Missbrauch auf Campingplatz: Opferanwalt kritisiert Ermittlungsrichter

Erol Kamisli

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Das Detmolder Gerichtsgebäude: Hier startet voraussichtlich im Juni der Missbrauchsprozess. - © Archivfoto: Bernhard Preuss
Das Detmolder Gerichtsgebäude: Hier startet voraussichtlich im Juni der Missbrauchsprozess. (© Archivfoto: Bernhard Preuss)

Kreis Lippe. „Sie sind die Guten" – mit diesen Worten hat sich ein Detmolder Richter an die Polizisten in Lippe gewandt. Er wolle den aktuell wegen des Falls Lügde unter öffentlichem Generalverdacht stehenden Beamten den Rücken stärken, sagt er auf LZ-Anfrage. Seinen Namen will der Mann, der auch Ermittlungsrichter im Missbrauchsfall Lügde ist, nicht in der Zeitung lesen. Er habe die Zeilen als Privatmann verfasst.

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Einige Rechtsanwälte hätten sich schon bei den Detmolder Gerichten gemeldet und ihm Befangenheit als Ermittlungs- und Strafrichter vorgeworfen, sagt der Jurist. „Diese Kollegen kann ich nur unterstützen", sagt Opferanwalt Roman von Alvensleben. Er könne nicht verstehen, dass jemand, der als Ermittlungsrichter in diesem schrecklichen Missbrauchsfall beteiligt ist, den Polizeibeamten einen Persilschein ausstelle. Das sei nicht hinnehmbar und auch ein Schlag ins Gesicht aller Opfer, die nicht von der Polizei beschützt worden seien. „Es wäre gut, wenn ein neuer Ermittlungsrichter eingesetzt wird", fordert von Alvensleben.

"Ich bin nicht befangen"

Der betroffene Strafrichter sieht seine Neutralität nicht gefährdet. „Ich bin nicht befangen", betont er. Er habe den Brief als „Trostpflaster" an Polizisten in Lippe geschrieben, weil er nach den Ermittlungspannen im Fall des mutmaßlichen Missbrauchs auf dem Campingplatz in Lügde die ganze lippische Polizei unter Generalverdacht gesehen habe. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) habe von Polizeiversagen gesprochen, Beamte seien in der Öffentlichkeit angefeindet und lächerlich gemacht worden. „Es ist nicht gut, wenn die Polizei und die übrige Gesellschaft so auseinanderdriften", sagt der Richter. „In dieser Situation wollte ich die vielen Beamten, die jeden Tag gute Arbeit leisten, aufbauen", fügt er hinzu. Er habe die Zeilen nicht als Richter verfasst, aber seine jahrelange „gute berufliche Erfahrung" mit Polizisten sei der Auslöser für den Brief gewesen.

Doch auch als Privatmann beginnt er mit den Worten: „Liebe Kolleginnen und Kollegen der lippischen Polizei." Dann schreibt der Strafrichter, bei der derzeitigen medialen Berichterstattung werde außer Acht gelassen, dass die Ursache der Missbrauchstaten bei den Tätern, ihren Gehilfen und den Abnehmern der Filme liege. „Erst danach kann man die Rolle insbesondere der Jugendämter und auch einzelner Polizisten in den Blick nehmen."

Hausgemachte Fehler

Man solle aber erst einmal abwarten, was von den Vorwürfen übrig bleibe. Die Beteiligten machten sich selbst schon genügend Vorwürfe und fragten sich, ob sie vielleicht Hinweisen nicht intensiv genug nachgegangen seien. Fehler seien zum Teil aber auch „hausgemacht", weil man die lippische Polizei über Jahre habe „ausbluten" lassen.

Der Strafrichter sagte, er habe den Brief als E-Mail an etwa 20 Polizisten geschickt. „Meine Äußerungen waren eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht." Doch das Schreiben wird seit Tagen von begeisterten Empfängern per Mail und WhatsApp weiterverbreitet. Polizist Michael Kling, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in OWL, freut sich: „Es ist super, dass sich ein Richter so für uns einsetzt. Nach dem, was wir seit Wochen erleben, hat das vielen in der Behörde richtig gutgetan." Auch viele Ex-Polizisten hätten dem Richter schriftlich gedankt.

„Dafür habe ich kein Verständnis", sagt Opferanwalt von Alvensleben. Die Beamten würden teilweise völlig zu Recht kritisiert. „Ein Richter ist kein Trostpapa für die Polizei. Damit macht er sich unglaubwürdig."

Mehrere Kinder in Obhut

Sechs Kinder sind im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen von Lügde in Obhut genommen worden sind, teilt der Kreis Lippe mit. Das Kreisjugendamt habe Hinweise von Mitarbeitern und der Polizei erhalten. Die Kinder würden in stationären Jugendhilfeeinrichtungen und Pflegefamilien betreut. Die Detmolder Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die drei Eltern, da sie ihre Kinder, trotz Missbrauchsverdachts gegen Andreas V. (56), weiter auf den Lügder Campingplatz geschickt haben sollen, damit sie Zeit mit dem 56-Jährigen verbringen.

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