Vor 70 Jahren stürzt ein US-Bomber über Lemgo ab

Zeitzeuge erinnert sich an Kriegsgeschehnisse

Thomas Reineke

Bomberwrack in der Laubke: die Maschine stürzte am 11. Januar 1944 auf ein Stallgebäude. - © Foto: Privat
Bomberwrack in der Laubke: die Maschine stürzte am 11. Januar 1944 auf ein Stallgebäude. (© Foto: Privat)

Lemgo. Heute vor 70 Jahren ist ein amerikanischer Bomber über Lemgo abgestürzt. Alle zehn Besatzungsmitglieder starben. Horst Wrenger, heute 82, hat das Drama hautnah miterlebt. Es ist ein kalter, aber sonniger 11. Januar 1944.

Seit den Morgenstunden „brummt“ es immer wieder über Lemgo. Alliierte Bombergeschwader überfliegen die Stadt. Ihre tödliche Fracht ist für wichtigere Ziele bestimmt. Die drei Geschwister Wrenger – Liane, Horst und Heinz – spielen im Garten des Hauses am Kleinen Schratweg in der Laubke, wo sich auch eine Zimmerei befindet. „Guck mal, Horst, da kommt einer runter“, sagt sein zwei Jahre älterer Bruder. Horst, damals 12, blinzelt in den Himmel und sieht, wie ein Kampfflieger in ein in Form einer Raute fliegendes Bombergeschwader
eingedrungen ist und eine der größeren Maschinen bereits Rauch gefangen hat. Kurz darauf gerät sie ins Trudeln.

Die Kinder laufen mit ihrer Mutter in den Keller des Wohnhauses. Keine Sekunde zu früh. „Das Komische war, dass wir unten von dem Aufschlag nichts gehört haben“, erinnert sich Horst Wrenger. Als sie aus dem Keller klettern, ist der Anblick verheerend. Der Bomber vom Typ Boeing B-17 mit vier Motoren ist auf die Stallscheune auf dem Grundstück gekracht. Das ganze Gebäude liegt in Schutt und Asche, es brennt lichterloh. Das Feuer greift auf den Dachstuhl des benachbarten Wohnhauses über. Vier Kühe können gerade noch aus dem Stall getrieben werden, zehn Schweine verbrennen – ebenso die für die Zimmerei Heinrich Wrenger so wichtige Baumholzsäge. Die Feuerwehr fährt vor. Sie kann das Wohnhaus retten.

Tags darauf kommt der deutsche Pilot des Jagdfl iegers, einer am Fliegerhorst in Detmold stationierten Messerschmidt ME-109, an den Schratweg. „Der wollte sich das Wrack ansehen, dass er abgeschossen hatte. Uns hat er gesagt, dass ihm der Schaden an Stall und Haus außerordentlich leid täte“, erinnert sich Horst Wrenger. „Was mit den Besatzungsmitgliedern war, wussten wir zuerst nicht“, erzählt Horst Wrenger, der die Geschichte des Absturzes recherchiert hat. Später erfuhr die Familie: Nur einer der zehn USSoldaten hatte den Absturz überlebt. Er kam schwer verletzt am Biesterberg mit dem Fallschirm herunter, wurde gefangen genommen und ins Krankenhaus an der Rintelner Straße gebracht. Er starb kurz darauf.

Ein weiterer Flugzeuginsasse schlug auf das Dach eines Hauses in der Lehmkuhle und war sofort tot. Sechs Wochen später erfuhren die Wrengers, was mit zwei weiteren US-Soldaten geschehen war. Erst dann wurde das Flugzeugwrack mit einem Traktor aus der Stallruine gezogen. „Drinnen fanden sich zwei verkohlte Leichen. Zwei Bordschützen saßen noch vor ihren doppelläufigen Maschinengewehren“, hat Horst Wrenger das grausige Bild noch 70 Jahre später vor Augen. Die Teile des Bomberwracks lagen noch bis Mai am Kleinen Schratweg. Ein Schild an der Absturzstelle mahnte: „Wer hier plündert, wird mit dem Tode bestraft.“ Die toten US-Soldaten wurden in Einzelsärgen auf einem Lemgoer Friedhof bestattet.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs fahndete die US-Armee nach ihnen. Die Gefallenen wurden bereits im August 1945 auf einen Ehrenfriedhof in den Vereinigten Staaten umgebettet. Ein Grab von seinem Vater sucht Horst Wrenger bis heute vergeblich. Heinrich Wrenger ist seit August 1944 vermisst – verschollen an der Ostfront. In den 1950er Jahren bekam die Familie Wrenger einen Lastenausgleich für das erlittene Leid und den Schaden: 300 D-Mark.

Zweiter Absturz in Wahmbeckerheide

Am Abend des 11. Januar 1944 vermeldete das Oberkommando der Wehrmacht, dass an dem Tag über Deutschland 168 alliierte Bomber abgeschossen worden seien – die höchste Quote im Krieg bisher. Einer davon war die B-17 (eine „Flying Fortress, Fliegende Festung), die über Lemgo abstürzte. Die 23 Meter lange Maschine mit vier Motoren mit je 1200 PS und bis zu sechs Tonnen Bomben an Bord war im Geschwader von Molesworth (England) auf dem Weg nach Braunschweig. Am 30. September 1944 stürzte eine zweite B-17 über Lemgo ab. Die Maschine ging in Wahmbeckerheide nieder. Dabei kamen sieben der neun Insassen ums Leben. Dieser US-Bomber hatte das Ziel Bielefeld. Die Leineweberstadt erlebte an dem Tag den schwersten Luftangriff des Krieges. Über 600 Menschen kamen ums Leben, große Teile der Altstadt Hat recherchiert: Zeitzeuge Horst wurden zerstört.

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