Tessa-Veronika Janus ist freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin. - © Jannik Stodiek

Theater
Detmolder Bühnenbildnerin steht vor ihrer größten Bewährungsprobe

Tessa-Veronika Janus ist freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin. (© Jannik Stodiek)

Detmold. Die erste Hauptprobe eines Theaterstücks ist für sie ein ganz besonderer Tag. Dann sieht Tessa-Veronika Janus all ihre Entwürfe zum ersten Mal auf der Bühne. Allmählich steigt die Anspannung. Doch noch warten ein verschnörkeltes Sofa aus türkisem Samt, das große Ziffernblatt eines Glockenturms und ein überdimensionaler Cupcake in einem Lagerraum abseits der Bühne auf ihren Aufbau.

Sie sind Teil eines Bühnenbilds, das die Detmolderin einst in einem schwarzen Modellkasten in Miniaturformat für das Ballettstück "Der Nussknacker" entworfen hat. Tessa ist freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin. Ihr bislang größtes Projekt steht unmittelbar vor der Premiere.

Das Sofa, auf dem Tessa-Veronika-Janus fürs Foto Platz nimmt, wird auch in Szenen von "Der Nussknacker" zu sehen sein. - © Jannik Stodiek
Das Sofa, auf dem Tessa-Veronika-Janus fürs Foto Platz nimmt, wird auch in Szenen von "Der Nussknacker" zu sehen sein. (© Jannik Stodiek)

"Ich bin immer wieder überrascht, wie modellgetreu alles im Nachhinein aussieht", sagt die 30-Jährige. Zwischen dem ersten Entwurf und der ersten Hauptprobe liegen schweißtreibende Wochen und Monate. Um zunächst ein Gefühl für ein Stück zu entwickeln, beginnt sie ihr Tagwerk mit intensiver Recherche. "Ich muss herausfinden, welche Stimmung der Regisseur in bestimmten Szenen übermitteln möchte. Wenn eine Szene zum Beispiel dramatisch oder gruselig ist, muss das auch am Bühnenbild erkennbar sein", erklärt sie. Damit ihr das gelingt, wälzt sie das Drehbuch und hört sich Musik aus dem Stück an. "Ich lasse mich inspirieren, durchstöbere vor allem das Internet, um mir Eindrücke aus der Zeit zu verschaffen, in der ein Stück spielt."

Bevor aus schaumstoffartiger Modellbaupappe erste Bühnenelemente entstehen, skizziert Tessa ihre Ideen mit einem Bleistift in ihr Produktionsbuch. Dabei zählt das Dreikantlineal zu ihren wichtigsten Utensilien. Acht Bühnenbilder hat die gebürtige Lipperin für das weihnachtliche Ballettstück "Der Nussknacker" entworfen - alle in engem Austausch mit Regisseur und Choreograf Richard Lowe. Es ist Janus' bislang größtes Projekt. "Jeder Entwurf muss von dem Regisseur erst abgesegnet werden. Er ist die entscheidende Instanz", erklärt Janus. "Entweder haben Regisseure schon genaue Vorstellungen davon, was und wie alles später auf der Bühne zu sehen sein soll oder sie überlassen mir die gesamte Gestaltung und ich arbeite einfach frei drauf los."

Im ständigen Austausch

Nach zweieinhalb Monaten hat sie alle Bühnenbilder für das Wintermärchen in Miniaturformat entworfen. Weil sie diesmal für die gesamte Ausstattung zuständig ist, zeichnet sie mit Blei- und Aquarellstiften auch sogenannte Figurinen, also Figuren mit entsprechenden Kostümentwürfen. Auch hier recherchiert sie und lässt sich inspirieren. Sie steht im ständigen Austausch mit Richard Lowe. Man kennt sich. "Der Nussknacker" ist ihr drittes gemeinsames Projekt. Am Freitag, 5. Oktober, feiert es Premiere im Landestheater Detmold. Zuvor inszenierten die beiden bereits zusammen den Beatles-Tanzabend "Love is All You Need" im Detmolder Sommertheater und die Ballettaufführung "Let's Rock".

Beim Nussknacker ist Tessa für die gesamte Ausstattung zuständig: für das Bühnen- und Kostümbild sowie für die Maske. Bis aus dem Miniaturmodell eines aufwendigen Bühnenbildes im Maßstab 1:25 und auf Papier gemalten Kostümen Realität werden, vergehen einige Wochen. "Alles muss intern zunächst geprüft und gemeinsam besprochen werden", erzählt sie. Man müsse auch mal Kompromisse eingehen. "Es kommt schon mal vor, dass das Material, das ich mir für ein Möbelstück ausgesucht habe, schlicht zu teuer oder der Entwurf eines Bühnenbildes zu groß ist oder dramaturgisch nicht passt." Dann gelte es, im Team eine Lösung zu finden.

Blick auf die Bühnendecke: Auch zwischen den zahlreichen Scheinwerfern auf den Zügen lassen sich Dekorationen anrichten. Hierfür gibt es extra einen Vorhangplan, um den Bühnentechnikern einen schnellen Auf- und Abbau sowie den szenischen Wechsel zu ermöglichen. Für das Weihnachtsmärchen sind laut Janus alle Züge belegt. Für das Stück sind acht unterschiedliche Bühnenbilder entworfen worden. - © Jannik Stodiek
Blick auf die Bühnendecke: Auch zwischen den zahlreichen Scheinwerfern auf den Zügen lassen sich Dekorationen anrichten. Hierfür gibt es extra einen Vorhangplan, um den Bühnentechnikern einen schnellen Auf- und Abbau sowie den szenischen Wechsel zu ermöglichen. Für das Weihnachtsmärchen sind laut Janus alle Züge belegt. Für das Stück sind acht unterschiedliche Bühnenbilder entworfen worden. (© Jannik Stodiek)


Während die Requisiten und Kostüme in den Werkstätten des Landestheaters produziert werden, ist sie immer wieder vor Ort. "Ich habe quasi ein wachsames Auge auf alles und schaue, ob es meinen Vorstellungen entspricht". Sie ist Perfektionistin. Das müsse man in ihrem Beruf aber auch schließlich sein. Kreativität allein reicht nicht. Tessa-Veronika Janus deutet auf ihren prall gefüllten Taschenkalender und fügt hinzu: "Man muss ein Organisationstalent, aber vor allem auch kritikfähig und lernbereit sein." Als Quereinsteigerin muss sie es wissen.

Fünf Jahre dauert normalerweise ein Studium zur Bühnen- und Kostümbildnerin. Doch Tessa lernte stets nah an der Praxis, anstatt an einer Kunsthochschule. "So konnte ich mich beispielsweise handwerklich weiterentwickeln und die Abläufe in einem Theater genauestens kennenlernen." Durch ein Jahrespraktikum in der Ausstellungsleitung des Detmolder Landestheaters bekam sie den Fuß in die Tür, baute sich in den ersten Jahren nach ihrem Abitur am Christian-Dietrich-Grabbe-Gymnasium so ihr Wissen auf.

Vier Jahre lang war sie zunächst als Aushilfe am Landestheater tätig und durchlief in dieser Zeit mehrere Abteilungen. "Ich habe in jeder Werkstatt einmal gearbeitet, vor allem Modellbau, Nähen und das Zeichnen von Figurinen gelernt und mir viele Fachbegriffe angeeignet", erinnert sie sich. Im Grabbe-Haus war sie erstmals für ein Bühnenbild verantwortlich. Weitere Arbeiten fürs Kinder- und Jugendtheater sollten folgen.

Nach ihrer Zeit in Detmold arbeitete Tessa drei Jahre als Bühnenbildassistenz am Mannheimer Nationaltheater. Eine Stelle, für die normalerweise ein abgeschlossenes Studium Voraussetzung ist. Ihre praxisnahe Erfahrung allerdings kommt ihr zugute. "In Mannheim habe ich zwei Jahre mit Achim Freyer arbeiten dürfen, einem 'Mega-Künstler', unter dem ich sehr viel gelernt habe", blickt Janus leicht wehmütig zurück. Diese Erfahrung sei für sie das Sprungbrett fernab der lippischen Heimat gewesen.

Der Kontakt zum Landestheater riss nie ab, so dass die Rückkehr nach Lippe nur eine Frage der Zeit schien. "Ich liebe Detmold, das ist meine Heimat. Für mich stand außer Frage, irgendwann mit reichlich Erfahrung im Gepäck zurückzukommen." Die Ballett-Aufführung des Nussknackers ist für die 30-Jährige eine besondere Erfahrung. "Für mich geht damit ein Traum in Erfüllung, das Ergebnis monatelanger Arbeit endlich auf der großen Theaterbühne in meiner Heimat zu sehen."

Je näher die Premiere rückt, desto größer wird der Nervenkitzel. Dann verschwindet sie wieder in den Katakomben des Landestheaters. Sie hat wenig Zeit. Die erste Hauptprobe steht kurz bevor, Hektik macht sich breit. Bis zum Ende einer gelungenen Premierenvorstellung wird die Hektik auch nicht abreißen. Doch schon bald kommen für die Detmolderin auch wieder ruhigere Arbeitsphasen. Die nächsten Projekte sind bereits in Planung - fernab von Lippe. Die Staatsoper in Berlin und die Festspiele in Schwetzingen erwarten sie bereits.

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von Niklas Böhmer

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