Neues Pflaster in der Lemgoer Innenstadt auf dem LZ-Prüfstand

Am heutigen Dienstag sollen die Politiker entscheiden, welcher Stein vom Lippegarten bis zum Ostertor verlegt wird

Till Brand

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Nicht gerade zimperlich: Der chinesische Pflasterstein bekommt den Fäustel aus der Hand von LZ-Redakteur Till Brand zu spüren. - © Jens Rademacher
Nicht gerade zimperlich: Der chinesische Pflasterstein bekommt den Fäustel aus der Hand von LZ-Redakteur Till Brand zu spüren. (© Jens Rademacher)

Lemgo. Die Fußgängerzone bekommt ein neues Pflaster. Nur welches? Das sollen nach Möglichkeit heute die Politiker entscheiden. Auf Höhe des Rathauses hat das Bauamt in der Mittelstraße zwei Musterflächen gepflastert. Die LZ hat die Steine aus Schweden und China einer Prüfung unterzogen: mit Kaugummi, Curryketchup und Hammer.

Auf der Rathausseite liegt das Material aus Skandinavien, gegenüber – deutlich bunter – der Granit aus China. Insgesamt rechnet die Stadt nach Angaben von Klaus Hagemeister vom Bauamt mit Kosten in der Mittelstraße von etwa acht Millionen Euro. Verteilt auf die kommenden vier Jahre zwar, doch eine insgesamt stattliche Summe. Da will die Entscheidung, auf welchem Pflaster die Lemgoer in den kommenden Jahrzehnten zwischen Lippegarten und Ostertor stehen und gehen, wohl überlegt sein.

Am Preis können es die Politiker nicht festmachen, wie Klaus Hagemeister weiß. Der Lieferant habe vorgerechnet, dass sowohl der Schweden-Stein als auch der ohne Kinderarbeit hergestellte und fair gehandelte „Chinese“ für 165 Euro netto pro Quadratmeter zu haben sind.

Insgesamt sind vom Lippegarten, wo die Arbeiter 2016 anrücken, bis zum Ostertor etwa 9.500 Quadratmeter neu zu pflastern. Neben der Entscheidung für beziehungsweise wider China und Schweden als Herkunftsland, stellt sich laut Hagemeister noch die Frage, ob die Stirnseiten der Steine gespalten oder geschnitten werden. Im Klartext: Sollen die Fugen breiter oder schmaler ausfallen? Fest steht: Im Gegensatz zum Marktplatz sollen die Zwischenräume verfüllt, nicht aber ausgegossen werden. Bei der Mittelrinne, in der der Regen abfließen soll, ist nach Hagemeister offen, ob eine zu den Seiten hin senkrecht geschnittene Rinne entsteht, oder das Ganze in einer Senke zulaufen soll. „Bei letzterem bräuchten wir noch irgendeinen Streifen zusätzlich für Blinde“, erklärt Fachmann Hagemeister.

Nach dem LZ-Testergebnis dürfte es heute bei dem Votum des Stadtentwicklungs- und des Verkehrsausschusses vornehmlich auf optische Erwägungen hinauslaufen: Wollen es die Politiker lieber bunter (China) oder gedeckter (Schweden). Denn der Blindtest der LZ, dem sich unter anderem Henrike Bühner mit einer Schlafbrille stellte, zeigte: Gut begehbar sind beide.

Die Lemgoer sind gespalten ob der Optik – das belegen viele Reaktionen, die die LZ während ihres Pflastertests erhielt. Bildhauer Dorsten Diekmann, der den Steinbruch, aus dem der schwedische Stein kommt, schon selbst besucht hat, favorisiert den Skandinavier: „Er wirkt ruhiger und die pigmentierten Mineralansammlungen (oberstes kleines Foto rechts) seien „einfach schön“. Eliane Bugnon-Paris dagegen hält die schwedische Variante für „friedhofsmäßig“.

Nun müssen die Mitglieder im Verkehrs- und Stadtentwicklungsausschuss Farbe bekennen. Die Geschmacksfrage wird heute ab 16 Uhr behandelt – zunächst beim Ortstermin auf der Mittelstraße und anschließend im Rathaus.

China-Pflaster vs. Schweden-Pflaster


Hammer und Kaugummi

Vertragen beide Pflaster einen Stoß mit dem Fäustel? Klare Antwort: ja. Es zeigen sich lediglich oberflächliche Macken. „Nach Regen sollten die verschwunden sein“, betont Klaus Hagemeister von der Stadt. Dies sei Vorteil eines Naturpflasters, das aus einem Material besteht. Platzt eine Ecke ab, fällt’s nicht auf. Übrigens: Auch per Kaugummitest vermochte die LZ den Steinen nicht beizukommen: Es haftete nichts – trotz starkem Druck mit der Schuhsohle. Dabei gelten Kaugummis als Gift für Pflaster. „Vielleicht fehlt Anpressdruck“, so Hagemeister scherzhaft, vermutet aber Steinstaub als Anti-Haft-Belag. Zwischenstand: 1:1.

Lippischer Landregen

Einen Schönwetterstein, der nur bei Sonne strahlt, kann die alte Hansestadt nicht gebrauchen – dafür sucht viel zu oft der berüchtigte lippische Landregen unsere Breiten heim. Ein ordentlicher Schuss aus dem Eimer zeigt: Bei Nässe behalten die beiden Pflaster ihren ursprünglichen Charakter, dunkeln nur etwas ab. Ein klein wenig rutschig wird’s auf beiden Steinen gleichermaßen. Zweite Begehung nach vier Stunden: Während sich der Schwede nach dieser Wartezeit fast komplett abgetrocknet präsentiert, ist der Fleck auf dem Chinesen noch klar erkennbar. Aber reicht das zum Punkt? Nein! Remis. Regen? Vertragen beide. 2:2

Der Curryketschup-Test
Hotdogs, eine beliebte Verpflegung bei Kläschen. Nur leider geht mit Handschuhen ziemlich schnell mal was daneben – Zwiebeln und Soße landen auf dem Pflaster. Stecken die China- und Schwedenvariante das gleich gut weg? Nun gut, gebratene Zwiebeln hatte die LZ nicht im Gepäck, aber handelsüblichen Curryketchup. Versuchsanordnung: 100 Milliliter und eine Einwirkzeit von einer Stunde. Das Ergebnis: Mit etwas Seifenlauge ließen sich die beiden Testflächen gut reinigen. Allerdings war auf den hellen Steinen der China-Fläche doch ein wenig mehr Druck nötig. Ergebnis: kleiner Vorteil für den Schwedenstein. 2:3

Mit hohem Absatz
Christine Müller-Stuckenbrok hat auf dem Lemgoer Pflaster schon einige Absätze verschlissen. Die beiden Musterflächen können bei ihr punkten. „Gut zu laufen, keine allzu harten Kanten“, bilanziert sie und richtet den Blick auf die Mittelrinne: Diese sollte nicht zu doll abgeschrägt sein. Wieder Remis. 3:4.

Mit Rollator

Mit ihrem Rollator wagt sich Helga Kordes auf die Teststrecke. Nach der Probe hat sie eine eindeutige Meinung: Auf der chinesischen Variante schiebt es sich „leichter, irgendwie ist es glatter, flotter“. Gegenüber dem Ist-Zustand seien beide Muster ein Gewinn. „Es wurde Zeit“, so Kordes. Punkt für Fernost. Endstand: 4:4.

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