Detmold im kreativen Ausnahmezustand

Zahlreiche Besucher erleben ein ebenso hochkarätiges wie heiteres Straßentheater-Festival in der Residenz

Von Barbara Luetgebrune

Ohne Publikum funktioniert kein Straßentheater-Festival: Bei der Compagnie Erectus aus Frankreich spielen die Zuschauer eine wahrhaft tragende Rolle: Über deren Schultern hinweg turnen die Darsteller auf dem Bruchberg zu ihrer Spielfläche. Foto: Gerstendorf-Welle
Ohne Publikum funktioniert kein Straßentheater-Festival: Bei der Compagnie Erectus aus Frankreich spielen die Zuschauer eine wahrhaft tragende Rolle: Über deren Schultern hinweg turnen die Darsteller auf dem Bruchberg zu ihrer Spielfläche. Foto: Gerstendorf-Welle
Kreativer Ausnahmezustand - © Detmold
Kreativer Ausnahmezustand (© Detmold)

Weltpremieren, tolle künstlerische Leistungen, gute Laune und eine locker-entspannte Atmosphäre in der ganzen Stadt: Das Europäische Straßentheater-Festival hat an Pfingsten für volle Straßen in Detmold gesorgt.

Detmold. Diego ist 22 Jahre alt, kommt aus Köln und ist Straßentheater-Fan – schon ziemlich lange. Seit Samstag ist er auch Detmold-Fan. Mit Freunden ist er angereist, um das Festival zu erleben. "Bekannte hatten mir erzählt, dass das hier so toll sei. Die waren vor zwei Jahren dabei", sagt Diego. Detmold? Diego war ja erst skeptisch. Jetzt nicht mehr: Sein Pfingstausflug in die Provinz hat sich gelohnt, findet der Kölner.

Straßentheater-Festival in Detmold, das heißt: Die ganze Stadt ist in Bewegung. Gerade hat die Menge noch vor H&M die holländische Crew vom Electric Circus samt seinem putzigen Äffchen Mono umlagert, schon zieht der Tross zum Bruchberg. Hier hat die Compagnie Erectus ihre Spielfläche, die die Franzosen auch gern bis in die dritte Dimension nutzen. Mit Hilfe der Zuschauer, versteht sich. Über Besucher-Schultern turnen die Akteure in die Mitte des Publikumsrings. Sie klettern auch schon mal eine Häuserfassade hinauf – für die tapfere Leistung gibts eine Geranie von eine Bewohnerin – und animieren die Lipper mit ihrem frechem Charme hier zum Tanz und dort zum kleinen Stierkampf.

Das Kultur-Team der Stadt Detmold hatte es in diesem Jahr nicht ganz leicht, geeignete Spielorte zu finden. Hinter der Realschule wird gebaut, das Rosental konnte wegen der Baustelle Hasselter Platz und ihrer Auswirkungen nicht gesperrt werden – "und für den Kronenplatz hatten wir diesmal keine geeignete Produktion. Nichts, was in diese Atmosphäre gepasst hätte", sagt Sabine Kuhfuß, die gemeinsam mit Reinhold Seeg die künstlerische Leitung des Festivals hat. Zwei neue Spielorte gibt es im Sortiment. Auf einem Parkplatz an der Gerichtsstraße treiben Delices DADA ihr groteskes, schnelles Unwesen auf dem Catwalk. Und im Palaisgarten erzählen Senza Tempo in hochkarätigem Tanz und ausgeftüftelten Projektionen von der Liebe in all ihren Spielarten – auch den kalten, unbarmherzigen. Das aber passiert erst spät am Abend, als es dunkel geworden ist im Palaisgarten.

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Detmolder Kultur-Team zieht positive Bilanz

Fast alles lief glatt, berichtet Sabine Kuhfuß. Die Lunatics mussten kurzfristig umbesetzen, weil sich ein Darsteller einen Bänderriss zugezogen hatte, Etienne Borgers konnte seine coolen Frösche nicht zeigen, weil er krank geworden war, und bei den de Jongens ging eine Puppe in Rauch auf – ansonsten: "Alles bestens. Und es gab viel Lob von Künstlern und Besuchern", sagt die künstlerische Leiterin.Bisher hatte das Festival jeweils rund 65 000 Besucher. "Ich hoffe, dass wir da wieder dran kommen", sagt Sabine Kuhfuß. Die Auswertung folgt noch. Auch, was die Spielorte und den Eintritt angeht. "Da machen wir uns jetzt in Ruhe Gedanken, ob sich das Konzept bewährt hat."

Nachmittags tummelt sich das Leben auf dem Schlossplatz, wo das XXS-Zirkuszelt des Circo Ripopolo und eine Bühne mit Sitzrängen aufgebaut sind. Hier gibts auch aus den hinteren Reihen freie Sicht auf die zentrale Spielfläche, auf der unter anderem Celso y Frana ihre bibliophile Liebesgeschichte erzählen. Trotz Tribüne: Wer etwas sehen will, muss schnell sein. Oft sind die Bänke schon lange vor Spielbeginn dicht besetzt. Die Veranstalter haben außerdem den Takt enger gesetzt, oft laufen Vorstellungen sogar zeitgleich. Das hilft ein bisschen gegen das "Ich seh’ nichts"-Gefühl in der dritten Reihe – komplett vermeiden lassen sich die Menschentrauben um die Künstler allerdings nicht. Die Besucher nehmens gelassen. Sie suchen sich eine Bank oder ein Plätzchen auf dem Rasen und genießen das gute Wetter.

Auch neu in diesem Jahr: Einige Vorstellungen kosteten Eintritt. Das galt vor allem für diejenigen, die in Hohenloh liefen: das poetische Märchen vom schrulligen Maschinenbewohner, der an seiner eigenen Gier scheitert, den wilden Action-Showdown der Crew von de Jongens, den die Zuschauer von einer Lkw-Ladefläche aus verfolgten, und jene Inszenierung, in der die Lunatics und Out of Hand von Affen erzählen, die sich wie Menschen verhalten – oder wars umgekehrt?

Die Stücke in Hohenloh hat Diego aus Köln nicht gesehen. Zu teuer? "Gar nicht mal", sagt der 22-Jährige. "Aber ich hatte einfach keine Lust, mit dem Bus zu fahren. Mir hat die Atmosphäre hier in der Stadt so gut gefallen." So gut, dass er spontan über Nacht geblieben ist.

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