Berühmter fliegender Pater lebte in der Bergstadt

Horst Biere

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Pater Paul Schulte, hier im Cockpit einer Dornier 27, siedelte 1970 endgültig nach Namibia über. Zuvor lebte er zeitweise in Oerlinghausen. - © Repro Horst Biere / Quelle Archiv Holger Schinkel
Pater Paul Schulte, hier im Cockpit einer Dornier 27, siedelte 1970 endgültig nach Namibia über. Zuvor lebte er zeitweise in Oerlinghausen. (© Repro Horst Biere / Quelle Archiv Holger Schinkel)

Oerlinghausen. Der Himmel hatte es ihm angetan – in mehrfacher Hinsicht. Als Priester erlangte Pater Paul Schulte internationale Berühmtheit, indem er Missionare für Glaubensarbeit in aller Welt schulte. Und als Flieger erwarb er sich höchsten Respekt, indem er oftmals wie ein Buschpilot notleidenden Menschen in den unwirtlichsten Flecken der Erde zu Hilfe kam.

In seinem Haus am Oerlinghauser Segelflugplatz bildete der flugbegeisterte katholische Pater, der vor 125 Jahren in Magdeburg geboren wurde, viele Geistliche für ihre Missionsgebiete aus. Das Pater-Schulte-Pater-Schulte-Heim, in dem er von 1961 bis 1970 immer wieder für längere Zeit lebte und unterrichtete, stand auf dem Gelände der heutigen Segelflugschule. Aber eigentlich war Pater Schulte in aller Welt zu Hause.

Noch zu Kaisers Zeiten, im Jahre 1914, begann Paul Schulte ein Theologiestudium und legte das Gelübde ab. Doch der Erste Weltkrieg brach aus, und man zog ihn als Sanitäter ein. Seine Einheit wurde nach Palästina verlegt. Dort, neben einem türkischen Militärflugplatz, geriet er erstmals in Kontakt mit der Fliegerei.

Die Kirchenoberen erteilten dem Pater anfangs Flugverbot

Paul Schulte war fasziniert von den türkischen Flugzeugen. Als er selbst einmal mit dem Motorflugzeug über dem See Genezareth kreisen durfte, war er restlos begeistert. Zurück in Deutschland bemühte er sich, zu den ersten Kriegsfliegern versetzt zu werden. Es gelang: An der Kriegsfliegerschule in Fürstenwalde bildete man ihn zum Jagdpiloten aus.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war erst einmal Schluss mit der Fliegerei von deutschem Boden aus. 1922 wurde Paul Schulte zum Priester geweiht, als pflichtbewusster Ordensmann lebte er nun in seinem Kloster in Neuss. Doch er war infiziert vom „Fliegervirus".

Nur einige Jahre später, als man in der katholischen Kirche noch darüber diskutierte, ob es für einen Priester unschicklich sei, mit dem Fahrrad zu fahren, machte Pater Schulte heimlich seinen Flugschein. Als seine Kirchenoberen davon erfuhren, erteilten sie ihm sofort Flugverbot.

Es war ein Schlüsselerlebnis in Paul Schultes Lebens, als er 1925 die Nachricht vom Tod seines Freundes Pater Otto Fuhrmann erhielt. Pater Fuhrmann starb in Südwestafrika an Malaria und Lungenentzündung. Paul Schulte regte vor allem auf, dass sein Priesterkollege hätte gerettet werden können, wenn es ein Flugzeug oder zumindest ein Auto in der Missionsstation gegeben hätte.

Ball aus dem Flugzeug landete bei Konrad Adenauer

Mit großer Sturheit verfolgte Pater Schulte nun ein neues Ziel, und mit erheblichem PR-Talent startete er eine spektakuläre Aktion. Um die Motorisierung der katholischen Missionsarbeit einzuleiten, flog er bei einem Reichstreffen der katholischen Jugendorganisation über dem Kölner Stadion und warf aus dem Flugzeug einen Fußball ab. Der Ball landete, so wird gesagt, direkt auf der Ehrentribüne und vor den Füßen des berühmten Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer.

Pater Paul Schulte und seine Missionsidee erreichten sofort öffentliche Aufmerksamkeit. Und nur ein Jahr später, im März 1927, gründete er einen Verein, der die weltweite katholische Missionsarbeit auf ganz neue Beine stellte, die Missions-Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft (MIVA) entstand. Die Legende vom fliegenden Pater nahm ihren Anfang.

Professor Hugo Junkers, der geniale deutsche Flugzeugkonstrukteur, schenkte der MIVA eines seiner einmotorigen Hochdecker-Flugzeuge, die auch in der Wildnis starten und landen konnten.

1936 begann seine Zeit als Missionar für Eskimos

Bis zum Jahre 1933 sandte die Vereinigung vierzehn Flugzeuge und hunderte von Motorfahrzeugen in alle Welt. Die katholische Kirche hatte längst ihren Widerstand gegen den humorvollen und weltgewandten Flugpater, der auch mehrere Bücher schrieb, aufgegeben. Spätestens seit er mit päpstlicher Erlaubnis eine Messe auf der Jungfernfahrt des Luftschiffs Hindenburg über dem Nordatlantik zelebriert hatte, war er rehabilitiert.

Schultes Leben blieb abenteuerlich, immer wieder flog er auch in die entlegensten Winkel Afrikas. Sein Ziel: „Wir müssen und wollen alle Mittel der Technik anwenden, um den Namen Gottes in den Menschenherzen zu festigen." Ab 1936 begann seine Zeit in Nordamerika – als Missionar für Eskimos in der Eismission in Kanada.

Das Paterhaus am Segelflugplatz Oerlinghausen. Heute ist dort die Cafeteria der Segelflugschule. - © Repro Horst Biere / Quelle Archiv Holger Schinkel
Das Paterhaus am Segelflugplatz Oerlinghausen. Heute ist dort die Cafeteria der Segelflugschule. (© Repro Horst Biere / Quelle Archiv Holger Schinkel)

Da er nach Beginn des Zweiten Weltkriegs aber der Spionage verdächtigt wurde, zog er sich in die USA zurück. Noch 1944 gründete er in Belleville in den USA ohne Genehmigung eine Flugschule für Missionare, die „Wings of Mercy".

Doch die Amerikaner versetzten den deutschen Priester zur Strafe in ein Kloster in Texas. Als er 1949 nach Deutschland zurückkehrte, gründete er die MIVA im Rahmen des Bonifatiuswerks neu – jetzt mit dem Ziel, die Seelsorger in den deutschen Gebieten mit katholischer Minderheit mit Motorfahrzeugen auszustatten. Nun begann auch seine Oerlinghauser Zeit.

Rückzugsort nach internationalen Einsätzen

Die Bergstadt und ihr Segelflugplatz bildeten für Pater Schulte wohl so etwas wie einen Rückzugsort nach seinen internationalen Einsätzen. Der Oerlinghauser Fluglehrer Holger Schinkel, der die Geschichte des Segelfliegens dokumentiert hat, sagt: „Wenn Pater Schulte in der Bergstadt weilte und dort auch Missionare ausbildete, wohnte er im ehemaligen Gästehaus der Segelflugschule. Es liegt auf dem Gebiet der der heutigen Cafeteria."

Ein Gedenkstein an der St.-Michael-Kirche in Oerlinghausen erinnert an den legendären Pater Paul Schulte. - © Repro Horst Biere / Quelle Archiv Holger Schinkel
Ein Gedenkstein an der St.-Michael-Kirche in Oerlinghausen erinnert an den legendären Pater Paul Schulte. (© Repro Horst Biere / Quelle Archiv Holger Schinkel)

Bis 1970 gehörten das Gelände und die Liegenschaft der katholischen Kirche. Danach ging es in den Besitz des Landes Nordrhein-Westfalen über. Holger Schinkel: „Ein Gedenkstein an der St.-Michael-Kirche in Oerlinghausen zeigt ein Bild des fliegenden Paters Paul Schulte. Und ein steinernes Kreuz und ein weiterer Gedenkstein mit Eisbären darauf an der heutigen Segelflugschule sollen an seine Missionsflüge in die Arktis erinnern."

1970 startete Pater Paul Schulte zu seinem letzten längeren Flug. Er übersiedelte nach Südwestafrika. Seinen Lebensabend verbrachte er in der Gemeinschaft seines Ordens in Swakopmund, Namibia. Er starb dort im Januar 1974.

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