Die Oerlinghauser Tabakgeschichte

Horst Biere

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Historie: In diesem Haus eröffnete 1855 die erste Oerlinghauser Zigarrenfabrik. - © Privat
Historie: In diesem Haus eröffnete 1855 die erste Oerlinghauser Zigarrenfabrik. (© Privat)

Oerlinghausen. Die Zigarre war das Symbol für das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Jahrhundert zuvor, um 1850, bildete die Zigarre für Oerlinghausen so etwas wie einen Rettungsanker. Denn das blühende Leinengewerbe war am Ende, da setzte man auch in der Gemeinde am Tönsberg immer mehr auf den blauen Dunst.

Den etablierten Leinenhändlern waren die guten Geschäfte durch das billige Importleinen weggebrochen. Aber vor allem viele Hausweber verarmten immer mehr, denn das maschinengefertigte Leinen überschwemmte den Markt. Und selbst wenn in den Familien der Webstuhl nicht still stand, war man nicht mehr konkurrenzfähig.

Die neue Mode des Zigarrenrauchens in Deutschland ließ Hoffnung auf einen lukrativen Geschäftszweig in vielen Orten aufkommen, auf die Produktion von handgerollten Zigarren. Die Leinenhändler Friedrich und Wilhelm Hölter waren die ersten im kleinen Kirchdorf Oerlinghausen, die eine „Zigarrenbude" gründeten.

Im Jahre 1855 eröffneten sie an der Hauptstraße 3, im Haus der heutigen Altdeutschen Bierstube, eine Zigarrenfabrik. Bald waren bis zu 30 Zigarrenmacher in Hölters Manufaktur beschäftigt. Das notwendige Kapital und kaufmännisches Wissen brachten die Gebrüder Hölter zwar mit, aber an den nötigen Marktkenntnissen und vor allem am Wissen in der Verarbeitung von Tabakwaren haperte es offenbar.

Friedrich Hölter trat bald aus dem Geschäft aus, sein Bruder Wilhelm produzierte noch ein wenig weiter, 1862 musste er Konkurs anmelden. Mittlerweile setzten auch andere Kleinunternehmer auf das neue Geschäft mit der Zigarre. In der Blütezeit, den 1870er-Jahren, schoss eine Zigarrenbude nach der anderen aus dem Boden.

Viele Kinder und Jugendliche mussten nach der Schule mithelfen, den Tabak zu verarbeiten. Ihre Aufgabe war es, den Tabak „abzustruppen", das heißt, die dünnen braunen Tabakblätter von den Stängeln zu befreien. Die Arbeit war äußerst ungesund, denn der Staub setzte sich überall im Haus und auch in den Lungen der Arbeiter fest.

Die neue Zigarrenindustrie beförderte eine wichtige politische Entwicklung. Denn der Ursprung der Oerlinghauser Sozialdemokratie lag bei den Zigarrenmachern. Schon 1861 schlossen sie sich mit 21 Mitgliedern zu einem Verein zusammen.

Drei Jahrzehnte später organisierten sie sich im Sozialdemokratischen Allgemeinen Arbeiterverein. Es war üblich, dass in den Zigarrenbuden heiß diskutiert wurde, was man in der Zeitung gelesen hatte

Der Erste Weltkrieg und die Inflationsjahre setzten den Machern heftig zu. Immer mehr Kleinbetriebe gingen in Konkurs. Einige produzierten auf Sparflamme weiter. Auch der neue Trend zur Zigarette läutete den Niedergang der Zigarrenhersteller rund um den Tönsberg mit ein.

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