Missbrauchsfall Lügde: Andreas V. und Mario S. sollen sich Kinder "geteilt" haben

Jürgen Mahncke, Erol Kamisli und Janet König

  • 0
Tatort des Grauens: Unvorstellbare Szenen sollen sich auf dem Campingplatz in Lügde abgespielt haben. - © DPA
Tatort des Grauens: Unvorstellbare Szenen sollen sich auf dem Campingplatz in Lügde abgespielt haben. (© DPA)

Lügde. Es sind grausame Details, die der Abschlussbericht im Missbrauchsfall Lügde offenbart. So unvorstellbar, dass man sie kaum wiedergeben kann, sagt Opferanwalt Peter Wüller. Der Bielefelder, der vier Geschädigte im Fall Lügde vertritt, ist gerade dabei, sich durch das 1.000 Seiten starke Dokument durchzuarbeiten. „Es wird einem schlecht, wenn man das liest", sagt Wüller.

Auf dem Campingplatz in Lügde sind nach Angaben des Anwalts Taten verübt worden, die weit über jedes menschliche Vorstellungsvermögen hinausgehen. Teilweise seien die Kinder dazu gezwungen worden, sich gegenseitig zu missbrauchen. „Dabei sind sie gefilmt worden", sagt Wüller. So sei es im Abschlussbericht festgehalten.
Der 56-jährige Hauptverdächtige Andreas V. soll 28 Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Dem 34-jährigen Mittäter Mario S. wird der Missbrauch von 18 Kindern vorgeworfen. Die Zahlen sind nach Angaben des Detmolder Oberstaatsanwalts Ralf Vetter darauf zurückzuführen, dass fünf Kinder von beiden Tätern missbraucht wurden. Bisher seien 41 Opfer bestätigt. Rechtsanwalt Jürgen Bogner, der den 34-jährigen Mario S. aus Steinheim vertritt, kennt den Abschlussbericht noch nicht. Der Rechtsanwalt aus Blomberg bestätigt aber, dass es einen Austausch zwischen den mutmaßlichen Haupttätern Andreas V. und Mario S. gegeben haben soll.

Information

Salmen kritisiert Opferanwälte


Rechtsanwalt Johannes Salmen, Verteidiger des Hauptbeschuldigten Andreas V., kritisiert Aussagen von Opferanwälten, die Ermittlungsakten zitieren. „Sie zitieren daraus, obwohl die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft noch gar nicht fertig ist ", sagt Salem. Für solch ein Verhalten habe er absolut kein Verständnis. „Kollegen, die solche Aussagen tätigen, sind einfach nur publicity-geil und nicht daran interessiert, dass Spielregeln eingehalten werden", fügt der Jurist hinzu.

„Es gibt Hinweise auf Absprachen, dass einige Opfer hin- und hergeschoben wurden." Dieser Austausch soll jedoch nicht im selben Raum stattgefunden haben. „Von einer Komplizenschaft möchte ich daher nicht sprechen", ergänzt Bogner. Dennoch geht der Jurist davon aus, dass sein Mandant erst durch die Bekanntschaft mit Andreas V. in die Serie von Verbrechen hineingerutscht ist.

Die beiden mutmaßlichen Haupttäter sollen sich vor ein paar Jahren auf dem Campingplatz kennengelernt haben. Derzeit wird Mario S. begutachtet. Ein Ergebnis steht laut Bogner noch aus. Der Anwalt ist davon überzeugt, dass sein Mandant weiß, falsch gehandelt zu haben. „Der ist nicht dumm. Er weiß genau, was er tut." Dennoch müsse nun die Anklageschrift abgewartet werden: „Bis dahin stochern wir im Dunkeln."

Um Klarheit zu schaffen, arbeitet die Ermittlungskommission „Eichwald" seit Monaten unter enormem Druck an der Aufklärung des Falls. Inzwischen sorgt das innerhalb der Polizei in NRW für Beschwerden. „Natürlich belastet die Konzentration von Polizeikräften für den Fall Lügde die Aufklärungsarbeit in anderen Teilen des Landes", erklärt Stephan Hegger, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei in NRW. Einige Beamte hätten sich gemeldet und angedeutet, dass andere Ermittlungen, darunter laut Polizeistatistik aus dem vergangenen Jahr rund 2.400 Fälle von Kindesmissbrauch, nicht bearbeitet werden können, weil sich alles um Lügde drehe.

„So ist es leider, wenn die personelle Ausstattung der NRW-Polizei auf Kante genäht ist", ergänzt Hegger. Die inzwischen auf 79 Beamte angewachsene Ermittlungskommission erfordere seit Wochen enorme Kräfte, um Fotos und Videos mit kinderpornografischem Inhalt auszuwerten. Wenn dafür Verstärkung aus allen Landesteilen nötig sei, bleibe natürlich Arbeit in den anderen Dienststellen liegen, so der Sprecher der Polizeigewerkschaft NRW.

„Doch das Ende dieses umfangreichen Polizeieinsatzes ist in Sicht, da die Spitze der Ermittlungsarbeit überschritten ist und die Detmolder Staatsanwaltschaft die Anklageschrift in den kommenden Tagen vorlegen will", sagt Hegger. Das bestätigt auch der Detmolder Oberstaatsanwalt Vetter. Doch auch nach Anklageerhebung könne weiter ermittelt werden, ergänzt Vetter. Ob die Ermittlungskommission dann immer noch mit knapp 80 Beamten ermittelt, muss laut dem Oberstaatsanwalt die Polizei entscheiden.

Alle Artikel zum Missbrauchsfall Lügde lesen Sie hier.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2019
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!