Als Legionen durch Lippe zogen

Horst Biere

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Hausarbeit findet oftmals vor dem Haus statt. Während der Vater Holzschnitzereien herstellt, spult die Mutter Garn auf eine Spindel. - © Archäologisches Freilichtmuseum
Hausarbeit findet oftmals vor dem Haus statt. Während der Vater Holzschnitzereien herstellt, spult die Mutter Garn auf eine Spindel. (© Archäologisches Freilichtmuseum)

Oerlinghausen. Man hatte einen weiten Blick vom Tönsberg vor 2000 Jahren. Nur sehr wenige Bäume, aber viel niedriges Buschwerk und etwas Grasbewuchs bedeckten die hügelige Gegend. Eine fast menschenleere Landschaft erstreckte sich dort, wo heute die belebten Oerlinghauser Straßen und Häuser liegen. Doch es gab erste kleine Ansiedlungen.

„Ein Langhaus, in denen eine Sippe mit ihren Tieren wohnte, ist im Tal zwischen dem Tönsberg und dem Barkhauser Berg gefunden worden", sagt Karl Banghard, der Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums. Vieles spricht auch dafür, dass weitere Ansiedlungen am östlichen Teil des Tönsbergs oder auf dem Bergkamm angelegt wurden. Am sogenannten Amazonas, einem kleinen Wasserlauf unweit des heutigen Wassertretbeckens, wurden „Brandgräber" gefunden. Dort lag also ein Bestattungsplatz, auf dem die Verstorbenen eingeäschert wurden.

Wie sah das Alltagsleben der Oerlinghauser um Christi Geburt aus – zu der Zeit, als die römischen Legionen durchs Schopketal marschierten und am heutigen Haus Neuland ein großes Lager anlegten? Es war wohl ein karges, bäuerliches Leben, das die Menschen auf Oerlinghauser Gebiet führten, meint Karl Banghard. Dort, wo heute dichter Wald den Tönsberghang bedeckt, lagen kleine Getreidefelder, auf denen Gerste, aber auch Weizen angebaut wurde. Manche der Felder am Tönsberghang seien in Terrassen angelegt worden, um das Oberflächenwasser besser zu nutzen.

Ziegen und Rinder lebten mit den Menschen im Haus unter dem reetgedeckten Dach in der Nähe des Welschenwegs. Doch die Tiere waren viel kleiner als heute. „Die Rinder hatten etwa die Maße wie ein großer Hund", sagt Banghard. Die Mahlzeiten der Menschen waren wenig abwechslungsreich. Das Hauptgericht bestand aus einem Brei, der vor allem aus gemahlener Gerste zubereitet wurde. Ihre äußere Kleidung habe vor allem aus einer großen Decke bestanden, schreibt der römische Schriftsteller Tacitus, die vorn durch eine Nadel oder eine Spange zusammengehalten wurden. Wildtiere zu jagen, war offenbar nicht sehr beliebt bei den Germanen. Überhaupt hielt er die Bewohner, die in einzelnen Ansiedlungen lebten, für ziemlich träge.

Mit den Römern, die oft in militärischen Trupps durchs Land zogen, hatten unsere germanischen Vorfahren häufig Kontakt. Man handelte gern miteinander und betrieb immer wieder Tauschgeschäfte. Auch die Münzen der Römer waren den Germanen bekannt. „Einer der bedeutendsten Funde auf Oerlinghauser Gebiet war eine keltische Münze, die man in der Nähe des Gutes Niederbarkhausen entdeckt hat", sagt der Archäologe, Karl Banghard, „es handelt sich hierbei um ein sogenanntes Regenbogenschüsselchen.

Den Namen bekamen diese Münzen durch ihre Schalenform und weil man sie am Ende eines Regenbogens erwartete. Das Geld könnte durch die römischen Kriegszüge nach Oerlinghausen gelangt sein."

Der Durchzug des riesigen römischen Heeres durchs Schopketal muss eine echte Sensation für die Menschen in der Region gewesen sein. Die neuesten Entdeckungen hatten ein Marschlager identifiziert, in dem bis zu 30.000 Soldaten Platz fanden. Nur für eine Übernachtung hatten die Römer immense Schutzwälle aufgeschüttet und darauf eine Art Palisadenzaun gesetzt, der das Lager vor Überfällen schützen sollte.

Wie Karl Banghard berichtete, folgten die römischen Truppen zumeist Bach- und Flussläufen auf ihren Märschen durch Germanien. Von ihren Garnisonsstädten am Rhein aus verlief eine der Hauptrouten entlang der Lippe und dann nach Norden. Um eine möglichst einfache Durchquerung des Teutoburger Waldes zu erreichen, hatten Vortruppen der drei Legionen offenbar die leichte Marschroute entlang des Schopkebaches über Oerlinghauser Gebiet entdeckt. „Eine so gewaltige Armee für Wochen unterwegs zu versorgen," sagt Karl Banghard, „das ist schon eine logistische Meisterleistung."

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