Von 1931 bis heute: Oerlinghausen wird zur Segelflugmetropole

Horst Biere

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Der Charme der 50er: Vom Tower aus wird der Flugplatz überwacht. Das Gebäude am Südende des Platzes an der Einmündung Robert-Kronfeld-Straße ist mittlerweile dem heutigen Tower gewichen. - © Repro: Horst Biere
Der Charme der 50er: Vom Tower aus wird der Flugplatz überwacht. Das Gebäude am Südende des Platzes an der Einmündung Robert-Kronfeld-Straße ist mittlerweile dem heutigen Tower gewichen. (© Repro: Horst Biere)

Oerlinghausen. „Oerlinghausen hat eines der besten Segelflug- und Gleitflugschulgelände Deutschlands. Das hat der heutige Tag einwandfrei bewiesen". Robert Kronfeld war voll des Lobes über die Bergstadt, als er am 17. Mai 1931 bei der Eröffnung des Segelfluggeländes erstmals einen Flug von einer Stunde und 23 Minuten hinlegte. Der international bekannte Segelflugpionier flog damals eine Strecke von zehn Kilometern bis nach Lage-Pottenhausen und zurück.

Robert Kronfeld blieb damit deutlich unter seinem eigenen Rekord von 102 Segelflugkilometern, doch an diesem Tag rückte Oerlinghausen erstmals ins Blickfeld vieler Flugbegeisterter aus ganz Deutschland. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen Entwicklung, die mittlerweile fast 90 Jahre andauert und die Oerlinghausen zur „Stadt der Segelflieger" beförderte.

Die günstige Thermik an der Bergkette zog von Anfang an Luftsportfreunde aus ganz Ostwestfalen an. Schnell gründeten sich Segelflugvereine, die auf dem Oerlinghauser Gelände, das anfangs noch an der Bleiche unweit des Kalkwerks lag, ihren abenteuerlichen Sport betrieben. Auch die hiesigen Segelflieger schlossen sich im Flugverein zusammen – unter anderem im 1932 gegründeten Verein „Sturmvogel".

Nach dem Krieg, Anfang der 50er Jahre, begann sich die Segelfliegerei recht schnell zu erholen. Im Dezember 1952 gründete sich eine erste überörtliche Segelflugvereinigung in Oerlinghausen: die Flughafengemeinschaft, bestehend aus vielen ostwestfälischen Vereinen wie Bielefeld, Gütersloh oder Herford. Bereits 1953 fanden die ersten deutschen Segelflugmeisterschaften statt, an der sogar Piloten aus Frankreich und aus dem damaligen Jugoslawien teilnahmen. Fast 50.000 Zuschauer strömten damals in die Heide, um den Auftakt der Meisterschaften zu erleben.

Aus dem rustikalen Flugplatzgelände der Nachkriegszeit hat sich im Laufe der Jahrzehnte ein großer Luftsportstandort entwickelt, der weit über das reine Segelfliegen hinausgeht. Denn auf dem Oerlinghauser Flugfeld starten heute auch Motorsegler, Ultraleicht-, Motor- und Modellflugzeuge, Drachen, Gleitschirme und Ballone. Den 13 Vereinen aus OWL mit insgesamt etwa 1000 Mitgliedern bietet das heutige Luftsportzentrum die Fliegerei in all ihren Varianten an. Und es sind mehr als 100 Segelflugzeuge in Oerlinghausen stationiert.

Bundeswehr geht 
in die Luft

Warum entwickelte sich gerade Oerlinghausen zu einer führenden Segelflugmetropole, die mit 25.000 Segelflugstarts pro Jahr die Nummer 1 unter den Segelflugplätzen Europas ist? „Die günstige Hanglage am Teutoburger Wald war stets das große Plus Oerlinghausens, um ohne Motorkraft in die Luft aufzusteigen", erklärt Georg Hemkendreis, früherer Geschäftsführer des Luftsportzentrums. „Längere Flugstrecken und Flugzeiten erreicht man nur, wenn man mit dem Segelflieger nach dem Start im Hangaufwind ausreichend Höhe gewinnt". Der Flugpilot nutzt die aufgewärmte Luftschicht am Südhang über der Heidefläche und kann sich so allmählich in die Höhe schrauben.

Ein weiterer Treiber für die internationale Bedeutung des Oerlinghauser Flugplatzes ist die Segelflugschule, die bereits 1956 aus der Taufe gehoben wurde. „Durch die Segelflugschule gelang es, vom reinen Wochenend-Sportbetrieb zu einer täglichen Auslastung des Flugplatzes über viele Monate des Jahres zu kommen", sagt Georg Hemkendreis. Die Segelflugschule ist als Sportschule des deutschen Aeroclubs anerkannt und durch Unterstützung des Landes NRW und des Landessportbundes zu einem echten Leistungsträger im deutschen Luftsport geworden.

Der umfangreiche Flugbetrieb hat natürlich große Auswirkungen auf die Bebauung rund um den Flugplatz. „Die Infrastruktur ist entsprechend der Bedeutung des Oerlinghauser Flugplatzes mitgewachsen", berichtet Hemkendreis. Dazu gehören die Flugzeughallen sowie die Service- und Wartungsbetriebe. Auch die Gastronomie für die zahllosen Besucher zählt dazu.

Einen großen Schub für das Luftsportzentrum Oerlinghausen und das Segelfliegen brachte vor einigen Jahren eine Entscheidung der Bundeswehr. Die Bergstadt wurde ein wichtiger Standort für die deutsche Luftwaffe, denn das Militär beschreitet seit neuestem völlig neue Wege in der Ausbildung seiner Luftwaffen-Offiziere. Das Verteidigungsministerium verordnete seinen angehenden Luftwaffenoffizieren – auch denjenigen, die später nicht zum fliegenden Einsatz kommen – eine Segelflugausbildung.

Die jungen Offiziere lernen in der Segelflugschule und können damit in Oerlinghausen erstmals „Höhenluft schnuppern".

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