Archäologen stoßen am Engelbert-Kaempfer-Denkmal auf Überreste der alten Brustwehr

Mauern, Scherben und Holz von 1599

Till Brand

  • 0
Kärrnerarbeit: Grabungstechniker Roland Schaberich, Praktikantin Gabi Schlömer und Archäologe Johannes Müller-Kissing (von links) legen an der Bega unterhalb des Kaempfer-Denkmals Teile der alten Brustwehr frei. Das Ganze wird von der Firma Thede später vermessen. - © Till Brand
Kärrnerarbeit: Grabungstechniker Roland Schaberich, Praktikantin Gabi Schlömer und Archäologe Johannes Müller-Kissing (von links) legen an der Bega unterhalb des Kaempfer-Denkmals Teile der alten Brustwehr frei. Das Ganze wird von der Firma Thede später vermessen. (© Till Brand)

Lemgo. Ein Sensationsfund? Nein, so weit möchte Johannes Müller-Kissing nicht gehen. Doch die Mauern, die der Archäologe und sein Team unterhalb des Engelbert-Kaempfer-Monuments freilegen, sie haben es in sich. An der alten Böschungsmauer, die den Wall abstützte, haben die Fachleute Steine ausgegraben: 400 Jahre alt. Sie tauchen das Schusterrondell, den Eckpfeiler der einstigen Stadtbefestigung, in ein neues Licht.

Die Lage der Böschungsmauer – sie war durch Probegrabungen durchaus bekannt. Doch die sich anschließenden, im Rund verlegten Bruchsteine bilden zudem eine Brustwehr mit Scharten für Kanonen und Musketen, hinter denen die Verteidiger Lemgos in Deckung gehen konnten.

Mit einer mutigen Hypothese graben sich die Archäologen nun durch den aufgeweichten Hang des Walls: Unterhalb des eigentlichen Schusterrondells könnten Kasematten in den Wall gebaut gewesen sein, also unterirdische Gewölbe, die Verteidigern Schutz vor Artilleriebeschuss boten. Kann das Team den Gedanken im wahrsten Wortsinn untermauern?

Zumindest Holz hat die Suchmannschaft schon aus der Erde gezogen – wohl Baumaterial der Befestigung, datiert auf das Jahr 1599. Ebenso wie Bruchstücke von Keramikgefäßen, vielleicht Überreste eines Topfes. Grabungsleiter Johannes Müller-Kissing: „Wenn wir jetzt noch einen Gang finden, der in den Wall hineinführt, wäre das der Beleg für ein Bauwerk, aufwendiger als angenommen, das sich die Stadt hier um 1600 geleistet hat.“

Fest steht: Sowohl oben auf dem aus Erdreich angehäuften und mit Mauern gesicherten Schusterrondell als auch fast auf Höhe der Bega müssen die Lemgoer ihre Kanonen und Musketenschützen postiert haben, um Angreifer abzuwehren. „So gut wie hier ist das nirgendwo in NRW erhalten“, freut sich Grabungstechniker Roland Schaberich über seinen derzeitigen, klammen Arbeitsplatz am Ufer der Bega.

Auf Höhe der heutigen Brücke an der Kämpfer-Straße konnten die Verteidigungskräfte seinerzeit den Wall bis zum Langenbrücker Tor auf der einen und bis zum Johannistor im Westen überblicken. „Die Bega war Teil der Befestigung, ein natürlicher Schutz“, weiß Archäologe Müller-Kissing. Das Rondell mit 20, vielleicht gar 30 Metern Umfang, war aus Erde gestampft, so dass Kanonenkugeln der Feinde einfach stecken blieben. Vier bis sechs Geschütze fanden locker Platz auf der Befestigungsanlage.

Im Zuge des Bega-Ausbaus stießen Baggerfahrer nun auf die Mauerreste. „Vorbildlich“ habe die Stadt auf die Entdeckung reagiert, lobt Johannes Müller-Kissing. Andere Städte gingen leichtfertiger mit solchen Zeugnissen um.

Rondell

Dem Plan zufolge sollen Teile des Schusterrondells wegen des Ausbaus der Bega zugunsten der Hochwassertauglichkeit eigentlich abgebaggert werden. Aufgrund der aktuellen Funde (siehe oben) erwägt die Stadt jedoch, das Vorhaben noch einmal zu überdenken und gegebenenfalls umzuplanen.

„Das Ergebnis der Grabungen wird natürlich in die Gewässerplanung einfließen“, verspricht Jürgen Hennigs, der Leiter des Lemgoer Eigenbetriebs Straßen und Entwässerung. „Gegebenenfalls reden wir hier über ein Denkmal.“

Hochwasser ist aber definitiv ein Thema: Momentan fließe das Wasser der Bega noch schlecht durch den Engpass, den die Brücke an der Engelbert-Kämpfer-Straße bildet, und weiter Richtung Grevenmarsch. Ein Rückstau bei Hochwasser könne die Häuser betreffen. Um dieses Problem zu beheben, soll nach Angaben von Jürgen Hennigs der Zufluss daher eigentlich verbreitert werden – eben auf Kosten des Schusterrondells.
Seite 1 von 2
nächste Seite

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare