Mit Video: Bäckergeselle auf Walz in Lemgoer Bäckerei

Tanja Watermann

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In alter Handwerkskluft: Der reisende Bäcker Marcus macht auf seiner Walz für drei Monate in Lemgo Station. - © Tanja Watermann
In alter Handwerkskluft: Der reisende Bäcker Marcus macht auf seiner Walz für drei Monate in Lemgo Station. (© Tanja Watermann)

Lemgo. Eine besondere Tradition lebt zurzeit in der Bäckerei Meffert wieder auf: Erstmals in der mehr als 100-jährigen Familiengeschichte hat sich dort ein Bäcker auf der Walz zum Arbeiten niedergelassen, um das Handwerk und die regionalen Rezepte kennenzulernen.

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Der 32-jährige Marcus aus dem sächsischen Markneukirchen, der seit dem 11. Januar 2016 unterwegs ist, fällt mit seiner maßgeschneiderten Kluft aus schwerem Cordstoff und dem karierten Pepitamuster auf. Die karge Reiseausstattung komplettieren ein selbstgeschnitzter Wanderstock aus Haselnussholz und ein „Fellaffe", die rückenfreundlichere Rucksackvariante der Charlottenburger Tücher, in die das Hab und Gut normalerweise geknotet wird.

Die Walz ist ein Überbleibsel aus der Zeit der Zünfte, denn die Gesellen mussten mindestens drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft gehen, bevor sie sich zur Meisterprüfung anmelden konnten. Marcus hat sich bewusst die Bäckerausbildung ausgesucht, um später reisen und in vielen Betrieben arbeiten zu können. „Die Walz hat mich schon immer fasziniert. Zunächst habe ich ein paar Treffen dieser privat organisierten Traditionspflege besucht. Ich wollte schauen, was für Leute das sind." Man muss schon für die Walz und die damit verbundenen Entbehrungen geboren sein. Wie einst verzichten die „freien Gesellen" auf sämtliche Kommunikationsmittel wie Handy oder Laptop.

Marcus, der seinen bürgerlichen Namen für die Zeit der Walz abgelegt hat und nun „Marcus, fremd freier Bäcker" heißt, hat schon viel erlebt. Sucht er neue Arbeit, geht er direkt in eine Backstube. Er bewirbt sich nicht mit Zeugnissen, sondern mit seinem „Schnack". Mit diesem in Reimform aufbereiteten Vers, mit dem er seine Situation erklärt, hat er sich an einem Samstag im Dezember auch bei Alfred Meffert (50) in der Backstube vorgestellt. Eigentlich war die stressige Weihnachtszeit gut durchgeplant, so dass es keine freie Stelle gab. Meffert bat den Bäcker, an einem anderen Tag wiederzukommen, damit er sich mit seinem Backstubenleiter, seiner Frau und den zwei erwachsenen Kindern besprechen konnte. „Ich schätze diese hohe Leistung sehr und wollte Marcus gerne unterstützen. Als traditionelle Bäckerei passt die Walz sehr gut zu uns, und ich habe mich sehr gefreut, dass er bei uns angeklopft hat", sagt Meffert.

Schließlich wurde der Arbeitsvertrag geschlossen, und der neue Mitarbeiter durfte das Zimmer des Sohnes beziehen. „Zweimal in der Woche kocht er für uns. Das ist der Deal, statt Geld für die Unterkunft bei uns zu zahlen. Lohn bekommt er wie jeder andere Bäcker auch", freut sich Meffert über die Unterstützung bis Ende Februar. Er selbst hatte damals auch kurz mit der Walz geliebäugelt, denn das fachliche Wissen, das man in den Jahren erwirbt, sei einmalig, erklärt er.

Für Marcus ist eines in Lemgo einmalig: „Dass es hier Stroh in der Bäckerei gibt, habe ich auch noch nirgendwo gesehen", erklärt er und spielt auf die traditionellen Strohsemmeln an, deren Rezept durch ihn jetzt weiterreist. Das nächste Ziel ist Erfurt. Für die weiteren Jahre der Walz kann er sich auch das Arbeiten in Tschechien, Frankreich und Kanada vorstellen.

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