Leopoldshöher Rat tagte zum ersten Mal vor 50 Jahren

Thomas Dohna

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Die erste Sitzung: Heinrich Hansing hat noch Umschlag und Einladung zur ersten Sitzung des Rates der neuen Großgemeinde Leopoldshöhe, die heute vor 50 Jahren stattfand. - © Thomas Dohna
Die erste Sitzung: Heinrich Hansing hat noch Umschlag und Einladung zur ersten Sitzung des Rates der neuen Großgemeinde Leopoldshöhe, die heute vor 50 Jahren stattfand. (© Thomas Dohna)

Leopoldshöhe. Heinrich Hansing ist 85 Jahre alt und ziemlich fit. Er kann sich daher noch gut an die erste Sitzung des Gemeinderates der neuen Großgemeinde Leopoldshöhe nach der Kommunalwahl 1969 erinnern. Die fand genau vor 50 Jahren statt, am 11. April 1969. Damals saß der Bauer für die CDU im Rat.

Es war eine denkwürdige Sitzung. Zum 1. Januar 1969 war das sogenannte Lemgo-Gesetz in Kraft getreten. Das Land NRW hatte schon in den 1950er Jahren begonnen, an einer Gebietsreform zu arbeiten. Es gab eine unüberschaubar große Menge an kleinen und kleinsten Kommunen. Oft bestand die Verwaltung nur aus einem ehrenamtlichen Bürgermeister. Manchmal half ihm eine Schreibkraft. In den 1960er Jahren gab es auf dem Gebiet des heutigen Kreises Lippe 75 kleine und kleinste Gemeinden, acht allein auf dem Gebiet des heutigen Leopoldshöhe. Nach und nach fasste das Land die kleinen Gemeinden zu sogenannten Großgemeinden zusammen.

Heinrich Hansing war schon seit 1964 Mitglied des Rates der Gemeinde Asemissen. 1961 hatte er den an der Detmolder Straße gelegenen Hof von seinem Vater übernommen, er hatte gerade seine landwirtschaftliche Meisterprüfung abgelegt. Zuvor besuchte er die Asemisser Volksschule (heute Grundschule) und dann das Progymnasium in Oerlinghausen. „Ich hatte – anders als die meisten – eine höhere Schulbildung", sagt Hansing heute.

Früh schon hatte sein Vater ihn gewarnt: „Junge, du gehst in keine Partei." Hansings Vater hatte es vermieden, während der Zeit des Nationalsozialismus in die NSDAP einzutreten. Nach dem Krieg brauchte er deswegen kein Entnazifizierungsverfahren zu durchlaufen und galt als unbelastet. „Er ist dann gleich Ortslandwirt geworden", erinnert sich Heinrich Hansing.

Als die Nachbarn kamen und Heinrich Hansing baten, sich für die Wahl des Asemisser Rates aufstellen zu lassen, lehnte er – dem väterlichen Rat folgend – den Eintritt in eine Partei ab. Stattdessen gründeten die Nachbarn eine Freie Wählergemeinschaft. „Ich war auf der Liste mit dem zweiten Platz abgesichert", erinnert sich Hansing. Er errang einen Ratssitz.

Mit der Gebietsreform kam die Frage nach der Parteizugehörigkeit wieder. „Ich wusste nicht so richtig, was ich machen sollte", sagt Hansing. Da sei Erich Häfner von der CDU gekommen und habe ihn gebeten: „Machen Sie weiter." Die Union suchte damals je ein CDU-Mitglied aus jedem Dorf für den Rat zu gewinnen. Hansing ließ sich überzeugen und trat in die CDU ein. Am 23. März 1963 fand die Kommunalwahl statt. 6830 Wähler hatten der SPD 16 Sitze verschafft, der CDU acht und der FDP drei. Heute vor 50 Jahren trat der Rat zu ersten Mal in der Hauptschule Leopoldshöhe zusammen. Schon vorher war klar, dass August Landermann, der bisherige Bürgermeister Asemissens, der erste Bürgermeister der Großgemeinde werden sollte. Klar war auch, dass Erich Häfner zu seinem Stellvertreter gewählt werden sollte. Dr. von Dallwitz (CDU) sollte ihn vorschlagen.

Die Atmosphäre dieser ersten Ratssitzung sei gut gewesen, erinnert sich Hansing. 43 Bürger nahmen als Zuhörer teil. Altersvorsitzender war Willi Rüter, der die Wahl des Bürgermeisters leitete. Neben den Wahlen der ehrenamtlichen Bürgermeister standen Geschäftsordnung und Hauptsatzung der neuen Gemeinde auf der Tagesordnung. Die waren auch in der zweiten Sitzung des Rates am 23. April 1969 Thema. Deren fünfter Beratungspunkt betraf schon das noch heute übliche kommunalpolitische Geschäft: die Anschaffung eines Löschfahrzeugs für die Feuerwehr Schuckenbaum. Hansing blieb bis 1984 im Rat. Zwei Jahre zuvor hatte er den Hof seiner Schwiegereltern mit übernommen. „Die Ratssitzungen begannen immer früher", berichtet Hansing. In Asemissen hätten sie um 20 Uhr, in der Großgemeinde dann schon um 19 Uhr begonnen, später sogar um 17 Uhr, wenn es Ortsbesichtigungen gab. „Das war nicht mehr zu schaffen", sagt Hansing. 1989 verließ er die CDU, aus Ärger um die Planung des Gewerbegebietes Asemissen, die seinen Hof bedrohte. Auch dazu hätte Hansing viel zu erzählen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Gebietsreform sollte Kommunen leistungsfähiger machen

In den 1950er bis 1970er Jahre im Westen – nach 1990 auch im Osten – setzten die Landtage Gebietsreformen in Gang. Damit sollten die Städte, Gemeinden und Landkreise leistungsfähiger werden. Damals gab es daran reichlich Kritik. Es wurde bezweifelt, ob die großen Gemeinden und Kreise wirklich leistungsfähiger würden und wirtschaftlicher arbeiten könnten. Kritiker beklagten einen Demokratieverlust: Bürger und Räte könnten die Verwaltung nicht mehr so einfach kontrollieren wie in den Gemeinden, in denen der Bürgermeister auch gleich der Nachbar war, hieß es. Nach der Gebietsreform nahmen bis zur ersten ordentlichen Ratssitzung berufene Räte und Bürgermeister die Aufgaben der Gemeindeleitung wahr.

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