Detmolder Landestheater zeigt so berührende wie beklemmende Premiere

Barbara Luetgebrune

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Einsam am Strand der weiten Welt: Milena Hoge sowie Kerstin und Henry Klinder (von links) auf der von Petra Mollérus sparsam möblierten Bühne. - © Landestheater/Hupfeld
Einsam am Strand der weiten Welt: Milena Hoge sowie Kerstin und Henry Klinder (von links) auf der von Petra Mollérus sparsam möblierten Bühne. (© Landestheater/Hupfeld)

Detmold. Nirgends ist man einsamer als in einer Familie. Mit Simon Stephens’ Familienstück „Am Rand der weiten Welt" hat das Landestheater Detmold das NRW-Theatertreffen eröffnet. Das Publikum erlebte eine so berührende wie beklemmende Premiere.

Vater, Mutter, zwei Söhne, die erste Freundin, die Großeltern: Familie Holmes lebt in Stockport. Dann lässt ein Unglück die vermeintliche Normalität kippen – Sohn Christopher kommt bei einem Unfall ums Leben. Angesichts eines solchen Schicksalsschlages aus der Welt zu fallen, ist leicht.

Mit dem Unglück bestätigt sich die Ahnung, dass schon vorher nicht alles gut war. Zur Einsamkeit gesellt sich der Schmerz und wird von den Figuren höchst unterschiedlich ausgelebt. Bruder Alex nimmt sich zurück, wie maschinengesteuert wirkt Lukas Schrenks Agieren auf der Bühne. Vater Peter kapituliert vor den Gefühlen, die sich diesmal nicht durch Witze und Kumpelhaftigkeit übermalen lassen. Und Natascha Mamier in der Rolle von Mutter Alice strampelt verzweifelt, um nicht unterzugehen in der sie überrollenden Welle des Schmerzes.

Simon Stephens’ Dialoge sind stark – gerade weil sie ohne allzu viele Worte auskommen. Regisseur Martin Pfaff und seine Darsteller setzen auf zarte, aber sprechende Gesten, eine Handbewegung nur, und doch ist alles klar. Dass die Gesten wirken können, dafür sorgt Ausstatterin Petra Mollérus mit einem überaus reduzierten Bühnenbild.

Ein paar Stühle, ein Stapel Paletten mit Dosenbier und eine weiße Stoffbahn, die der Bühne Weite gibt, die hier auch Haltlosigkeit bedeutet: Das reicht. Nichts, was vom Tun der Schauspieler ablenken könnte. Und die leisten Grandioses an diesem Abend. Über mehr als drei Stunden reine Spielzeit erhalten sie im Alleingang die Spannung aufrecht.

Und Pfaff hat den perfekten Umgang mit dem Stoff gefunden: Er bleibt zu jedem Zeitpunkt im Moment. Im Moment, der jetzt ist und durchlebt werden will. Aus solchen Momenten setzt sich das Leben zusammen. Das endlos scheint, aber doch – nichts ist sicherer – enden wird. Auch diese Endlichkeit schwingt mit, in jedem Moment. Harfenistin Milena Hoge entlockt ihrem himmlischen Instrument irdische Klänge, vermittelt zwischen den Welten, auch zwischen Resignation und Hoffnung.

Bleibt der Gedanke, dass ein paar Striche der Inszenierung gut getan hätten. Aber das geht eben nicht in einem Stück, das in Momentaufnahmen von der hohen Wahrscheinlichkeit erzählt, verloren zu gehen „am weiten Strand der Welt".

Welcher Moment wäre da weniger wichtig als der andere, welcher ließe sich ersatzlos streichen? Chapeau an das gesamte Ensemble!

Nächster Termin: 1. Juni, 19.30 Uhr.

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