Um die Strohsemmel ranken sich viele Legenden

Seda Hagemann

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Die Geschichte der Strohsemmel - © Anna Muer
Die Geschichte der Strohsemmel (© Anna Muer)

Lemgo. Strohsemmel: In Lemgo kennt das Traditionsgebäck jeder - und auch Gäste von außerhalb nehmen gern eine Tüte voll mit nach Hause. Doch was hat es mit der Spezialität eigentlich auf sich?

Hermann Hentschel, Hobbyhistoriker vom Arbeitskreis Stadtgeschichte, weiß um die Besonderheiten des vergleichsweise schlichten Gebäcks. Wichtiger und an der Unterseite immer wieder erkennbarer Punkt: das Backen auf Stroh. Roggenstroh, unbehandelt und nicht gedroschen, erklärt Hentschel und fügt hinzu: "Ursprünglich war das Stroh als Isolierung gedacht, damit die Semmeln bei Temperaturen von 280 Grad nicht auf dem heißen Stein verbrennen."

Fotostrecke: So entsteht eine Lemgoer Strohsemmel

Ungewöhnlich ist darüber hinaus, dass der Teig vor dem Backen in heißem Wasserdampf gebrüht wird - so, wie es unter anderem in Russland üblich ist. Die verschließt die Poren des Hefeteilchens... und sorgt für eine lange Haltbarkeit, erklärt Hentschel. Dazu kommt die hohe Backtemperatur. "Dadurch ist eine Semmel normalerweise schon nach zehn Minuten fertig", bekräftigt der Geschichtsexperte.

Eng mit der Geschichte der Strohsemmel verwoben war die Bäckerei Kracht in der Breiten Straße. Von dort ging das Rezept auch an die Bäckerei Dickewied in Wahmbeck. "Vor acht Jahren stand einer der Brüder Kracht im Laden und brachte uns die Rezeptur", erinnert sich Bäcker Ingo Dickewied. "Er wollte nicht, dass die traditionell hergestellten Semmeln einfach verloren gehen."

Dabei fand das Gebäck durch den Wunsch einer Kundin ins Sortiment bei Dickewied. "Sie hat danach verlangt - und jetzt laufen die Strohsemmeln wie verrückt", bekennt Dickewied, dessen Backstube seit 110 Jahren in Familienhand ist... und es auch bleiben wird: Julian Dickewied ist als Azubi an Bord.

Apropos Rezept und Tradition: Nach Angaben von Hermann Hentschel gibt es die eine wahre Zutatenliste gar nicht. "Das Rezept ist trotz vieler Vorurteile frei verfügbar", erwähnt der Lemgoer. Auch um den Weg, den das Rezept in die alte Hansestadt genommen hat, ranken sich gleich mehrere Legenden - drei an der Zahl.

Variante eins: Während seines Einsatzes im Napoleonischen Feldzug gen Russland buk ein Bäckergeselle aus dem Lipperland die Semmel als Proviant für seine Truppen. Doch Hermann Hentschel ist kritisch: "Man fragt sich, was denn die Lipper mit Napoleons Feldzug zu tun hatten."

Variante zwei: Wir springen ein paar Jahre in die Zukunft. Ein Bäckergeselle hat auf seiner Wanderschaft durch Russland der Rezept kennengelernt und, weil er weit herumkam, auch in Horn bei einem Bäcker gearbeitet. Dieser habe dem jungen Mann das Rezept quasi abgeluchst. "Die aber wohl wahrscheinlichste Variante ist jedoch die dritte", räumt Hentschel ein. Sie ist auch die, die der Stadtarchivar 1951 präsentierte: Hier hat der "Erfinder" der Semmel sogar einen Namen. Conrad Ludwig Richter aus Lemgo war - wie könnte es anders sein - auf Wanderjahren in Russland und brachte von dort das Rezept mit. 1828 stellte der hiesige Magistrat Richter ein Führungszeugnis aus, mit dem er eine Bäckerei gründen und betreiben durfte. Damit konnten Strohsemmeln auch offiziell auf lippischem Boden gebacken werden.

Ein Fest zu Ehren der Strohsemmel

Der Strohsemmel hat Lemgo gar ein Fest gewidmet: das Strohsemmelfest – gehört die Delikatesse doch zur Stadtgeschichte. Immer am letzten Wochenende im Juni lockt die Veranstaltung bei gutem Wetter Zehntausende Besucher in die alte Hansestadt. Es gibt ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm – und längst nicht mehr nur Strohsemmeln zu essen. Dabei lassen sich viele Besucher diese nach wie vor traditionell mit Käse oder Wurst schmecken.

Rezept wurde mündlich überliefert

Nach dem momentanen Forschungsstand stammt das berühmte Rezept für die Lemgoer Strohsemmel aus den Händen der Familie Richter (siehe auch unseren Haupttext). Demnach war Conrad Ludwig Richter der Urheber. Er erblickte 1798 als Sohn des Schlachters Jürgen Dietrich Richter im Rampendal das Licht der Welt.
Conrad Ludwig Richter lernte nicht den Beruf des Vaters, den bereits zwei Brüder ausübten, sondern er begann eine Bäckerlehre. Damals konnte nur Meister werden, wer auf Wanderschaft gegangen und so seine Befähigung als Geselle bewiesen hatte. Richter reiste über Bremen und Hamburg nach Russland und lernte dort das Rezept und die spezielle Backweise der Strohsemmel kennen.

Im Jahre 1827 wurde ihm vom russischen Zaren Nikolai I. ein Reisepass ausgestellt, der ihm den freien Grenzübergang erlaubte. Nach seiner Rückkehr nach Lemgo backte er die Strohsemmel erstmals, arbeitete noch kurz in Horn und kam dann nach Detmold. Nach seiner Heirat 1828 machte er sich in der Detmolder Schülerstraße 13 mit einer Bäckerei selbstständig. Das Haus ist noch immer in den Händen der Familie Richter. Am Gebäude befindet sich eine kleine Tafel, die auf den Zusammenhang zur Geschichte der Strohsemmel hinweist. Über vier Generationen war das Bäckerhandwerk dort heimisch, und das ursprüngliche Rezept der Lemgoer Strohsemmel wurde jeweils vom Vater zum Sohn mündlich überliefert.

Conrad Ludwig Richters Nachfahre Gerhard Richter erzählt: „Auch ich habe noch Bäcker gelernt, aber dann Lebensmitteltechnologie an der Fachhochschule in Lemgo studiert und den Backbetrieb der Vorfahren nicht fortgeführt. Nach etwa 150 Jahren Bäckertradition wurde der Betrieb 1978 eingestellt.“

Von den Semmeln werden seinerzeit auch Richters Lemgoer Berufskollegen angetan gewesen sein, so dass einige Bäckereien das Gebäck als „Nationalgericht“ in ihr Sortiment übernahmen. Strohsemmeln gibt es heute in den Lemgoer und einigen anderen lippischen Bäckereien – aber keine gleicht der anderen. Grund: Das Rezept wurde nie schriftlich festgehalten. Außerdem versuchten Lemgoer Bäcker, nachdem die Strohsemmel eingeführt war, sie nachzubacken, was zu der Vielfalt der heutigen Strohsemmeln führt. Denn sein Original-Rezept gab der Bäcker Richter nie preis, so dass heute jeder Bäcker sein eigenes Rezept hat.

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