Theaterwerkstatt "bühnenreif" zeigt die fast vergessene Katastrophe

André Gallisch

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Noch ein Tässchen Kaffee: Während der Krieg immer mehr Armut über die Detmolder Bevölkerung bringt, lassen es sich Hedwig (Karin Burkhardt, links) und Friedrich Möller (Reiner Woop) gut gehen. Dienstmädchen Gertrud Nagel (Lysan Hänel) schenkt ein. - © André Gallisch
Noch ein Tässchen Kaffee: Während der Krieg immer mehr Armut über die Detmolder Bevölkerung bringt, lassen es sich Hedwig (Karin Burkhardt, links) und Friedrich Möller (Reiner Woop) gut gehen. Dienstmädchen Gertrud Nagel (Lysan Hänel) schenkt ein. (© André Gallisch)

Detmold. Viele kleine Details nehmen Bezug auf aktuelle Geschehnisse. Doch das von Reiner Woop und der Theaterwerkstatt „bühnenreif“ inszenierte Stück „Erschütterung“ widmet sich einer Begebenheit, die sich am 31. Mai zum 100. Mal jährte: die Explosion einer Munitionsfabrik in Detmold.

Sehr fein haben Woop und seine Mitstreiter die Geschichte um zwei fiktive Familien bis zum Unglück herausgearbeitet. Bei der finalen Explosion der Munitionsfabrik entsteht neben der Erschütterung durch den Knall auch eine der emotionalen Art im Bewusstsein der Zuschauer.

Regisseur Woop selbst glänzte vor fast ausverkauften Rängen im Hangar 21 in der Rolle des Stadtrats Friedrich Möller, Oberhaupt einer gutbürgerlichen Familie. Als einstiger Kriegsbefürworter hat er immer mehr mit seinen Zweifeln zu kämpfen und kann auch seine Bedenken gegen die Munitionsfabrik nicht gänzlich unterdrücken. Grandios das Wortgefecht des Stadtrats mit dem von Bernhard Staercke dargestellten skrupellosen Fabrikanten Walter Kellner. Ein Duell, in dem am Ende Bestechung und Erpressung über Standhaftigkeit siegen.

Herrlich auch die vor Standesdünkel strotzende Gattin Hedwig Möller. Karin Burkhardt gelingt es vor allem mit Mimik und Gestik, Antipathie zu erzeugen. Reiner Woop habe ihr während der Proben gesagt, das Publikum werde sie in dieser Rolle nicht mögen, erzählt sie nach der starken Premiere. „Ich habe gesagt: Wenn das Publikum mich liebt, habe ich in der Rolle etwas falsch gemacht“, fügt sie hinzu.

Ein Dorn im Auge ist Hedwig Möller die Beziehung ihres Sohnes Jürgen (Georg Langenkämper) zu der aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Renate Kottmann (Jacqueline Pape). Die muss sich nicht nur mit der schwierigen Lebenssituation, sondern auch mit der herrischen Großmutter Anna Kottmann (Elisabeth Holz) und der sich in Putz- und Wascharbeiten aufreibenden Mutter Eva (Gaby Steinmeier-Rosin) herumschlagen. Und ihre Freundin Doria Lehmann – Alexandra Steinmeier zeigt sich hier reichlich intrigant – will ihr den Geliebten abspenstig machen.

Viele Verwicklungen in den Beziehungen zwischen den Familien sowie in Verbindung mit der Heil versprechenden und Unheil produzierenden Munitionsfabrik zeichnen spätestens mit Beginn des zweiten Teils den Weg in die Katastrophe vor. Etliche Wendungen erwecken zunächst kurz Hoffnung – um dann aber die drohende Gefahr gerade für die mit fortschreitendem Stück liebgewonnenen Charaktere nur noch größer werden zu lassen.

So gelingt es Reiner Woop, den Spannungsbogen bis zum Ende aufrechtzuerhalten. Die sehenswerte Inszenierung gefiel auch Frank Wiemann und Katrin Brakemeier. Der Kopf der Lemgoer Theatergruppe „Stattgespräch“ und seine Frau nutzten die Sommerpause des eigenen Theaters für den Besuch der Vorstellung im Hangar 21.

Dort können sich Zuschauer auch am Pfingstsamstag und -montag jeweils ab 19.30 Uhr von der Qualität der Aufführung überzeugen.

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