Stadtgeschichte: Wie der Gastwirt des Sternenkrugs zu seinem Spitznamen kam

Horst Biere

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Postkarte: Aus dem Jahr 1917 stammt die Schwarz-Weiß-Ansichtskarte vom Sternenkrug. R - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke
Postkarte: Aus dem Jahr 1917 stammt die Schwarz-Weiß-Ansichtskarte vom Sternenkrug. R (© Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke)

Oerlinghausen. „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt. . . " Es wurde dunkel auf der Tanzfläche im Sternenkrug, wenn im Jahre 1947 die Kapelle „Pomm" die gefühlvollen Schlager spielte. Rudi Schurickes „Capri-Fischer" war der Hit in der Nachkriegszeit und die Tänzer auf dem übervollen Dielenboden wiegten sich langsam im Takt in der Gaststätte an der Detmolder Straße.

Man war hungrig nach Vergnügen nach der langen Kriegszeit, und im Sternenkrug der Familie Meyer war fast an jedem Wochenende etwas los. Wer am Samstagabend zum Tanzen ging, der brachte etwas Nützliches mit: einige Holzscheite oder ein Brikett für den großen Kachelofen und auch selbstgebrannten Rübenschnaps – um in Stimmung zu kommen.

„Wir gehen zu Sappmeyer" hieß es unter Oerlinghauser Jugendlichen, wenn abends Tanz im Sternenkrug stattfand. Der Name Sappmeyer war jedem geläufig, denn Gastwirt Meyer hatte sich in früheren Jahrzehnten als Spezialist für den süßklebrigen Rübensirup (lippisch: Sapp) erwiesen.

Bereits 1876 hatte Tischlermeister Friedrich Meyer ein großes Wirtshaus an der sogenannten Wasserfuhr gebaut, dem abschüssigen Straßenstück an der Detmolder Chaussee. Das recherchierte Ortshistoriker Werner Höltke. Nachdem Meyer seine Schankgenehmigung von der Gemeinde erhalten hatte, setzte er gleich noch eins drauf und entwarf einen schönen Biergarten unter schattigen Bäumen für etwa 250 Gäste. Auch eine Kegelbahn im Freien zählte zu seinen Attraktionen.

Sonntagsstimmung: Der lauschige Biergarten von Friedrich Meyer war ein echter Anziehungspunkt in Oerlinghausen zur Kaiserzeit. Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke
Sonntagsstimmung: Der lauschige Biergarten von Friedrich Meyer war ein echter Anziehungspunkt in Oerlinghausen zur Kaiserzeit. Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke (© Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke)

Der Sternenkrug entwickelte sich zu einem beliebten Speiselokal. Die Fuhrleute, die mit ihren Pferdegespannen nach Oerlinghausen kamen, nutzten die steile Wegstrecke für einen kurzen Zwischenstopp, und um zu frühstücken.

Die Geschäfte liefen so gut, dass Friedrich Meyer um 1900 noch ein großes Nebengebäude mit Tanzsaal anbaute. Zur Unterhaltung der Gäste traten samstags und sonntags oft die Musiker der Feuerwehrkapelle oder der Kriegervereinskapelle auf. Auch Oerlinghauser Gesangvereine präsentierten sich im Biergarten. Und im Saal liefen oftmals Familienfeiern oder Tanzabende.

Ein weiteres geschäftliches Standbein bildete die „Sapp-herstellung". In dem Anbau neben dem Haus stellte man eine große Zuckerrübenpresse auf und platzierte daneben einen riesigen Kochkessel, in dem der zähflüssige Sirup zubereitet wurde. Nach der Rübenernte im Herbst brachten die Bauern aus der Umgebung einen Teil ihrer Zuckerrüben zu Sappmeyer.

Der Erste Weltkrieg veränderte vieles. Die fröhlichen Tanzveranstaltungen wurden eingestellt, das Militär belegte bis 1918 Meyers Tanzboden. Auf Feldbetten lagen nunmehr die leicht verwundeten Soldaten des Königsinfanterie-Regiments 145. Das war die Einheit, die in Oerlinghausen stationiert war. Nach ihrer Genesung ging es wieder zurück an die Front in Belgien und Nordfrankreich. Doch von Meyers „Sapp" schwärmten auch die wenigen überlebenden Soldaten später noch.

Friedrich Meyers Sohn Gustav übernahm den Krug nach dem Tod des Vaters. Und er investierte noch einmal kräftig: das Haus wurde vergrößert, im Obergeschoss richtete Gustav Meyer mehrere Fremdenzimmer ein. Die Herstellung von Rübensirup stellte er allerdings 1923 ein, denn der berühmte klebrige Sapp passte einfach nicht mehr zu einem neuzeitlichen Gasthaus.

Weitgehend unbeschadet überstand der Sternenkrug auch den Zweiten Weltkrieg. Gastwirtssohn Wilfried Meyer führte mittlerweile den Betrieb, nach seinem Tod übernahm seine Frau Käthe die gesamte Verantwortung. Käthe Meyer galt als sehr gute Köchin, und recht bald wurde das Gasthaus bekannt für eine leckere und preiswerte Küche. „Nach dem Krieg gab es zuerst im Sternenkrug wieder einen Mittagstisch", berichtet Werner Höltke. Für 80 Pfennig bis 1,20 Mark konnte man hier zu Mittag essen. Das fand großen Anklang bei den Gästen.

Käthe Meyer versorgte sogar eine Zeit lang die Bewohner des Müttergenesungsheims. Denn in der Anfangszeit besaß das große Haus an der Müllerburg, in dem heute das Altenheim angesiedelt ist, noch keine Küche, und so gingen die Gäste zur nächsten Einkehrmöglichkeit an der Detmolder Straße, zum Sternenkrug.

Viele Stammtische hatten bei Meyers ihre Treffen, Feste wie Familienfeiern, Karnevalsfeten, Vereinsveranstaltungen und vieles mehr fanden „auf dem Saal" neben der Gaststube statt. Schließlich aber nahte das Ende der alten Traditionsgaststätte. Im Jahre 2003 benötigte ein Abrissbagger eine knappe Woche, um den Sternenkrug abzureißen.

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