Leben ohne moderne Technik

Laien-Darsteller und Studenten trotzen dem Wetter auf alte Art

von Karin Prignitz

Sie haben einen Monat lang praktische Erfahrungen im Museum gesammelt. Hier starten Ellen Murphy (v. l.), Kayleigh Farrar, Jesica Poile, Jessica Evans, Peter Forward, Jonathan Hardman, Teamleader Ian Dennis, Clara Freer und Luc Potts einen Keramikversuch. - © FOTO: KARIN PRIGNITZ
Sie haben einen Monat lang praktische Erfahrungen im Museum gesammelt. Hier starten Ellen Murphy (v. l.), Kayleigh Farrar, Jesica Poile, Jessica Evans, Peter Forward, Jonathan Hardman, Teamleader Ian Dennis, Clara Freer und Luc Potts einen Keramikversuch. (© FOTO: KARIN PRIGNITZ)

Oerlinghausen. Heizung, Regenschirme, Jacken – alles noch nicht erfunden. Befestigte Wege gab’s auch noch nicht. Die Menschen der Frühzeit mussten ihren Alltag ohne diese nützlichen Hilfsmittel meistern. Hat meistens auch geklappt. Das zumindest hat Besucherin Doris Koch beim Besuch des Archäologischen Freilichtmuseums erfahren. "Die Leute damals waren vernünftig, sie sind einfach in ihren Häusern geblieben."

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Neue Schilder im Museum

Das Freilichtmuseum hat eine neue Beschilderung bekommen. Finanziert worden sind die neuen Hinweistafeln, die auf dicken Eichenstämmen, einer Stahl- und Alukonstruktion befestigt worden sind, vom Kreis Lippe, dem Lions Club Oerlinghausen sowie durch private Spenden. Texte und Bilder weisen auf die einzelnen Bereiche im Museum hin. Insgesamt seien es 25, so Paardekooper, der von einer strukturellen Erneuerung und Verbesserung spricht. Senior-Studenten hätten ihre Erfahrung eingebracht. (kap)

So haben es in der zurückliegenden Woche auch Mitglieder von "ASBL Lucilinburhuc", einem multi-epochalen Reenactment-Verein aus Luxemburg gehalten. Jetzt endet ihr einwöchiger Besuch im Freilichtmuseum. Nora Back, Film- und Medienstudentin aus Belvaux zieht die Wolldecke ein wenig fester um die zarten Schultern. "Eigentlich", sagt die 23-Jährige, "würde ich lieber draußen sitzen." Dafür ist der Regen aber einfach zu stark und zu dauerhaft. Und dann gewittert’s auch noch. Also hat sich die Darstellerin mit ihrer filigranen Stickarbeit ganz nah an die Tür des Sachsenhauses gesetzt. "In den Durchzug, damit ich mehr Licht bekomme." Auch Misch Meurin (24) hat es vorgezogen, das Holz fürs Feuer im Haus zu hacken.

"Bei dem nassen Wetter haben wir Aktionen gesucht, die drinnen stattfinden können", erzählt Nora Back. Eben ganz so, wie es auch die Vorfahren gehalten haben. "Der Schmied hat Glück, er hat eine Überdachung." Im Sachsenhaus lodert ein kleines Feuer, das Rauch produziert und ein wenig Wärme spendet. Mit Hilfe eines Feuersteins, eines getrockneten Zündpilzes, Eisen und Stroh ist es am Morgen mühevoll entfacht worden und glimmt jetzt vor sich hin. Misch Meurin zeigt, wo die Gäste aus Luxemburg schlafen. In seinem einfachen Holzbett liegen ein mit Stroh gefüllter Leinensack und Felle, oben drauf eine schwere gewebte Wolldecke. "Sieht aus wie ein Flokati", meint eine Besucherin. Aussehen vielleicht, "alles hier ist aber originalgetreu nachempfunden worden", betont der gelernte Metallbauer.

Daniel Rosenfeld und Gil Schmit aus Luxemburg zeigten Besuchern, wie mit Hilfe einer kleine Schmiedeanlage und zweier Blasebälge ein sogenannter Nagelabtrenner gefertigt wird.
Daniel Rosenfeld und Gil Schmit aus Luxemburg zeigten Besuchern, wie mit Hilfe einer kleine Schmiedeanlage und zweier Blasebälge ein sogenannter Nagelabtrenner gefertigt wird.

Auch die Waffen, mit denen in der Zeit von 600 vor Christus bis in das 15. Jahrhundert hinein gekämpft und gejagt wurde. Jacques Rosenfeld erläutert einer Besuchergruppe aus Lemgo, wie das mit Schwert, Schild und Messern funktionierte. "Warum brauchte man eigentlich ein Schild", will Ole (8) wissen. "Man hatte doch eine starke Rüstung." So ein Schild, erläuterte der Abiturient (18) biete halt noch mehr Schutz, "und es ist billiger als eine Reparatur an der Rüstung." Ole hat noch etwas entdeckt. "Mich fasziniert noch die große Axt." Anfassen darf er sie, ganz vorsichtig, und dann ein wenig mit Jacques Rosenfeld und einem kleinen Schwert kämpfen. Aber nur in einer Regenpause, "denn Metallwerkzeuge setzen schnell Rost an". Und hinterher alles zu polieren, "das muss nicht sein".

Oles Mutter Svenja Polls ist Lehrerin und bereits mit Schulklassen im Freilichtmuseum gewesen. "Das ist echt wunderbar hier", schwärmt die Lemgoerin, die ihre Mutter Doris Koch, Sohn Ole, Tjara und Torge mitgebracht hat. Und das nasse Wetter habe schließlich auch seine Vorteile. "Da haben wir Zeit, uns alles in Ruhe anzugucken." Etwa, wie Daniel Rosenfeld und Gil Schmit mit zwei Blasebälgen und einer kleinen selbst gebauten Schmiedestation einen sogenannten Nageltrenner fertigen. Früher seien Schmieden wegen der Feuergefahr außerhalb der Dörfer angesiedelt worden. Überdacht und dunkel, das habe sein müssen. Nur so "konnte man die Temperatur an der Glühfarbe des Metalls erkennen". Damals habe es noch kein Thermometer gegeben – das neuzeitliche steht bei 17 Grad. Acht Archäologiestudenten aus Cardiff haben während ihres einmonatigen Aufenthaltes im Museum das Jungsteinzeithaus ausgemessen und dokumentiert sowie einen Keramik-Experiment abgeschlossen. "Sie sind so ein Wetter gewohnt", sagt Museumsleiter Roeland Paardekooper.

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