Auf der Bühne liegen die Nieren blank: Premiere im Theater "Stattgespräch"

Thomas Krügler

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Kannst du ein Geheimnis für dich behalten? Arnold (Markus Mogwitz) weiht Diana (Doris Weiß) in Kathrins Nierenleiden ein. - © Thomas Krügler
Kannst du ein Geheimnis für dich behalten? Arnold (Markus Mogwitz) weiht Diana (Doris Weiß) in Kathrins Nierenleiden ein. (© Thomas Krügler)

Lemgo. Wie soll man sich entscheiden, wenn der beste Freund oder Lebenspartner eine neue Niere benötigt und man zufällig die gleiche Blutgruppe hat? Um diese ethische Frage dreht sich alles in der Komödie „Die Niere“ von Stefan Vögel, mit der die Theatergruppe „Stattgespräch“ im Lemgoer Kulturbahnhof unter Leitung von Frank Wiemann eine rundum gelungene Premiere gefeiert hat.

Nach gemeinsamer Vorsorgeuntersuchung bei Dr. Adler kommen der erfolgreiche Architekt Arnold (Markus Mogwitz) und seine Ehefrau Kathrin (Kathrin Wolters) nach Hause. Er ist angeblich kerngesund, doch bei ihr wurde ein Nierenleiden diagnostiziert, weswegen sie eine Spenderniere braucht. Arnold hat zwar dieselbe Blutgruppe, zögert jedoch, seine Niere bereitzustellen, weswegen Kathrin auf seine Hilfe verzichtet, was ihm nun auch wieder nicht recht ist. Die beiden wollten eigentlich mit ihren besten Freunden einen sensationellen Auftrag feiern. Der Architekt soll mitten in Paris den Diamond Tower bauen, ein Hochhaus mit 26 Stockwerken, dessen phallisches Modell bereits im Wohnzimmer prunkt.

Phallisches Hochhaus mitten in Paris

Als der beste Freund Götz (Frank Wiemann) sich sofort bereit erklärt, als Spender einzuspringen, bricht ein regelrechter Hahnenkampf um die Organspende aus. Sowohl Diana (Doris Weiß), Götz’ Gattin, als auch der selbstverliebte Arnold fühlen sich übergangen. Sind die Ehen der beiden Paare wirklich so perfekt, wie sie nach außen scheinen?

Im Verlauf des Konflikts stellt sich heraus, dass jeder seine dunklen Schattenseiten hat, was ein lebensgroßes Schattenbild auf der Bühne symbolisiert. Die Niere deckt manch verborgene Seitensprünge und Herzensangelegenheiten auf. Und alles spitzt sich auf die Frage zu: Liebling, würdest du mir deine Niere spenden?

Woran misst sich eine Liebesbeziehung?

Der österreichische Theaterautor und Kabarettist Stefan Vögel (53) hat dieses doppelbödige Boulevard-Theater 2018 nach allen Regeln der Dramaturgie geschrieben. Die pointierten Dialoge werfen mit allerlei Situationskomik und Witz die aktuelle Frage auf, woran sich eine Liebesbeziehung misst. Schwarzer Humor paart sich mit Sozialkritik, die auch kriminellen Organhandel nicht außer Acht lässt.

Gefeierter Star des Abends ist Markus Mogwitz, der die umfangreiche Rolle des ambivalenten Architekten sehr authentisch verkörpert und sich herrlich in Ausreden und Widersprüchen verstrickt. Als Frau an seiner Seite ist Kathrin Weiß eine in allen Belangen ebenbürtige Partnerin, deren Augensprache Bände spricht. Den kurzentschlossenen Lebemann Götz bringt Frank Wiemann schwungvoll auf die Bühne und seine scheinbar biedere Gattin Diana, eine Apothekerin mit Geheimnissen, die es Faustdick hinter den Ohren hat, spielt Doris Weiß überzeugend.

Perfide Freundlichkeiten und bissige Bosheiten

Das elegante Loft-Bühnenbild mit durchdachter Symbolik von Markus Mogwitz, Frank Wiemann und Stephan Gottwald gibt den Protagonisten trotz kleiner Bühne viel Raum zum Glänzen. Eine Balkon-Schiebetür und die Einspielung von Straßenlärm verleihen dem Szenario etwas luftig leichtes und einen Freiraum, auf dem Götz eine Zigarette raucht, während sich die anderen über etwas unterhalten, was nicht für seine Ohren bestimmt ist. Das Quartett setzt die überraschenden Wendungen der Handlung stimmig und temperamentvoll in Szene. Perfide Freundlichkeiten und bissige Bosheiten werden subtil ausgekostet. Da kommt keine Langeweile auf und das punktgenaue Spiel fesselt. Die Handlung zielt konsequent auf den Höhepunkt zu, in dem Kathrin ihren Gatten entlarvt.

Nächste Aufführungstermine: Samstag, 5.3., um 19.30 Uhr und Sonntag 6.3., 16 Uhr.

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