Nach lebensgefährlichem Freibadunfall: So geht es dem Achtjährigen aus Oerlinghausen

Niklas Böhmer

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Es geschah im April: Deluwan kletterte mit anderen Jungs über den Zaun des noch geschlossenen Freibads, fällt ins Schwimmbecken und geht unter. Dass das Wasser sehr kalt und noch keimfrei war, ist einer der glücklichen Umstände, die sein Leben retteten. - © Karin Prignitz
Es geschah im April: Deluwan kletterte mit anderen Jungs über den Zaun des noch geschlossenen Freibads, fällt ins Schwimmbecken und geht unter. Dass das Wasser sehr kalt und noch keimfrei war, ist einer der glücklichen Umstände, die sein Leben retteten. (© Karin Prignitz)

Oerlinghausen. Um kurz nach 7 Uhr hält ein Bus vor der Haustür. Mit ihm geht es für Deluwan seit Ende der Herbstferien täglich nach Bielefeld zur Albatros-Förderschule. Hilfe braucht der Achtjährige beim Einstieg nicht, denn Deluwan kann eigenständig gehen. Dass der junge Iraker sieben Monate nach dem tragischen Vorfall im Oerlinghauser Freibad wieder am öffentlichen Leben teilhaben kann, grenzt nahezu an ein medizinisches Wunder. 

Es ist der Nachmittag des 12. Aprils, als sich Deluwan mit seinen beiden Brüdern (acht und neun Jahre) und einem weiteren Jungen Zugang zu dem damals noch nicht geöffneten Oerlinghauser Freibad verschafft. Womöglich ist dieser Umstand auch ein entscheidende Grund dafür, dass der junge Iraker noch am Leben ist. Weil das Wasser erst eingelassen und daher noch nicht bakteriell verschmutzt war, blieben Schäden der Lunge des Jungen aus. Die zu diesem Zeitpunkt sehr niedrige Wassertemperatur ließen den Sauerstoffbedarf von Gehirn und Organen sinken und sämtliche Funktionen im Körper auf Sparflamme laufen. Ein Umstand, der die Chancen erhöht, keine Folgeschäden zu erleiden. Geschätzt wird, dass Deluwan zwischen 15 und 20 Minuten lang im Wasser lag, ehe er schließlich von Feuerwehrleuten vom 3,80 Meter tiefen Grund des Sprungbeckens geborgen und reanimiert werden konnte.

Familie kann dank Nachbarschaftsinitiative unterstützen

Zehn Tage befand sich Deluwan im künstlichen Koma, drei Wochen verbrachte er auf der Intensivstation der Kinderklinik Bethel in Bielefeld. Eine Situation, unter der die jungen Eltern (Mutter 29 Jahre, Vater 32) sehr gelitten hätten, sagt die ehrenamtliche Betreuerin der Familie, Dr. Annemarie Rodekamp. Die vielen kleinen, aber durchgehend positiven Schritte ihres tapferen Jungen waren es, die ihre Zuversicht zurückkehren ließ. Ein enger Weg, maßgeblich gespickt von etlichen Therapiestunden, hat der junge Iraker in den vergangenen Wochen und Monaten bereits hinter sich gebracht. Das Laufen und Sprechen musste Deluwan im Neurologischen Rehabilitationszentrum der Stiftung Friedehorst in Bremen neu erlernen. Die Wochen waren stets gut gefüllt: Ergo- und Physiotherapie und Logopädie-Stunden standen auf der Tagesordnung. Hinzu gesellten sich Musiktherapie und sportliche Aktivitäten. Deluwan zog voll mit und machte kontinuierlich Fortschritte.

Dass ihn seine Eltern zu Anfang an Wochenenden, in den Sommerferien gar vier Wochen am Stück dabei unterstützen konnten, war der hohen Hilfsbereitschaft der eigens dafür gegründeten Nachbarschaftsinitiative zu verdanken. Es gründeten sich Gemeinschaften, die Deluwans Familie an jedem Wochenende nach Bremen fuhren. Durch die Spendengelder der vielen Oerlinghauser konnte unter anderem der vierwöchige Aufenthalt der Familie in einer Ferienwohnung auf dem Gelände des Reha-Zentrums ermöglicht werden. Wie Rodekamp berichtet, sei ständig ein Elternteil bei Deluwan geblieben. Die elterliche Fürsorge sei demnach auch entscheidend für Deluwans positive Entwicklung gewesen.

Zurück in die Bergstadt

Ende August ging es für den Achtjährigen zurück in die Bergstadt, wo er mit seiner Familie seit Oktober vergangenen Jahres wohnt. Positiv hätten sich auch seine beiden Brüder entwickelt, die nach wie vor die Integrationsklasse der Südstadtschule in Oerlinghausen besuchen. „Die beiden haben den Vorfall hautnah miterlebt. Mittlerweile sind sie aber ziemlich stabil, haben alles soweit gut verarbeiten können", so Rodekamp. Vielleicht hat sich die Lebenslust ihres Bruders übertragen. Denn wie die Familienbetreuerin schildert, sei Deluwan „ein ganz fröhliches Kind, das keine Ängste zeigt".

In der Bielefelder Ganztagsschule, in der er seinen Therapieplan fortführen kann, habe er sich nach Aussage seiner Klassenlehrerin sehr gut integriert und mache stets gut mit. Alle Betreuer sehen in dem Flüchtlingsjungen noch eine Menge Potenzial für seine weitere Entwicklung. „Momentan ist sein geistiger Zustand noch nicht seinem Alter entsprechend. Er bekommt zwar alles mit, doch bis er auf das Gesagte eingeht, dauert es immer ein bisschen", beschreibt Familienbetreuerin Rodekamp den aktuellen Entwicklungsstand. Ob er je wieder ein normales Leben führen könne, sei auch aus medizinischer Sicht nur schwer zu prognostizieren.

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