Haftstrafe nach Messerangriff in Flüchtlingsunterkunft

Raphael Bartling

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Lage/Detmold. Ein harmloses Telefonat endet in einer Flüchtlingsunterkunft mit einem rabiaten Messerangriff: Ein Marokkaner ist vom Landgericht Detmold wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden. Weil der 24-Jährige medikamentenabhängig ist, wird er in einer Entziehungseinrichtung untergebracht.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft war der 24-Jährige im Februar auf einen Mitbewohner in der Lagenser Flüchtlingsunterkunft mit einem Küchenmesser losgegangen, weil dieser telefoniert und ihn nach einer durchzechten Nacht aus dem Schlaf gerissen hatte. Das Opfer, ein 33-Jähriger Mann, erlitt Schnittwunden im Gesicht, an der Hüfte und am Gesäß.

Nach der Zeugenanhörung stand Aussage gegen Aussage. Der Angeklagte, der seit September 2014 in Lage lebt, gab an, sich nicht an eine Messerstecherei erinnern zu können. Der 33-Jährige habe ihn geohrfeigt und man habe sich gestritten. "Er wollte mich umbringen", sagte hingegen der 33-Jährige aus. Der Angeklagte habe zunächst versucht, ihn mit Faustschlägen zu verletzen, dann habe er aus seinem Zimmer ein Messer geholt und damit auf ihn eingestochen. Die Kammer unter dem Vorsitz von Richter Karsten Niemeyer glaubte dem Zeugen: "Es gibt keinen Zweifel an der Schilderung des Geschädigten. Er hatte kein Motiv, den Angeklagten unrechtmäßig zu belasten."

In der Verhandlung gab Dr. Michael Peters ein psychiatrisches Gutachten ab. Im Alter von 20 Jahren hatte der Marokkaner einen Motorradunfall erlitten und einige Tage im Koma gelegen. Der behandelnde Arzt hatte eine Persönlichkeitsstörung attestiert. Die drastische Handlung in der Flüchtlingsunterkunft, so Dr. Peters, lasse sich allerdings nicht damit in Verbindung bringen. Der Angeklagte habe während der Untersuchung "einen unauffälligen Eindruck gemacht". "Er zeigte keine plötzlichen Stimmungsschwankungen", erklärte Dr. Peters.

Allerdings wurde deutlich, dass der 24-Jährige seit dem Unfall medikamentenabhängig ist. Er gab an, dass er sich Rivotril, ein Mittel zur Behandlung von Anfallsleiden, in seiner Heimat bei Drogenhändlern besorgt habe. In Deutschland würde er laut eigener Aussage nicht mehr so leicht an das Mittel gelangen. Entzugserscheinungen wie starke Kopfschmerzen und Stimmungsschwankungen seien die Folge. Während seines Aufenthaltes in der JVA Detmold habe er mit Suizid-Drohungen versucht, eine höhere Dosierung des Medikamentes zu erreichen. Das Gericht folgte deshalb der Empfehlung des Sachverständigen, die Strafe mit einer Therapie zu verbinden.

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