"Scharnow": "Ärzte"-Drummer Bela B hat einen Roman geschrieben

Steffen Rüth

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Bela B Felsenheimer bringt mit "Scharnow" seinen Debütroman auf den Markt, Bislang war er in der Literaturszene hauptsächlich als Sprecher in Aktion getreten. - © Henning Kaiser/dpa
Bela B Felsenheimer bringt mit "Scharnow" seinen Debütroman auf den Markt, Bislang war er in der Literaturszene hauptsächlich als Sprecher in Aktion getreten. (© Henning Kaiser/dpa)

Mit "Scharnow" erscheint das erste Buch des Schlagzeugers der "Ärzte". Im Interview spricht Bela B Felsenheimer über den Pakt der Glücklichen, das Älterwerden und Trump-Fasten.

In Ihrem Roman „Scharnow" vermengen Sie Elemente aus allen möglichen Genres: Horror, Comic, Komödie, ernsthafte Gesellschaftsliteratur. Das Buch ist gespickt mit Absurditäten. Was ist „Scharnow" für Sie?

Bela B Felsenheimer: Unterhaltung! Drama, Tod, Liebe, Spaß – das alles gehört zum Leben dazu. Es gibt teils sehr traurige Figuren in diesem Buch. Die Tragikomik ist ein Element, das mir extrem wichtig ist. Und es macht mir einen Heidenspaß, die eine oder andere Figur von einem Unglück ins nächste trampeln zu lassen.

Haben Sie Vorbilder unter den Schriftstellern?

Bela B: Nicht direkt. Ich habe Stephen Kings „Über das Schreiben" gelesen, eine Mischung aus Handbuch und Autobiografie, und seine Regeln und Tipps haben mir sehr geholfen. Sein Buch hat mir gerade beim Schreiben sehr viel Mut gemacht.

Mögen Sie Ihre Figuren?

Bela B: Logisch. Das Buch ist ja von mir, und in allen meinen Charakteren stecke auch ich drin. Die Figuren sind mir so sehr ans Herz gewachsen, dass ich niemanden komplett ans Messer liefern wollte. Den Figuren, die total im Arsch sind, habe ich als Ausgleich interessante Fähigkeiten angedichtet.

Gibt es einen Charakter, mit dem „Scharnow" für Sie begonnen hat?

Bela B: Für mich gibt es sechs Hauptfiguren, und eine besteht aus vier Männern. Mit denen ging es los. Ich nenne die vier den „Pakt der Glücklichen". Diese Typen überfallen einen Supermarkt, und ziehen sich dafür nackt aus und Papiertüten über den Kopf. Natürlich kennt jeder diese Jungs, sie kaufen in dem Laden ja täglich ihren Alk und ihre Kippen.

Das ist wirklich bekloppt.

Bela B: Das ist so bekloppt, dass es das wirklich gegeben hat. Ein Freund hat mir davon erzählt, genau ein sehr ähnlicher Überfall ist in seinem Dorf passiert. Aber die waren damals nur drei und keine Philosophen.

Der „Pakt der Glücklichen" hat ein „Manifest" mit 19 Regeln zum Glücklichsein verabschiedet. Haben Sie etwas Ähnliches?

Bela B: Im Prinzip sind das alles Regeln, die ich für vertretbar halte. „Du darfst alleine trinken, aber nie alleine saufen" zum Beispiel, oder „Achte die anderen! Achte darauf, sie zu beachten". Sicher nicht zu meinen Maximen gehört „Lesen, welches der Information dient, ist zu vermeiden!" Ich kann und will die Außenwelt nicht abschirmen, versuche aber mittlerweile, die täglichen Meldungen über einen gewissen orangehäutigen Politiker an mir vorbeirauschen zu lassen. Ich nenne das Trump-Fasten.

Der Gegenentwurf zum Pakt ist der „Bund skeptischer Bürger", der aus Verschwörungstheoretikern besteht. An welche Verschwörungstheorie glauben Sie selbst?

Bela B: Ich denke über die irrsten Sachen nach und bin empfänglich für Quatsch. Lange habe ich es für möglich gehalten, dass Vampire keine rein literarische Erfindung sind. Es war meine Form der Romantik, mir vorzustellen, dass diese Legenden auf teils wahren Begebenheiten beruhen.

Glauben Sie das heute noch?

Bela B: Nein. Aber ich würde mich immer noch gerne eines Besseren belehren lassen.

Man merkt „Scharnow" Ihre Liebe für Comics an. Sind Comics nicht eher etwas für Teenager?

Bela B: Naja, als ich mit Anfang 20 noch total gerne Comics gelesen hatte, fragte ich mich auch, ob das nicht irgendwann mal aufhört. Heute weiß ich: Nein, tut es nicht. In Japan lesen auch Geschäftsleute Comics, das ist dort ein ganz normaler, etablierter Teil der Kultur. So falsch kann ich mit meiner Leidenschaft also nicht liegen.

Halten Sie sich eigentlich für erwachsen?

Bela B: Teils, teils. Ich will kein Opa sein, der mit Weisheiten um sich schmeißt und alle nervt, ein Stück weit werde ich immer 19 bleiben. Gleichzeitig bin ich natürlich älter geworden und profitiere von meinen Erfahrungen, kann besser reflektieren als früher. Früher hätte ich kein Buch schreiben können, da war zu viel Chaos in meinem Kopf.

Fühlen Sie sich manchmal alt?

Bela B: Nö. Ich bin immer noch auf der Suche und neugierig darauf, Dinge zu lernen und auszuprobieren. So lange das so bleibt, fühle ich mich frisch. Aber natürlich hat mich das Alter etwas ruhiger gemacht. Ein Polizist ist für mich heute zum Beispiel nicht mehr automatisch ein Nazischwein. Früher mag das mal anders gewesen sein.

Ist es für die Geschichte relevant, dass der Roman in einem Dorf in Brandenburg spielt?

Bela B: Schon. Berlin sollte als Verheißung, aber auch als bedrohlicher Moloch am Horizont zu sehen sein und 150 Kilometer um Berlin ist nun mal Brandenburg. Plattenbauten und ein schlecht ausgebautes Internet. Deshalb hält sich in Scharnow ja auch noch ein Internet-Café.

Eine wesentliche Rolle spielt der syrische Flüchtlingsjunge Hamid. War es Ihnen wichtig, dass er so ein netter und schlauer Kerl ist?

Bela B: Der Hamid war erst als Nebenfigur geplant, dann wurde er größer. Ich wollte an ihm eigentlich nur festmachen, was auch meine Erfahrung ist, nämlich dass viele Geflüchtete diese irre schwere deutsche Sprache sehr schnell gelernt haben. Und ja, er ist von allen jungen Leuten im Buch der Normalste, aber das hat sich so ergeben. Er sieht gemeinsam mit dem Leser auf diese absonderlichen Leute und den seltsamen Ort und wundert sich.


Hörbuch liest Bela B selbst

Das Buch in Kürze: Felsenheimer entwirft in „Scharnow" das Sittengemälde eines Dorfes in Brandenburg.
Hier und da könnte man leichte Parallelen zu Juli Zehs Roman „Unterleuten" entdecken, doch sind Bela Bs Figuren deutlich absurder, übertriebener und teils auch lustiger gezeichnet.

Bela B Felsenheimer: „Scharnow", 416 Seiten, Heyne, 20 Euro. Es gibt den Roman auch als Hörbuch, Felsenheimer liest selbst (Random House Audio, 21,95 Euro).

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