Kotzolt startete vor 70 Jahren mit Tapetenresten

Grundstein zu einer der Firmengeschichten der Stadt

Till Brand

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Keimzelle: Die Werkstatt der Firma Kotzolt im Winter 1945 – rechts stehtGünter Kotzolt, daneben Marta Stapperfenne. Die Namen des angestellten Bäckerlehrlings und der Näherin sind unbekannt. Das Foto hat vermutlich Liese Kotzolt gemacht. - © privat
Keimzelle: Die Werkstatt der Firma Kotzolt im Winter 1945 – rechts stehtGünter Kotzolt, daneben Marta Stapperfenne. Die Namen des angestellten Bäckerlehrlings und der Näherin sind unbekannt. Das Foto hat vermutlich Liese Kotzolt gemacht. (© privat)

Lemgo. Heute vor 70 Jahren wurde die Firma Kotzolt gegründet. Inzwischen ist das alte Familienunternehmen passé. Insolvent. Abgewickelt. Aufgekauft. Die Gründungsgeschichte es jedoch wert, dass sie erzählt wird.

Über Jahrzehnte steuerte der 2005 verstorbene Günter Kotzolt die Geschicke des Traditionsunternehmens, ehe er 1986 die technische Leitung an Sohn Michael übergab. Die kaufmännische übernahm mit Hartmut Balzer der Schwiegersohn des Bruders von Seniorchefin Liese Kotzolt. Doch loslassen? Das konnte der Seniorchef nicht wirklich.

Nach der Jahrtausendwende schipperte der Betrieb in schwerer See, kenterte: die Insolvenz. Doch selbst als die Firma der Gründerfamilie nicht mehr gehörte, ließ es sich Günter Kotzolt nicht nehmen, zu Empfängen im Stammhaus zu erscheinen. Was viele jedoch nicht wissen: War Günter Kotzolt auch das Gesicht des Leuchtenherstellers, aus der Taufe gehoben hat den Laden seine Frau Liese.

Hatte sich der gebürtige Habelschwerter (Oberschlesien), damals 33 Jahre alt, nach Kriegsende 1945 doch ungeschickt verhalten. Aus der Armee entlassen, mussten sich die Wehrmachtsangehörigen am Lemgoer Bahnhof durch die Amerikaner registrieren lassen. So auch Günter Kotzolt. „Er muss auf die Fragen der GIs wohl ziemlich flapsig geantwortet haben“, erinnert sich Susanne Buchholz an Berichte im Familienkreis.

Fest steht: Der 33-Jährige hatte die Amerikaner derart gegen sich aufgebracht, dass er sofort auf die Ladefläche eines Transporters verfrachtet wurde und in Kriegsgefangenschaft kam. „Er konnte meiner Mutter nur noch zuwinken“, berichtet Buchholz. So verbrachte Günter Kotzolt ein halbes Jahr in Compiègne in Frankreich. Eine harte Zeit für ihn, auf 45 Kilo abgemagert bei gut 1,80 Meter Körpergröße kam er im September nach Hause. Eine harte Zeit aber auch für seine Frau, die bereits zwei Töchter zu versorgen hatte. Staatliche Fürsorge? Fehlanzeige!

Um die Familie über die Runden zu bringen, gründete sie am 15. August 1945 die Kunstgewerblichen Werkstätten Liese Kotzolt. Aus Tapetenresten, aus abgewaschenen Röntgenfilmen entstanden Lampenschirme, die die Firmenchefin in Personalunion als Außendienstlerin verkaufte, aber auch in einem Geschäft am Markt ausstellte.

„Meist wird sie Tauschgeschäfte eingegangen sein, um Lebensmittel zu bekommen“, vermutet Tochter Susanne Buchholz. Doch die künstlerische Begabung ihrer Mutter schlug ein – schon bald beschäftigte die kleine Manufaktur drei Angestellte. Als Günter Kotzolt entlassen wurde, stieg er ins Geschäft ein. „Als Architekt fand er keine Anstellung“, berichtet Buchholz. Also wurde aus den Kunstgewerblichen Werkstätten die Offene Handelsgesellschaft Liese + Günter Kotzolt. Schon 1948 präsentierte der Betrieb, inzwischen auf 15 Beschäftigte angewachsen, auf der Möbelmesse Köln seine Produkte.

Dabei war die Firma der Handelskammer nach Angaben von Michael Kotzolt zunächst nicht groß genug für die Aufnahme ins Handelsregister. Doch die Sache nahm Jahr um Jahr Fahrt auf. „Investiert wurde anfangs nicht auf Pump, es ging langsam, aber stetig aufwärts“, sagt Susanne Buchholz. Die Familie übernahm an der Lageschen Straße eine große Weidefläche aus dem Besitz von Eben-Ezer und baute die Keimzelle der Erfolgsstory. Kotzolt machte sich über Lemgo hinaus einen Namen.

In der Spitze arbeiteten in den 90er Jahren 380 Menschen für den Leuchtenspezialisten. Seine Stärke: „Es kam immer alles aus einer Hand“, sagt Susanne Buchholz und verweist auf die vielen Spezialisten, die Kotzolt selbst beschäftigte. „So wurden Stanz- und Spritzgießwerkzeuge selbst hergestellt“, bekräftigt Buchholz. „Dadurch konnten wir auf Launen des Marktes reagieren. Schneller als die Konkurrenz.“

Doch dann ging es der Lichtbranche schlecht. Es traf Kotzolt im Expansionskurs, nach Zukäufen im Ausland. Vor allem der Markt für öffentliche Bauten, Kotzolts Standbein, brach nach der Rezession 1993 ein, sagt Michael Kotzolt. „Als sozial eingestelltes Unternehmen haben wir trotzdem am Personal festgehalten, versäumt, es anzupassen“, sagt er. Den Rest gab ein Großauftrag, bei dem der Generalunternehmer Pleite ging und Kotzolt Ware im Wert von drei Millionen Euro nur verschrotten konnte. Der Name Kotzolt – auch nach der Insolvenz lebt er weiter. Majid Mirzaei kaufte die Firma aus der Insolvenz und macht als Kotzolt International weiter. Produktionsstopp? Einen solchen hat es nie gegeben.

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