzahlen im Bereich Kinderpornografie. Leichtere Anstiege sind bei Vergewaltigungen und sexueller Nötigung zu verzeichnen. (© Grafik: Meike Groppe/Quelle: Polizei Lippe)

Kinderpornos erreichen unzählige Nutzer 

Eine ähnliche Zivilcourage wünscht sich die Polizei bei häuslicher Gewalt. Dass die Fallzahl trotz der zusätzlichen Belastungen durch die Corona-Einschränkungen nur um neun gestiegen ist, erklärt sich Margit Picker, Abteilungsleiterin der Polizei Lippe, damit, dass viele Betroffene sich nicht trauten, Anzeige zu erstatten – oder aber auch gar nicht die Möglichkeit haben, wenn der Partner zum Beispiel aufgrund von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit während der Corona-Pandemie rund um die Uhr zuhause ist.

Die Realität spiegelten die Zahlen in diesem Bereich deshalb nicht wider, ist die Polizeichefin überzeugt. „Wir wünschen uns, dass auch hier die Menschen genauer hinschauen, was in ihrer Nachbarschaft los ist und nicht wegsehen, sondern die Polizei informieren. Die Opfer sind oftmals nicht dazu in der Lage", appelliert Dr. Merks.

Deutlich zugenommen haben Kinderpornografie-Delikte: Im vergangenen Jahr bearbeitete die Polizei 150 Fälle, das waren mehr als doppelt so viele wie im Jahr davor (72). In den Jahren 2017 und 2018 waren es sogar nur 37 beziehungsweise 35 Fälle gewesen. Durch die technische Weiterentwicklung seien die Auswertemöglichkeiten der Polizei inzwischen deutlich effizienter, erklärte Dr. Merks die Steigerung. Zudem würden die Dateien, Bilder und Filme, heute nicht mehr eins zu eins versendet, sondern an unzählige Adressaten gleichzeitig.

So könnten Delikte beispielsweise durch die Auswertung von Chatgruppen bei WhatsApp oder in anderen Messengerdiensten „in erheblicher Anzahl" aufgedeckt werden. Und: Die Polizei Lippe hat im Bereich Kinderpornografie der fortschreitenden Digitalisierung Rechnung getragen und personell aufgestockt.

Zahl der Kräfte wurde verdoppelt 

Mit der Aufklärung von Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sind mittlerweile acht Beamte betraut – doppelt so viel wie vorher, hatte der neue Kripo-Leiter Carsten Seck im November im LZ-Interview gesagt. Verstärkung habe es des weiteren durch Regierungsbeschäftigte mit IT-Kenntnissen gegeben.

Auch die Zahl der Vergewaltigungen beziehungsweise schweren sexuellen Nötigungen ist 2020 gestiegen – von 38 Fällen im Vorjahr auf jetzt 54; das ist der höchste Wert seit fünf Jahren. Die Aufklärungsquote lag in diesem Bereich laut Dr. Merks bei 87,8 Prozent.

Leicht rückläufig waren die angezeigten sexuellen Belästigungen – sie werden erst seit 2017 als Straftatbestand gewertet. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Polizei Lippe hier 60 Anzeigen, 2019 waren es 73 (2018: 52).

Ebenfalls zugenommen hat der Bereich Exhibitionismus, hier gab es 2020 mit 28 Fällen einen Rekordwert im Fünfjahres-Vergleich. 2019 wurden 21 Fälle verzeichnet, der niedrigste Wert lag 2017 bei elf Fällen. Zwölf Tatverdächtige wurden im vergangenen Jahr ermittelt, diese sollen für 17 Taten verantwortlich sein – elf Vorfälle sind noch ungeklärt.

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