Das Syndrom der unruhigen Beine führt zu Schlaflosigkeit

Karin Prignitz

  • 0
Gruppenleiterin Doris Brune und Heinz-Adolf Bokel liegt es am Herzen, Betroffene, Angehörige und Interessierte über die Erkrankung zu informieren und Erfahrungen auszutauschen. Foto: Karin Prignitz - © Karin Prignitz
Gruppenleiterin Doris Brune und Heinz-Adolf Bokel liegt es am Herzen, Betroffene, Angehörige und Interessierte über die Erkrankung zu informieren und Erfahrungen auszutauschen. Foto: Karin Prignitz (© Karin Prignitz)

Oerlinghausen. Heinz-Adolf Bokel hat den Tag, an dem die Krankheit bei ihm ausbrach, noch genau in Erinnerung. „1985 habe ich es zum ersten Mal gemerkt." Mit einer Gruppe besuchte er seinerzeit eine Theatervorstellung in Berlin. „Wir hatten die besten Plätze in der ersten Reihe." Dennoch bekam der heute 85-Jährige vom Stück rein gar nichts mit. Denn an Stillsitzen war nicht zu denken.

Heinz-Adolf Bokel gehört zu den etwa fünf bis zehn Prozent der Menschen, die unter dem Syndrom der „unruhigen Beine" (Restless Legs) leiden. Vor 35 Jahren aber war noch kaum etwas über dieses Krankheitsbild bekannt. „Mittlerweile glaubt man, dass ein Dopamin-Mangel der Auslöser ist." Die Forschungen allerdings verlaufen immer noch schleppend. „Die wenigsten Ärzte kennen sich auf diesem Gebiet aus." Betroffene berichten von Kribbeln, Reißen, Stechen, Krämpfen, Schmerzen vor allem in den Beinen während der Ruhephasen.

„Im Grunde ist es ganz schwer zu beschreiben, auch deshalb, weil jeder es anders empfindet", sagt Bokel. Verbunden seien die Missempfindungen immer mit einem stetigen Bewegungsdrang. „Wenn man zur Ruhe kommt, geht es los. Man hat das Gefühl, dass man ständig laufen muss." Bei Heinz-Adolf Bokel trat erst ein Spannungsgefühl verbunden mit leichten Schmerzen auf. „Bei mir ist nur das linke Bein betroffen, bei anderen sind es beide oder aber Arme und Hände."

Ingrid Hegemann war es, die in Oerlinghausen Ende der 90er Jahre die Selbsthilfegruppe „Restless Legs" gründete. „Viele wissen gar nicht, was sie haben oder scheuen sich, zu kommen", sagte die mittlerweile verstorbene Seniorin bei einer Ehrung im April 2008. Dabei seien der Erfahrungsaustausch und die Weitergabe von Tipps so immens wichtig. Das kann auch Doris Brune bestätigen. Sie leitet die Gruppe, die mittlerweile ein loser Zusammenschluss ist, seit fünf Jahren. „Meine Mutter, meine Oma und meine Tante sind, ebenso wie ich, betroffen", erzählt die 65-Jährige.

„Die Krankheit ist oft erblich, vor allem Frauen trifft es. Bei einigen werde sie durch die Schwangerschaft ausgelöst." Doris Brune erinnert sich noch, dass „meine Mutter nachts oft über den kalten Balkon lief", um sich Erleichterung zu verschaffen. Dennoch brauchte sie selbst eine Weile, um zu erkennen, dass auch sie unter den „unruhigen Beinen" leidet. Etwa 40 Jahre alt war die gelernte Erzieherin da. „Irgendwann ist mir bewusst geworden, wie oft ich abends vom Sessel aufstehe."

Dass nur ältere Menschen an den Restless Legs erkranken, sei keineswegs so, bestätigt die Ubbedisserin. „Wir haben auch zwei junge Leute mit Mitte 30 in der Gruppe." Die Krankheit können selbst bei Kindern schon auftreten. Dass sich viele Selbsthilfegruppen in umliegenden Städten mittlerweile aufgelöst haben, „liegt vielleicht daran, dass heute viele Informationen aus dem Internet gezogen werden", vermutet Doris Brune. Das könne aber den persönlichen Austausch aber keinesfalls ersetzen. Deshalb sind unter den 20 bis 30 Teilnehmern, die regelmäßig kommen, auch solche aus Bielefeld, Lemgo, Schlangen und sogar dem Kalletal dabei.

„Während unserer vierteljährlichen Treffen können eine Menge Fragen beantwortet und viele Erfahrungen weitergegeben werden." „Tagesmüdigkeit ist ein großes Thema", bestätigt Heinz-Adolf Bokel. Folgen der massiven Ein- und Durchschlafstörungen durch die Unruhe in den Beinen seien Gereiztheit, ein erheblicher Leistungsabfall und Konzentrationsschwächen. In der Gruppe wird darüber geredet. Oftmals führe der Weg zum Neurologen.

Es gibt eine Zusammenarbeit mit Fachärzten, die hin und wieder auch Vorträge halten. Unruhe könne nicht nur durch die Krankheit, sondern auch durch die Medikamente auftreten. „Es dauert oft, bis die richtige Medikation gefunden ist", sagt Doris Brune. Ihr und Heinz-Adolf Bokel ist vor allem wichtig, die Krankheit bekannt zu machen. „Im Grunde ist die Diagnose ganz einfach gestellt", sagt Bokel. „Wenn man eine Unruhe spürt, die abends am stärksten ist und bestimmte Medikamente wirken, dann sei relativ eindeutig, dass es sich um Restless Legs handele". Das nächste Treffen wird voraussichtlich Anfang Mai im Gemeindehaus der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde stattfinden. Kontakt zu Doris Brune unter Tel. (0 52 02) 8 37 27 melden.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2020
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!