Urteil zum Missbrauchsfall Lügde: "Sie haben 32 Kindheiten zerstört"

Janet König und Erol Kamisli

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Die Angeklagten Mario S. und Andreas V. (mit Aktendeckel vor dem Gesicht) mit ihren Anwälten Jürgen Bogner und Johannes Salmen vor Beginn der Verhandlung. - © Bernhard Preuss
Die Angeklagten Mario S. und Andreas V. (mit Aktendeckel vor dem Gesicht) mit ihren Anwälten Jürgen Bogner und Johannes Salmen vor Beginn der Verhandlung. (© Bernhard Preuss)

Lügde/Detmold. Nahezu stoisch nehmen Andreas V. und Mario S. nach zwei Monaten Verhandlung das Urteil im Fall Lügde entgegen. Keine Gefühlsregung ist ihnen anzusehen. Ein gewohnter Anblick für die Kammer – denn die hat zu keinem Zeitpunkt aufrichtige Reue bei den Angeklagten erkennen können, wie die Vorsitzende Richterin Anke Grudda betont.

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Das Urteil für rund 450 Missbrauchstaten an 32 Kindern – das jüngste war gerade mal vier Jahre alt – fällt mit 13 Jahren Haft für Andreas V. sowie 12 Jahren Haft für Mario S. entsprechend hoch aus. Für beide Täter ordnet die Kammer die anschließende Sicherungsverwahrung an. Das Gericht habe keinen Zweifel daran, dass die beiden selbst nach langen Haftstrafen noch eine Gefahr für Kinder darstellen werden. „Die pädophile Neigung ist zu tief in der Persönlichkeit verwurzelt", sagt Grudda. Strafverschärfend wirke sich außerdem das perfide System aus, mit dem Andreas V. und Mario S. ihre Opfer gefügig gemacht hätten. „Es ist an Widerwärtigkeit nicht zu überbieten."

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Beide hätten ihre Opfer mit Geschenken und Drohungen gezielt an sich gebunden – ein vermeintliches Kinderparadies geschaffen, das nur der Fassade diente. „Es ging nur darum, Ihre pädophilen Bedürfnisse zu befriedigen", sagt Grudda. Den Opfern sei damit „unerträgliches Leid" zugefügt worden, doch die Täter hätte dies nicht interessiert.

Dennoch müsse sich das Geständnis strafmildernd auswirken. Darüber hinaus seien beide Angeklagten nicht vorbestraft, auch das müsse berücksichtigt werden. Beide Männer hätten die „unfassbaren Taten" über Jahrzehnte hinweg ungestört vollziehen können. „Die Taten sind mitten auf einem Campingplatz geschehen, doch niemand will etwas bemerkt haben", sagt Grudda. Es habe Anzeigen gegeben, doch seien die nicht bei der Staatsanwaltschaft gelandet. Dass beide Täter so lange unentdeckt bleiben konnten, hätte ihre Hemmschwelle womöglich bis zum "Realitätsverlust" hinab gesetzt.

Es bleibt Fassungslosigkeit

Immer wieder spricht Richterin Anke Grudda die beiden Angeklagten direkt an: „Sie beide haben 32 Kinder und Jugendliche zu Objekten Ihrer sexuellen Begierden degradiert und deren Kindheiten zerstört." Worte wie „abscheulich, monströs, widerwärtig" reichten nicht aus. Auch nach zehn Verhandlungstagen bleibe nur „Fassungslosigkeit".

13 Jahre Haft für den 56-jährigen Andreas V. wegen insgesamt 290 Missbrauchsfällen. Der 34-jährige Mario S. aus Steinheim erhält zwölf Jahre, weil er sich rund 160 Mal an Mädchen und Jungen vergangen hat - beide müssen in Sicherunsgverwahrung. Unter den Taten sind „sehr, sehr schlimme Vergehen", sagt Grudda. Die jüngsten Opfer waren zur Tatzeit erst vier Jahre alt. Die meisten Taten haben die Männer in der heruntergekommenen Unterkunft von Andreas V. auf dem Campingplatz in Lügde begangen – über einen Zeitraum von 15 bis 20 Jahren.

Die Kammer habe leider auch nach mehr als zwei Monaten nicht den Eindruck gewinnen können, dass die beiden auch nur ansatzweise verstanden hätten, welche Schuld sie auf sich geladen haben. „Sie haben auch während des Prozesses Empathie und Menschlichkeit vermissen lassen. Sie waren nur mit sich selbst beschäftigt", sagt Grudda. Insbesondere bei Andreas V. habe die Kammer oft den Eindruck gehabt, dass der 56-Jährige gedanklich abschalte, um sich nicht mit den Aussagen der Opfer auseinandersetzen zu müssen. Sein Mittäter Mario S. habe sich zwar entschuldigt, aber aufrichtige Reue sehe anders aus. „Die gezeigte Betroffenheit galt nicht den Kindern, sondern ihm selbst", so Grudda.

Mehrere hundert Einzeltaten an 34 Mädchen und Jungen waren angeklagt, letztlich wurden die Taten an 32 Opfern verurteilt. Die Zahl der geschädigten Kinder sei vermutlich viel höher, sagte Richterin Grudda. Wegen des unfassbar langen Tatzeitraums von 20 Jahren dränge sich zudem die Frage auf, warum der Missbrauch so lange unentdeckt bleiben konnte.

Zwischen Schlaflosigkeit und Angstzuständen

„Wir haben hier Kinder im Gerichtssaal erlebt, die unter Schlaflosigkeit, Albträumen, Angstzuständen leiden. Kinder, die sich selbst verletzen", erklärt Grudda. Die Kindheit der 32 Opfer sei komplett zerstört worden. Die jungen Opfer würden bis heute von innerer Zerrissenheit gequält. Sie könnten die sexuellen Übergriffe gar nicht einordnen.
Außerdem hätten die Angeklagten ihre Opfer systematisch durch eine Mixtur aus Belohnungen und Bestrafungen unter Druck gesetzt. Zwei Opfer von Mario S. seien inzwischen sogar selbst zu Tätern geworden. „Sie haben große Schuld auf sich geladen, daher sind die Haftstrafen, auch unter Berücksichtigung der Geständnisse, völlig angemessen", erklärt die Richterin.

Zustimmung bei den meisten Prozessbeteiligten. „Wir können alle zufrieden sein. Eine lebenslange Freiheitsstrafe hätte der Bundesgerichtshof ohnehin wieder kassiert", sagt Opferanwalt Steffen Hörning. Und keiner wolle sich diesem Prozess noch einmal stellen, da seien sich wohl alle Seiten einig. „Den Kindern ist heute Gerechtigkeit widerfahren", betont auch Rechtsanwalt Thomas Brockmann, der einen inzwischen volljährigen Jungen vertritt.

Den sachlichen Ausführungen des Gerichts hat auch die Verteidigung nichts mehr hinzuzufügen. Rechtsanwalt Jürgen Bogner, der Mario S. vertritt, schließt eine Revision aus. Sein Kollege Johannes Salmen, der Andreas V. verteidigt, will das weitere Vorgehen mit dem 56-Jährigen besprechen: „Ich werde ihm von einer Revision abraten."

Ermittlungen gehen weiter

Die Staatsanwaltschaft hatte für V. auf eine Haftstrafe von 14 Jahren, für S. von zwölf Jahren und sechs Monaten – für beide mit Sicherungsverwahrung – plädiert. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Urteil", sagt Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Mit diesem Urteil sei der Fall Lügde für die Behörde allerdings nicht abgeschlossen. Laut Staatsanwaltschaft laufen diverse Ermittlungsverfahren gegen mehrere Tatverdächtige weiter.

Außerdem werde gegen zwei Polizeibeamte wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt sowie gegen acht Jugendamtsmitarbeiter und gegen vier Mitarbeiter anderer sozialer Organisationen wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht ermittelt. „Die juristische Aufarbeitung des Falls Lügde geht weiter", so Vetter.
Dem Prozess war ein beispielloses Behörden-Wirrwarr vorausgegangen. Der Leiter des Jugendamts Hameln-Pyrmont manipulierte die Akte der Pflegetochter von Andreas V., aus den Räumen der Polizei Lippe verschwand ein Aktenkoffer mit sichergestelltem Beweismaterial. Die Ermittler durchsuchten Andreas V.s Parzelle auf dem Campingplatz mindestens sechs Mal – und jedes Mal wurde dabei Beweismaterial übersehen. Später stellte sich heraus: Zu dem Zeitpunkt, als Andreas V. seine Pflegetochter zugesprochen wurde, lagen schon mehrere Hinweise gegen den 56-Jährigen vor. Reagiert hatte jahrelang aber niemand.

Reaktionen zum Urteil

Die harten Urteile gegen die Täter im Missbrauchskandal von Lügde werden überwiegend begrüßt. Viele Prozessbeobachter, darunter auch Opfer und deren Angehörige, die in einem separaten Raum des Detmolder Landgerichts die Urteilsverkündung verfolgen, scheinen sichtlich erleichtert. „Wir sind sehr froh, dass das Gericht die Sicherungsverwahrung ausgesprochen hat. Die sollen für immer hinter Gitter bleiben", sagt ein Opfer von Andreas V. und verlässt das Gerichtsgebäude unter Tränen. Daumen hoch auch bei Anke Heldt, Opferschützerin des Weißen Ring Schaumburg, die mehrere Betroffene nach Detmold begleitete: „Super Urteil – alle sind begeistert gewesen. Das Schönste ist die Sicherungswahrung, die Zahl davor war den jugendlichen Opfern sowie deren Eltern gar nicht so wichtig." Sie hofften alle, dass ihre Peiniger „sehr lange im Gefängnis bleiben müssen", fügt Heldt hinzu. Für den Weißen Ring hört die Zusammenarbeit nach dem Urteil nicht auf. „Wir bieten den Opfern eine Ferienfreizeit an und suchen gemeinsam mit ihnen einen Therapeuten", sagt Heldt. Derzeit betreue sie fünf Lügde-Opfer im Alter von acht bis 19 Jahren.

Auch bei Lügdes Bürgermeister Heinz Reker löst das Urteil Erleichterung aus. „Es ist das rausgekommen, was wir alle erhofft haben." Die Lügder Bürger hätten nun die Hoffnung, dass die Stadt wieder nach vorne blicken könne. „Lügde ist stellvertretend für eine ganze Gesellschaft an den Pranger gestellt worden." Jetzt liege es an allen, Taten wie im Lügde-Fall in Zukunft zu verhindern.

Die Chronik zum Lügde-Prozess

Das bedeutet die Sicherungsverwahrung

Die Doku zum Fall Lügde

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