Kunst und Leben wachsen in Schichten

Warum eine Berlinerin und eine Detmolderin seit zehn Jahren jeden Sommer nach Schwalenberg reisen

Von Barbara Luetgebrune

Impulse von außen sind wichtig: Helga Ntephe (links) gibt Gesa Reuter ein paar Tipps zu dem Bild, an dem diese gerade arbeitet. Seit zehn Jahren besucht Gesa Reuter jeden Sommer einen Malkursus bei der Berliner Künstlerin. - © Foto: Preuss
Impulse von außen sind wichtig: Helga Ntephe (links) gibt Gesa Reuter ein paar Tipps zu dem Bild, an dem diese gerade arbeitet. Seit zehn Jahren besucht Gesa Reuter jeden Sommer einen Malkursus bei der Berliner Künstlerin. (© Foto: Preuss)

Schieder-Schwalenberg. Gut 250 Kunstinteressierte aus ganz Deutschland holen sich derzeit im lippischen Südosten frische Impulse für ihr kreatives Schaffen. In der Malerstadt läuft die 21. Schwalenberger Sommerakademie.

Eine der Teilnehmerinnen ist Gesa Reuter. Die Detmolderin kann keinesfalls mit ihrer weiten Anreise punkten, aber wenn es um die Treue zum Angebot der Lippischen Kulturagentur geht, dürfte sie ziemlich weit vorne liegen. Schon seit 15 Jahren kommt sie jeden Sommer in die Malerstadt. Seit zehn Jahren belegt sie Kurse bei der Berliner Künstlerin Helga Ntephe, die seit eben dieser Zeit als Dozentin in Schwalenberg tätig ist.

Wird das nicht mit der Zeit langweilig? "Im Gegenteil", sagt Gesa Reuter. "Das könnte von mir aus noch 30 Jahre so weiter gehen. Das, was ich hier über Kunst erfahre, vertieft sich von Jahr zu Jahr."

Noch gut kann sie sich an ihre ersten Versuche mit der Malerei erinnern. "Damals dachte ich, ich müsse ,hübsche' Bilder malen", erzählt sie. "Das war zuerst so ein Gequäle, zu lernen, dass man oft etwas Gemaltes zerstören und noch mal neu ansetzen muss. Erst so bekommt ein Bild Tiefe." Erfahrungen machen eine Sache erst interessant, geben ihr Authentizität, und beides manifestiert sich in Schichten - das ist in der Kunst nicht anders als im Leben, findet die Psychotherapeutin. "Mein, wie ich finde, bestes Bild hat 80 Schichten." Gesa Reuter lacht.

"Gute Kunst ist immer das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses": So formuliert es Dozentin Helga Ntephe. Das sei es, was sie den Teilnehmern in ihren Kursen - in diesem Jahr unterrichtet sie Freie Malerei mit den Techniken der Alten Meister - zu vermitteln versuche.

"Ein einfach ,schön' gemaltes Bild reicht mir nicht." Der gestalterische Prozess beginne bereits mit der Wahl des Motives: Warum suche sich jemand ein ganz bestimmtes Haus aus, um es zu malen, warum nicht das Nachbarhaus? "Das sollen meine Schüler begründen können. Und diese Begründung soll man im Bild sehen, dann wird es ein gutes Bild", sagt Helga Ntephe. Dieses Verständnis müsse man trainieren - und oft müsse es auch einfach eine Weile reifen. "Darum bin ich immer so glücklich, wenn Leute im nächsten Jahr wiederkommen."

Und warum kommt sie als Dozentin jeden Sommer wieder? Helga Ntephe überlegt nur kurz. "In den Kursen muss ich ganz präzise formulieren, was Kunst für mich bedeutet - und das ist schwer. Aber ich mag diese Herausforderung." Außerdem lerne sie selbst, wenn sie unterrichte, dann etwa, wenn sie sich (wieder) mit Sachen beschäftige, von denen sie eigentlich geglaubt habe, dass sie längst damit abgeschlossen habe.

Lernbereit bleiben: Das sei wichtig, wenn man sich ernsthaft mit Kunst befasse, sagt Dr. Mayarí Granados, Kunstreferentin bei der Kulturagentur. "Nur so kann man sich weiterentwickeln. Und wenn Teilnehmer sich darauf einlassen, und am Ende der Sommerakademie ganz anders weggehen, als sie gekommen sind, das ist immer ein tolles Erlebnis."

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