Mehr Meldungen von Kindeswohlgefährdung seit Missbrauchsskandal Lügde

Svenja Ludwig

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In OWL sind die Menschen mittlerweile sensibler, wenn es um mutmaßliche Kindeswohlgefährdung geht. - © Symboldbild: Pixabay
In OWL sind die Menschen mittlerweile sensibler, wenn es um mutmaßliche Kindeswohlgefährdung geht. (© Symboldbild: Pixabay)

Herford/Paderborn. "Wenn so ein Fall wie Lügde groß in den Medien ist, werden alle nervös." So erklärt sich Herfords Kämmerer Matthias Möllers, dass beim Herforder Jugendamt häufiger mutmaßliche Kindeswohlgefährdung gemeldet wird, seitdem der Missbrauchsskandals auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde an die Öffentlichkeit kam. Die Menschen seien durch den Fall sensibilisiert worden und meldeten einen Verdacht nun schneller als früher.

265 Meldungen von Kindeswohlgefährdung sind laut Herfords Sozialdezernentin Birgit Froese-Kindermann im vergangenen Jahr eingegangen. Ein drastischer Anstieg. 19-Mal gab es außerdem einen Verdacht auf sexuelle Gewalt - der erhärtete sich jedoch nur in weniger als der Hälfte der Fälle. Vergleichszahlen aus den vergangenen Jahren nannte sie nicht.

Mehr Meldungen, weniger Eingriffe

Anderswo in OWL sieht es ähnlich aus. "Die Zahl der Meldungen steigt, die Zahl der Situationen, in denen interveniert werden musste, ist rückläufig", teilt Michaela Pitz, Sprecherin des Kreises Paderborn, auf Anfrage mit. 468 Meldungen zu einer möglichen Kindeswohlgefährdungen gab es im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: 2017 waren es 440, 2018 mit 430 noch ein paar weniger. Ein Einschreiten war 2019 in 189 Fällen notwendig (2017: 221, 2018: 197).

Gesamtgesellschaftlich habe die Sensibilität zugenommen, heißt es in einer Auswertung des Kreisjugendamtes Paderborn. Ein Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in Lügde wäre aber konstruiert, so Pitz. Trotzdem beeinflusst der Skandal auch die Arbeit in und um Paderborn. Erstmals wertet das Kreisjugendamt Meldungen zu möglicher sexueller Gewalt an oder durch Kinder differenziert aus - wegen Lügde. 41 Meldungen seien diesbezüglich 2019 eingegangen, 84 Kinder seien überprüft worden. In 80 Prozent der Fälle habe keine akute, noch andauernde Gefährdung festgestellt werden können, heißt es.

"Hinweise kamen insbesondere von Polizei und Staatsanwaltschaft"

"Auch bei uns in Bielefeld sind nach Bekanntwerden der Vorfälle in Lügde mehr Mitteilungen hinsichtlich eines Verdachts auf sexuelle Gewalt eingegangen", erklärt Sozialdezernent Ingo Nürnberger auf Anfrage von nw.de. Diese seien nicht unbedingt gleichzusetzen mit anderen Gefährdungsmitteilungen. "Substanzielle Hinweise kamen insbesondere über Meldungen der Polizei oder auch Staatsanwaltschaft. Hier hat es in den betreffenden Einzelfällen auch einen sehr engen und guten Austausch gegeben." Aber auch andere Personen hätten sich in Sorge an die Institutionen gewendet. Konkrete Zahlen für 2019 gebe es aktuell nicht. Diese würden gerade ausgewertet.

Und wie sieht es im Kreis Lippe aus? Beim Jugendamt des Kreises, nicht zuständig für die Städte Detmold, Lage, Lemgo und Bad Salzuflen, lagen im vergangenen Jahr mit 115 Meldungen acht weniger vor als 2018 und vier weniger als 2017. Als Meldung gilt es, wenn zum Beispiel ein Nachbar oder ein Lehrer einen Verdacht mitteilt. Kommen Hinweise von der Polizei oder entdeckt das Jugendamt im Tagesgeschäft Kindeswohlgefährdungen, fließen diese nicht als Meldung in die Statistik des Kreisjugendamts Lippe - anders als andernorts. So erklärt sich, dass das Jugendamt 2019 bei 115 Meldungen 102 Inobhutnahmen veranlasste, gleichzeitig aber lediglich bei 44 Meldungen eine tatsächliche Kindeswohlgefährdung vorlag.

Der Film zum Lügde-Prozess

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