Opfer im Lügde-Prozess: "Muss ich jetzt ins Kindergefängnis?"

Janet König

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Anklagebank (von links): Anwalt Jürgen Bogner, sein Mandant Mario S., Andreas V. und sein Anwalt Johannes Salmen. - © Bernhard Preuss
Anklagebank (von links): Anwalt Jürgen Bogner, sein Mandant Mario S., Andreas V. und sein Anwalt Johannes Salmen. (© Bernhard Preuss)

Detmold. Regungslos sitzt Andreas V. auf der Anklagebank, während Angehörige von den furchtbaren Taten berichten, die der 56-Jährige ihren Kindern angetan hat. Auch am vierten Prozesstag zum Missbrauchsfall Lügde gibt der Dauercamper keine Emotionen preis. Sein Mittäter Mario S. senkt zwischendurch den Blick, die Hände auf dem Tisch zusammengefaltet. Als kämpfe der 34-Jährige mit einer Spur von Schamgefühl, meinen Prozessbeteiligte.

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Die Öffentlichkeit bleibt die meiste Zeit ausgeschlossen, denn wieder nehmen Opfer und Angehörige im Zeugenstand Platz. Zum ersten Mal hört die Kammer ein Mädchen, an dem sich sowohl Andreas V. als auch Mario S. vergangenen haben sollen. Sie ist zehn Jahre alt und fühlt sich durch die bevorstehende Aussage enorm unter Druck gesetzt, sagt ihre Anwältin Anke Reese. „Komme ich jetzt ins Kindergefängnis?", soll das Mädchen gefragt haben. Auch ihre beiden Schwestern, heute acht und dreizehn Jahre alt, sollen missbraucht worden sein. Die eine von Mario S., die andere von Andreas V.. Beide Angeklagten müssen den Saal verlassen.

Mit welchem System die Täter bei gemeinsamen Opfern vorgegangen sind, bleibt nebulös. Nach LZ-Informationen soll Andreas V. mindestens einmal Kinder zur Parzelle von Mario S. hochgeschickt haben. Dabei hätte er ihnen eingetrichtert: „Egal was Mario von euch will, tut es." Fünf Kinder sollen von beiden Tätern missbraucht worden sein. „Überwiegend haben jedoch beide eigenständig gehandelt", sagt Rechtsanwalt Jürgen Bogner, der Mario S. verteidigt. Welche Beziehung die Männer wirklich zueinander hatten, könne niemand beantworten. „Es wirkt fast so, als hätten sie in Konkurrenz gestanden", sagt Zeliha Evlice. Die Opferanwältin aus Vlotho habe das Gefühl, der Prozess werde für alle Beteiligten im Saal von Tag zu Tag schlimmer – und unerträglicher. „Da kommen so viele grausame Details zur Sprache, man bekommt Gänsehaut", sagt Evlice, die eine heute 19-Jährige vertritt. Jede Aussage würde die Ausmaße des Verbrechens noch greifbarer machen.

Eine Großmutter habe vor Gericht ausgesagt, die polizeiliche Vernehmung sei für ihre Enkelin eine große Erleichterung gewesen, berichten Prozessbeteiligte. Danach hätte das Kind nie wieder über den Missbrauch gesprochen, auch nicht ihren engsten Angehörigen gegenüber. Der Vater eines Opfers bricht bei seiner Aussage in Tränen aus. „Er kann sich bis heute nicht vorstellen, dass das, was seinen Kinder passiert ist, wirklich real war", sagt sein Anwalt Peter Wüller. Es sind nur zwei von vielen emotionalen Momenten, die wohl noch kommen werden. Am nächsten Freitag sollen weitere Opfer und Elternteile aussagen.

Unterdessen sind bei der Durchsuchung einer weiteren Parzelle auf dem Campingplatz laut Polizei und Staatsanwaltschaft mögliche Beweismittel sichergestellt worden – darunter auch Datenträger. Der 57-jährige Camper, der wegen schweren Missbrauchs unter Verdacht steht, sei aber weiter auf freiem Fuß. 

Die Doku zum Fall Lügde

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