Landestheater feiert Premiere von "Zar und Zimmermann"

Das Publikum spendet anhaltenden Beifall für die Oper von Albert Lortzing. Ein dickes Extra-Lob gebührt dem Chor

Ilse Franz-Nevermann

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Tanzt sich fröhlich in den Vordergrund: Katharina Ayiba als Marie, die Nichte des Bürgermeisters, in einer Spielszene der mitreißenden Aufführung des Ensembles im Landestheater in Detmold. - © Foto: Landestheater/Quast
Tanzt sich fröhlich in den Vordergrund: Katharina Ayiba als Marie, die Nichte des Bürgermeisters, in einer Spielszene der mitreißenden Aufführung des Ensembles im Landestheater in Detmold. (© Foto: Landestheater/Quast)

Detmold. Riesen-Jubel für die letzte Opernpremiere der Saison: Freitag ist die Spieloper „Zar und Zimmermann" von Albert Lortzing mit musikalischer Brillanz über die Bühne des Landestheaters gegangen.

Der deftige Spaß, zu dem Lortzing als Komponist und Librettist das Geschehen aus dem holländischen Saardam im späten 17. Jahrhundert formte, hat einen ernsten Hintergrund. Historisch verbürgt sind sowohl die zahlreichen russischen Deserteure als auch der überforderte Bürgermeister. Und auch Zar Peter I., der als „Peter der Große" zum brutalen Modernisierer des russischen Reichs wurde, heuerte in Amsterdam als Schiffsbauer an. Allerdings war sein Benehmen weit weniger edel, als es der Komponist schildert. Der Herrscher betrieb schlichtweg Werksspionage.

„Angewandte Entwicklungshilfe" nennt es der ins Geschehen eingefügte Erzähler (Mathias Eysen), der die im Libretto kaum versteckten politischen Anspielungen geschickt in die Gegenwart überträgt. Und so kann sich in der mit viel Situationskomik gespickten Regie von Wolf Widder ein prächtiges barockes Spiel entfalten, dessen von Petra Mollérus vor Fantasie überbordende Kostüme eine wahre Augenweide sind.

Wenn sich der transparente Bühnenvorhang hebt, erscheint eine große Halle mit hölzernem Dachgebälk. Hier agieren, wie bis vor Lortzings Zeiten üblich, keine Heroen in pompösen Spektakeln mehr, sondern natürlich empfindende Menschen. Damit kommt endlich der verstärkte Chor zu seinem Recht, dem in der Einstudierung durch Marbod Kaiser ein dickes Extra-Lob gebührt. Schlichtes, unsentimentales Liedgut in zahlreichen Schattierungen bestimmt diese Form der „Spieloper". Die Skala reicht von Gefühlswärme über Koketterie bis zur drastischen Komik.

Einer der Höhepunkte ist das kunstvoll gearbeitete Sextett, in dem politische Intrigen in feinsten Nuancen ausgespielt werden. Für alles sorgt das Landestheater-Orchester unter György Mészáros auf begeisternde Weise. Die Spielfreude der Akteure springt schnell ins bestens besetzte Auditorium über. Eine Paraderolle für jeden Spielbass ist die Figur des Bürgermeisters van Bett. Frank Blees kann sängerisch und darstellerisch als selbstgefälliger kleiner Potentat mit beschränkten Geistesgaben überzeugen. Julian Orlishausen verleiht als Zar seiner Nostalgie innige Töne, Markus Gruber ist in Klang und Spiel ein überzeugender „falscher Peter". Mit schönem Schmelz besingt Stephen Chambers als französischer Delegierter sein geliebtes „Flandrisches Mädchen", und Katharina Ayiba gibt eine kokette Marie mit filigraner Eifersuchts-Ariette.

Immer wieder sind witzige Einfälle zu beklatschen. So wendet der Chor bei der berühmten Kantatenprobe die Noten ständig zur Unzeit mit großem Geraschel um, und ein Orchester aus Holz „spielt" die Ouvertüre zum nachfolgenden Holzschuhtanz, choreographiert von Richard Lowe.

Der Größenwahn des Bürgermeisters steigert sich bis ins Abstruse, wenn er sich als römischer Imperator mit Toga und goldenem Lorbeerkanz dem Porträtmaler stellt. Und Michael Zehe, der als englischer Gesandter auftritt, lässt in seinem Outfit nicht den geringsten Zweifel am kriminellen Ursprung der glorreichen britischen Seemacht offen.

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