Trennungen zerreißen die Herzen der Kinder

Diplom-Psychologin Katharina Behrend berät an Familiengerichten zerstrittene Paare

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Scheidungsopfer Kind: Wenn das Eheglück Risse zeigt, wird dem Nachwuchs häufig der Boden unter den Füßen weggezogen. Die Lemgoer Psychologin Katharina Behrend gibt Rat, dass sich die Situation nicht weiter verschlimmert. - © Foto: Gerstendorf-Welle
Scheidungsopfer Kind: Wenn das Eheglück Risse zeigt, wird dem Nachwuchs häufig der Boden unter den Füßen weggezogen. Die Lemgoer Psychologin Katharina Behrend gibt Rat, dass sich die Situation nicht weiter verschlimmert. (© Foto: Gerstendorf-Welle)

Die Lemgoerin Katharina Behrend ist lösungsorientierte Sachverständige im Familienrecht. Wenn Eltern sich scheiden lassen, ist der Rat der Diplom-Psychologin gefragt.

Wie erleben Kinder eine Scheidung?
Katharina Behrend: Die Familie bedeutet für die Kinder Identität. Ein Kind ist an beide Eltern gebunden. Es ist nicht so, dass es den einen mehr liebt als den anderen. Die Familie trägt das Kind, auch wenn der Vater Fernfahrer und selten Zuhause ist. Das Kind weiß, dass es von der Familie geschützt wird. Bei Streit und Trennung wird das anders. Da leidet das Kind unter den Konflikten, ihm wird der Boden unter den Füßen weggezogen.

Wie können Eltern lernen, ihren Konflikt von ihrer Elternschaft zu trennen?
Oft werden Kinder ja zum Gegenstand des Streites.
Behrend: 1998 gab es eine Reform des Scheidungsrechts. Wurde bis dahin zwingend einem Elternteil das Sorgerecht entzogen, ist es nun so, dass sich beide um das Kind kümmern sollen und dürfen. Ziel aller beteiligten Institutionen ist es, den Eltern klar zu machen, dass sie sich als Paar trennen und nicht als Eltern und dass sie gemeinsam für ihr Kind,  das sie in die Welt gesetzt haben, Verantwortung haben.

Nehmen Paare in der emotionalen Phase überhaupt professionellen Rat an?
Behrend: Das ist anfangs schwer. Stellen sie sich vor, Ihr Mann betrügt sie mit der besten Freundin. Das verletzt sie so sehr, da wollen sie ihn die ersten zwei Jahre am liebsten gar nicht mehr sehen. Wenn sie gemeinsame Kinder haben, geht das aber nicht. Sie müssen parat stehen, wenn der Vater das Kind zum Beispiel freitags abholt, das ist nach einer solchen Kränkung nicht einfach. Es braucht seine Zeit, bis diese Phase abgeklungen ist. Den meisten Eltern gelingt das aber ohne professionelle Hilfe. Ich komme dann ins Spiel, wenn die Paare nicht zurückfinden aus ihrer Streitphase und vor Gericht streiten.

Wie muss man sich das vorstellen?  
Behrend: Meine Arbeit richtet sich darauf, Eltern wieder zu einem Einvernehmen über ihre Kinder zurückzuführen. Sie müssen verstehen, dass sie zwar als Paar gescheitert sind, aber nicht als Eltern. Ich spreche zunächst jeweils mit beiden, lerne das Kind kennen und hole die Eltern dann an einen Tisch. Ich versuche, den Kern des Konfliktes zu besprechen und den Eltern klar zu machen, dass ihr Streit vorwiegend mit ihnen beiden zu tun hat. Ich erlebe dann oft, dass die Beiden zwei Stunden lang streiten, Tränen fließen und auch viel Wut und Enttäuschung da sind, aber während dieser Zeit der Name des Kindes nicht ein einziges Mal fällt. Das zeige ich ihnen dann auf.

Information
Persönlich

Katharina Behrend hat in Bielefeld Psychologie studiert. Als lösungsorientierte Sachverständige steht die 43-Jährige den Familiengerichten bundesweit als Beraterin zur Verfügung. Innerhalb der zerstrittenen Parteien versucht sie, festgefahrene Konflikte im Kern zu erkennen und zu lösen. Derzeit promoviert die Lemgoerin zu diesem Themenkomplex.  (mk)

Ist dieses Verhalten egoistisch oder menschlich?
Behrend: Es ist menschlich. Wo Trennungen sind, sind immer enttäuschte Erwartungen und Träume. Der Traum von Familie ist geplatzt.

Finden Sie, dass Männer beim Sorgerecht benachteiligt worden sind?
Behrend: Die Bedeutung der Väter für ihre Kinder wurde in Psychologie und Familienrecht lange vernachlässigt. Daher bekam oft nur die Beziehung zwischen Mutter und Kind große Aufmerksamkeit. Landläufige Meinung war zudem ohnehin, dass "Kinder zur Mutter gehören". Deswegen haben die Gerichte fast als Automatismus entschieden, dass die Mutter das Sorgerecht bekommt, weil man meinte, allein das sei zum Wohl der Kinder. Dass das Umgangsrecht der Väter noch häufig statisch nach einem Zwei-Wochen-Rhythmus geregelt ist, könnte verbessert werden. Aus Kindersicht sind beide gleich wichtig.

Hat sich in der Scheidungslandschaft ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen?
Behrend: Die Scheidungsrate steigt weiter, gerade in den Großstädten. Trennung ist fast schon normal. Scheidung ist damit auch kein Stigma mehr, was sicherlich gut ist. Die Zahl der Eheschließungen sinkt aber nicht unbedingt, den Traum von Familie gibt es immer.

Das Interview führte LZ-Mitarbeiterin Martina Karaczko.

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