Als die Müllers in Oerlinghausen ihre Burg bauten

Horst Biere

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Die Müllerburg, das stattliche Gebäude der Fabrikantenfamilie, existiert noch heute. Links im Hintergrund ist die damalige Volksschule (heute Rathaus) zu sehen. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv Oerlinghausen
Die Müllerburg, das stattliche Gebäude der Fabrikantenfamilie, existiert noch heute. Links im Hintergrund ist die damalige Volksschule (heute Rathaus) zu sehen. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv Oerlinghausen)

Oerlinghausen. Tennisspielen im Jahre 1900? Das war ein ganz exklusives Hobby im deutschen Kaiserreich. Nur wenige wirklich begüterte Menschen konnten es sich überhaupt leisten, diesen Sport zu betreiben. In der Dorfschaft Oerlinghausen gehörte die Fabrikantenfamilie Müller dazu. Am Kalderberg entstand nicht nur ein herrschaftliches Wohnhaus, sondern auch direkt noch eine Tennisanlage nebenan.

Die „Müllerburg" nannte der Volksmund schon Anfang des 20. Jahrhunderts das repräsentative Wohnhaus der Familie Müller. Bruno Müller, ein Leinenkaufmann aus Bielefeld, hatte Alwine Weber, die Tochter des Oerlinghauser Leinenunternehmers Carl David Weber geheiratet. Mit viel Können und wirtschaftlichem Sachverstand brachten Bruno Müller und seine Söhne das Textilunternehmen Weber an der Detmolder Straße auf Wachstumskurs.

Die Söhne des Fabrikanten Bruno Müller im Kriegsjahr 1916 vor ihrem Wohnhaus am Kalderberg. Von links: Wolfgang, Georg, Roland, Berthold und Richard Müller. - © Repro Horst Biere
Die Söhne des Fabrikanten Bruno Müller im Kriegsjahr 1916 vor ihrem Wohnhaus am Kalderberg. Von links: Wolfgang, Georg, Roland, Berthold und Richard Müller. (© Repro Horst Biere)

Im Jahre 1891 erwarb Bruno Müller den ganzen Kalderberg als Baugrundstück von seinem Schwiegervater Carl David Weber. Darauf ließ er ein außerordentliches Gebäude nach den Plänen von Christoph Hehl, einem der bedeutendsten Architekten und Kirchenbaumeister Preußens, errichten – mit einem Turm, handgeschmiedeten Türbeschlägen und bemalten Balkendecken.

Bei der Umgestaltung des Kalderbergs zum Park war Bruno Müller auf die Idee gekommen, unweit seiner „Burg" zwei Tennisplätze zu errichten. Gute Handwerker fand er direkt vor Ort im Dorf – viele Ziegler, die Beschäftigung suchten.

„Mein Großvater, der Ziegelmeister August Reuter, war auch dabei", erzählt Werner Höltke bei einem Treffen des Heimatvereins im Jägerhaus. „Nach Saisonende auf den Ziegeleien waren die Ziegler nach Hause zurückgekehrt und froh, wenn sie sich in der Winterzeit noch Geld hinzuverdienen konnten. Ab Herbst 1898 hat er an der Errichtung der Tennisplätze mitgewirkt." Die Ziegler waren es gewohnt, kräftig zuzupacken.

Die Sportanlage von Familie Müller machte schnell Fortschritte. Höltke erinnert sich: „Nachdem sich mein Großvater mit dem Bauherrn über die Bezahlung einig geworden war, führte ihn sein täglicher Weg frühmorgens von seinem Wohnhaus an der Detmolder Straße durch den Garten zu der nur etwa 200 Meter entfernt gelegenen Baustelle." Die Arbeiten standen unter der Leitung eines Architekten, der jeden zweiten Tag erschien.

Schon Mitte Mai 1899 waren die Tennisplätze spielfertig und die Netze konnten gespannt werden. Am Eröffnungstag gab’s für die Arbeiter mittags Schnittchen und kühle Getränke aus der Küche der Fabrikantenfamilie. Am Nachmittag seien dann viele Gäste gekommen, die sich die neue Tennisanlage zum ersten Mal anschauten. Das Auftaktspiel hätte danach Bruno Müller mit einem Gast aus Bielefeld bestritten, beschreibt Werner Höltke die Erinnerungen seines Großvaters.

Auch für Männer war das Müttergenesungsheim Anlaufstelle

Anfangs noch bildete die erste Oerlinghauser Tennisanlage einen beliebten Anziehungspunkt für die High Society der Region. Immer wieder luden die Müllers zu kleinen sportlichen Veranstaltungen ein. Doch im Laufe der Zeit waren es vor allem die Söhne der Familie, Wolfgang, Georg, Roland, Berthold und Richard Müller, die auf den Plätzen mit ihren Freunden und Bekannten spielten.

Bruno Müller, der Erbauer der Tennisanlage, starb im Jahr 1913 im 65. Lebensjahr, die Söhne wurden bald darauf zum Militär eingezogen. Die Plätze verwaisten immer mehr. Noch bis in die 1930er Jahre gab es gelegentlich ein Match auf dem Tennisplatz, dann war endgültig Schluss. „Ich erinnere mich", sagt Werner Höltke, „dass wir als Kinder rings um die Anlage nach Tennisbällen gesucht haben und tatsächlich manchmal fündig wurden."

Das Gelände am Kalderberg allerdings lag lange brach. Neues Leben hinter der Müllerburg entstand erst gegen Ende der 50er Jahre. Damals verkauften die Erben der Familie Müller das gesamte Gelände und auch das Wohngebäude an die Arbeiterwohlfahrt. Im Park der Villa errichtete die AWO ein neues Müttergenesungsheim und auch ein Altenheim für Frauen. Im Oktober 1958 gingen das Kurheim und das Altenheim in Betrieb.

Das Kurgebäude für Frauen brachte viel Leben und reges Treiben an die Detmolder Straße. „Beliebter Treffpunkt für die Kurgäste war das unweit gelegene Gasthaus Zum Stiefel", erzählt Höltke. „Da gab es immer ein heiteres Abendprogramm, wobei die Musik bis 22 Uhr bis zur Müllerburg hinauf schallte."

Auch für Oerlinghauser Männer sei das Müttergenesungsheim in der Müllerburg häufiger Anlaufpunkt gewesen. „Viele haben hier ihr persönliches Glück gefunden", sagt er und schmunzelt. Ende 1973 wurde das Mütterkurheim geschlossen. Bald darauf, bis etwa 1980, mietete ein gemeinnütziger Verein aus Gütersloh das Anwesen und betrieb es als Altenheim. Anfang der 80er Jahre wurde das Heim vollständig modernisiert und dann von der AWO als Seniorenzentrum betrieben.

Noch einmal, von 2010 bis 2012, wurde kräftig gebaut, denn neue gesetzliche Auflagen und nicht zuletzt der bauliche Zustand des Gebäudes machten eine umfassende Sanierung notwendig. Das gesamte Haus wurde in zwei Bauabschnitten kernsaniert.

Heute bietet das Seniorenzentrum an der Müllerburg, das von einem großen Park umgeben ist, eine hübsche Umgebung und Platz für 82 Bewohner. Die Müllerburg selbst, also das Gebäude, in dem die Fabrikantenfamilie Müller gelebt hatte, ist schon vor vielen Jahren in Eigentumswohnungen umgewandelt worden.

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