Tag 7 im Lügde-Prozess: Zwischen Zittern und fehlender Empathie

Janet König

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Anspannung in Saal 165: Beim Eintreten der Kammer starrt Mario S. (links) auf den Tisch, während sich der am ganzen Körper zitternde Andreas V. am Tisch festhalten muss. Neben ihm steht sein Verteidiger Johannes Salmen. - © Jannik Stodiek
Anspannung in Saal 165: Beim Eintreten der Kammer starrt Mario S. (links) auf den Tisch, während sich der am ganzen Körper zitternde Andreas V. am Tisch festhalten muss. Neben ihm steht sein Verteidiger Johannes Salmen. (© Jannik Stodiek)

Detmold. Um ein Haar wäre der Lügde-Prozess am Donnerstag erneut in Gefahr gewesen. Zitternd und sichtlich abgemagert schleppt sich Andreas V. gegen 9 Uhr in den Saal 165 – gesundheitlich scheint es ihm trotz der Entlassung aus dem Justizkrankenhaus wieder schlechter zu gehen. Die Anspannung unter den Prozessbeteiligten ist spürbar. Keiner weiß, ob der 56-Jährige weitermachen kann.

Erkrankung steht fest

„Wir ziehen das jetzt durch", sagt sein Verteidiger Johannes Salmen in einer kurzen Pause auf dem Flur. Der geschwächte Andreas V. leidet an einer Gürtelrose und bekommt für die restliche Zeit einen Rollstuhl gestellt. Nochmals erkundigt sich die Vorsitzende Richterin Anke Grudda, ob Andreas V. der Verhandlung wirklich folgen könne. „Wenn es nicht mehr geht, ziehe ich die Reißleine", verspricht Salmen. Doch sowohl sein Mandant als auch er möchten das Verfahren weiter voranbringen.

Denn für diesen Prozesstag sind die letzten Zeugen geladen, ein Abbruch hätte den weiteren Verhandlungsverlauf durcheinander gewirbelt. Wieder sprechen Opfer und Angehörige unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Für drei Kinder, die sich zu sehr vor der Aussage bei Gericht fürchten, trägt Grudda öffentlich Stellungnahmen und Gutachten vor. Ein Mädchen lässt über ihre Anwältin KrisztinaKeeb-Szigeti mitteilen, sie habe wahnsinnige Angst davor, dass Andreas V. aus dem Gefängnis fliehen könnte. „Wenn das so ist, würde ich mich für immer unter meinem Bett verstecken", zitiert Grudda aus dem Schreiben. Das Mädchen selbst sperre sich, über das Erlebte zu sprechen. Auf dem Weg zur polizeilichen Vernehmung sei dem Kind im Auto schlecht geworden und es hätte sich übergeben müssen, heißt es.

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Enormer Druck für die Kinder

Der enorme Druck, unter dem die Kinder leiden, wird auch im therapeutischen Gutachten einer heilpädagogischen Einrichtung deutlich. In dieser wird ein Geschwisterpaar stationär betreut. Die Kinder seien im Grundschulalter und gehören beide zu den Opfern des Missbrauchs. Beide könnten das Erlebte nur in Bruchstücken wiedergeben, zitiert Grudda aus dem Gutachten. Für die Psyche der Kinder sei das eine Art Selbstschutz, um an dem Erlebten nicht ganz zu zerbrechen. Alpträume und Ängste bestimmen das Leben vieler Opfer, wird erneut deutlich. Ein kleines Mädchen wolle ausschließlich mit ihrem Bruder spielen, zitiert die Richterin. Die Therapeuten vermuten, das Kind wolle sich damit Stabilität und Sicherheit ins Leben holen.

Auch für Polizisten sei der Umgang mit den kindlichen Zeugen äußert schwierig gewesen, gibt Ermittler Norbert Freier wenig später an. Dass die Opfer so jung sind, gehe an niemandem spurlos vorbei. Der Bielefelder Kripobeamte ist der einzige von 80 Ermittlern, der im Lügde-Prozess zu Wort kommt. Zum ersten Mal gibt es auch einen Seitenhieb in Richtung der lippischen Kollegen, die den Fall am 4. Februar an die größere Behörde nach Bielefeld abgeben mussten. „Die Übernahme gestaltete sich schwierig, da die Aktenführung nicht lesbar war", sagt Freier. Auch die Vernehmung der Opfer sei ungenügend gewesen, deshalb hätten einige Kinder neu befragt werden müssen. Es habe sehr lange gedauert, überhaupt ein Vertrauensverhältnis zu den Kindern aufzubauen. „Viele haben erst nach Stunden geredet", sagt Freier.

Keine Empathie bei Mario S.

Für den Rest der Verhandlung wird Andreas V. beurlaubt. Während die Sachverständige Marianne Miller das psychologische Gutachten zu Mario S. vorträgt, sind alle Augen auf den 34-Jährigen gerichtet. Miller attestiert dem Steinheimer eine pädophile Störung. Eine Sexualtherapie verspreche keinen Erfolg. „Seit 20 Jahren begeht er diese Taten – das sind fest in seiner Persönlichkeit verankerte Verhaltensmuster", erklärt Miller. Daher könne die Fachärztin nicht ausschließen, dass nicht auch nach einer langjährigen Haftstrafe Gefahr von Mario S. ausgehe. „Noch dazu ist er sich überhaupt nicht bewusst, welches Leid er den Kindern und Familien zugefügt hat." Mario S. sei seinen Opfern gegenüber vollkommen empathielos gewesen. „Du hast dich zwar entschuldigt, aber das war überhaupt nicht emotional besetzt", sagt Miller in Richtung des Angeklagten, während Mario S. vor sich auf den Tisch starrt. Damit steht für den 34-Jährigen eine Sicherungsverwahrung im Raum, vor der ihn Verteidiger Jürgen Bogner gerne bewahrt hätte. „Die Ausführungen der Sachverständigen waren sehr deutlich", sagt Bogner. Für seinen Mandanten sehe es schlecht aus.

Der Prozess geht am Freitag um 9 Uhr mit dem Gutachten zu Andreas V. und ersten Plädoyers weiter.

Information
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Kleine Demo

Die Zahl der Protestierenden bei der angekündigten Demo am Landgericht ist überschaubar geblieben. Sechs Teilnehmer schlossen sich nach Angaben der Organisatoren dem Demonstrationszug mit Schweigemarsch zum Markt an. „Es war wohl leider etwas kurzfristig", sagt Mitveranstalterin Michaela V.. Dennoch hätten sich die Teilnehmer nicht entmutigen lassen.

Doku zum Fall Lügde

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