Physiotherapeut fürchtet um eigenen Berufsstand

Thomas Dohna

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Physiotherapeuten wie Malte Herberhold beklagen schlechte Bezahlung und Nachwuchsmangel. Der Leopoldshöher macht sich außerdem dafür stark, dass die Physiotherapeuten-Ausbildung kostenfrei wird. - © Thomas Dohna
Physiotherapeuten wie Malte Herberhold beklagen schlechte Bezahlung und Nachwuchsmangel. Der Leopoldshöher macht sich außerdem dafür stark, dass die Physiotherapeuten-Ausbildung kostenfrei wird. (© Thomas Dohna)

Leopoldshöhe-Asemissen. Bundesweit kämpfen Physiotherapeuten für die bessere Bezahlung ihrer Leistungen durch die Krankenkassen. Die LZ sprach mit Malte Herberhold, Inhaber einer Praxis in Asemissen, über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dieses Zweiges der Gesundheitsbranche. Der 35-Jährige ist seit 2008 als Physiotherapeut tätig.

Herr Herberhold, Sie beklagen wie viele Ihrer Berufskollegen die wirtschaftliche und personelle Situation ihrer Branche. Warum?

Malte Herberhold: Diese Situation besteht schon seit Jahren. Immer weniger Menschen ergreifen den Beruf des Physiotherapeuten. Wir finden aus diesem Grund kaum noch Mitarbeiter. Offene Stellen bleiben im Durchschnitt 151 Tage unbesetzt. Rund 24 Prozent der Ausgebildeten sind nicht mehr im Beruf. Von den anderen denken 50 Prozent darüber nach auszusteigen.

Woran liegt das?

Herberhold: Für die Ausbildung müssen die Schüler selbst zahlen: 15.000 Euro für drei Jahre Ausbildung. Dazu kommen Fortbildungskosten. Sie betragen bis zu 5000 Euro pro Zertifikat. Sie dürfen Lymphdrainage nicht anbieten, wenn Sie eine Fortbildung nicht nachweisen können. Für die Manuelle Therapie gilt das gleiche. Beides sind Schlüsselqualifikationen. Es liegt auch am Gehalt: Ein Einsteiger bekommt rund 1800 Euro brutto monatlich. Das Durchschnittsgehalt beträgt knapp über 2000 Euro brutto. Damit gehört der Physiotherapeut zu den 20 am schlechtesten bezahlten Berufen in Deutschland.

Lernt man die beiden Therapien nicht in der Ausbildung?

Herberhold: Doch, man lernt sie, bekommt aber kein Zertifikat. Gleich nach der Ausbildung dürfen Sie ausschließlich Krankengymnastik anwenden. Eine Lymphdrainageeinheit wird anschließend sogar schlechter bezahlt als eine normale Krankengymnastik.

Sie könnten doch Ihren Mitarbeitern mehr zahlen...

Herberhold: Die Gesundheitsbranche regelt sich nicht wirklich nach wirtschaftlichen Kriterien. Kassen und Berufsverbände handeln die Sätze aus. Ich kann nur bei Selbstzahler-Angeboten die Preise festlegen. Ich darf aber nicht unbegrenzt Angebote für Selbstzahler vorhalten. Wir sind verpflichtet, den Großteil der Termine Kassenpatienten zur Verfügung zu stellen.

Gibt es einen Unterschied zwischen privat und gesetzlich Versicherten?

Herberhold: Bei privaten Kassen ist man in der Preisgestaltung zumindest theoretisch freier. Die meisten Kassen kürzen ihren Patienten mittlerweile allerdings oftmals die Erstattung. Den Rest müsste der Versicherte tragen. Wir bekommen 17,28 Euro pro krankengymnastischer Anwendung. Dann haben wir eine vorgegebene Regelbehandlungszeit von 15 bis 25 Minuten für den Patienten inklusive An- und Ausziehen, Dokumentation und anderen Verwaltungsaufgaben.

Wozu braucht man Physiotherapeuten überhaupt?

Herberhold: Viele Studien zeigen die Effektivität der Physiotherapie und häufig auch einen klaren Vorteil gegenüber Operationen, insbesondere was die Kosten angeht. Die Patienten müssen nur schnell versorgt werden. Das sehen Ärzte auch so. Die Zahl der Verordnungen steigt in den vergangenen Jahren konstant um bis zu drei Prozent jährlich. In der Politik und bei den Kassen wird der wirtschaftliche Vorteil allerdings noch nicht gesehen. Eine Verordnung umfasst sechs Anwendungen und kostet die Kassen rund 100 Euro. Weil wir zu wenige Mitarbeiter haben, müssen die Patienten lange warten, und ihre Beschwerden werden chronisch. Das ist volkswirtschaftlich ungünstig.

Wie soll sich die Situation verbessern?

Herberhold: Als Erstes wäre eine Anhebung der Vergütung zu nennen. Es hat zwar kürzlich eine Anpassung um 20 bis 30 Prozent gegeben – nach Jahren, in denen die Vergütung gleich geblieben ist. Wir haben damit nur die Inflationsverluste ausgeglichen. Außerdem greifen diese Erhöhungen erst im Jahre 2019. Zusätzlich müsste die Ausbildung kostenfrei sein, um wieder mehr Menschen in den Beruf zu bekommen.

40 Prozent weniger

Neben der Physiotherapiepraxis „360 Grad" von Malte Herberhold gibt es in Asemissen noch die Massagepraxis Franz Goossen, die Praxis für Physiotherapie Gerhard Frank und die Praxis für Physiotherapie Friede. In Leopoldshöhe findet man das „Physioteam Leo", die Praxis für Physiotherapie und Hypnose Britta Cornelsen sowie die Praxis von Margarete Braun.

Ambulant tätige Physiotherapeuten verdienen deutlich weniger – bis zu 40 Prozent – als ihre stationär tätigen Kollegen an Krankenhäusern und Reha-Kliniken, die nach den Tarifen des öffentlichen Dienstes bezahlt werden. Der Deutsche Verband für Physiotherapie fordert deshalb eine bessere Bezahlung ambulanter Leistungen durch die Kassen. Die Befreiung vom Schulgeld wird derzeit in der Politik diskutiert. Das Bundesland Bremen hat sie zum 1. August dieses Jahres bereits eingeführt. In Lippe gibt es ein „Netzwerk Physiotherapie". Informationen unter www.netzwerk-
physiotherapie-in-
lippe.de

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