Leopoldshöher Mädchen lernen, wann es gut ist, laut zu werden

Birgit Guhlke

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Katja Schierbaum, Trainerin im Bielefelder BellZett (Selbstverteidigungs- und Bewegungszentrum für Mädchen und Frauen) bringt Mädchen im Leos bei, sich auch aus brenzligen Situationen befreien und sich behaupten zu können. - © Birgit Guhlke
Katja Schierbaum, Trainerin im Bielefelder BellZett (Selbstverteidigungs- und Bewegungszentrum für Mädchen und Frauen) bringt Mädchen im Leos bei, sich auch aus brenzligen Situationen befreien und sich behaupten zu können. (© Birgit Guhlke)

Leopoldshöhe. Mit einem Spiel geht es los. „Mir nach!“ – ruft Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungstrainerin Katja Schierbaum, schwingt mit den Armen und läuft durch den Raum. Acht Mädchen hinterher, alle laufen und schwingen im Takt mit ihrer Trainerin. Dann ein Wechsel. Jetzt ist es ein Mädchen, das eine Bewegung und die Richtung vorgibt, und die anderen folgen ihr. Aufwärmtraining und Start zu einem Seminar, das einen ernsten Hintergrund hat, aber auch Lösungen für Notfallsituationen anbietet.

Katja Schierbaum ist Trainerin beim Bielefelder Verein „BellZett“ (Selbstverteidigungs- und Bewegungszentrum für Frauen und Mädchen), der sich seit mehr als 35 Jahren für Gewaltprävention engagiert. Dazu gehört laut Leitbild des Vereins, dass „Körperbewusstsein und ein bewegter Geist einen guten Schutz vor Gewalt und Machtmissbrauch bieten und die beste Investition für die Stärkung der eigenen Persönlichkeit sind“. Und da das nicht früh genug geschult werden kann, richtet sich der Kursus im Leos an Mädchen im Alter von acht bis 12 Jahren.

Kichern ist in Ordnung

Katja Schierbaum erklärt den Mädchen, was sie ihnen zeigen wird und dass sie an den beiden Terminen dieses Kurses „auch eine gute Zeit zusammen haben werden“. Also lustig darf es auch sein, Kichern ist in Ordnung. Und wer etwas mal nicht machen kann oder möchte, darf gerne aussetzen.

Die Sache mit dem festen, aufrechten Stand – beide Füße etwa schulterbreit auf dem Boden, gerade Haltung – scheint selbstverständlich zu sein. Katja Schierbaum geht von Mädchen zu Mädchen und schubst sie, nach der Bitte um Erlaubnis dafür, etwas an, dann stärker. Konzentriert halten alle den Stand, es gibt Lob. Es ist der Einstieg in die Übungen, standhaft zu bleiben, auch wenn eine Situation zunehmend unangenehmer wird.

Katja Schierbaum setzt sich für ein Rollenspiel eine Kappe auf, ist jetzt „Motz“. Ein nerviger Typ, der die Mädchen anquatscht, sie überreden will, mit ihm mitzukommen. Ein Eis essen, sich eine Pizza teilen, der Kerl wanzt sich ziemlich aufdringlich heran. Und teils auch unverschämt. Nun werden Alina und ihre Mitstreiterinnen doch ganz schön laut. „Geh weg!“, „Hau ab!“ – das kommt den Mädchen gut über die Lippen.

Der Trick mit den Babykatzen

Eine Viertelstunde zuvor haben sie das geübt. Einige erst etwas leiser, in der Gruppe dann alle zusammen doch schon lauter. Ein bisschen gekichert wird zwischendurch auch, es ist ja nicht ganz so einfach, ein ernstes Gesicht zu machen, wenn das Gegenüber die Freundin aus der Straße ist. Aber der „Motz“, da sind sich alle einig, der ist wirklich übel. Auch wenn seine Anmerkung, „Ich habe Babykatzen“, beinahe dafür gesorgt hätte, dass ihn ein Mädchen plötzlich doch ganz nett fand. „Da wurde ich beinahe schwach“, sagt sie und lacht. Anfangs haben sie alle dem jungen Mann erst einmal zugehört, haben höflich reagiert. Das sei auch richtig, sagt Katja Schierbaum. „Man schreit ja auch nicht gleich jeden an“, sagt sie, „aber wenn es lästig wird, ist es wichtig, deutlich zu werden.“

Deutlich kann auch ein Fußtritt gegen das Schienbein sein. Katja Schierbaum holt eine dicke, etwa 60 Zentimeter lange, rechteckige Matte hervor und stellt sie an die Wand. Die Mädchen dürfen nun richtig fest zutreten. Eine Ausholbewegung von hinten, die Zehen anziehen, die Fußsohle kräftig gegen das imaginäre Bein stoßen.

Bei einem harmlosen Streit auf dem Schulhof oder wenn der Mitschüler einen ärgert, sei das natürlich keine Option. „In Notsituationen ist das aber erlaubt“, sagt die Trainerin. Das könne bei einem potenziellen Angreifer für einen Überraschungsmoment sorgen, der es ermögliche wegzulaufen. Nicht nur Fußballer wissen, dass ein Tritt gegen das Schienbein auch einen vermeintlich starken Mann zum Straucheln bringen kann. Der Tritt mit dem Fußrücken zwischen die Beine – auch das ist Thema. Einige lachen.

"Es sind nicht immer nur Fremde"

Die Mädchen stellen Fragen, wollen wissen, warum manche Menschen gewalttätig werden, Kinder entführen, auch das Wort Vergewaltigung fällt. Katja Schierbaum hört sich alles ruhig an, nimmt jede Frage ernst, wechselt nicht das Thema. „Es gibt einfach Menschen, die gefährlich sind“, sagt sie, „und es sind nicht immer nur Fremde.“

Die acht Mädchen wollen dann weitermachen, noch mehr lernen, üben. Im zweiten Teil des Kurses, so kündigt die Trainerin an, will sie ihnen weitere Tricks und Stellen zeigen, an denen Kneifen „richtig wehtut“. Für den Fall der Fälle. Typen wie „Motz“ sollen bei den Leopoldshöher Mädchen keine Chance haben. Niemals.

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