Tönsberghaus wird zeitweise zum Bergstädter Boardinghaus

Gunter Held

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Das Tönsberghaus aus der Luft. Die Zufahrt ist möglich von der Straße Auf dem Berge, einer Verlängerung des Piperweges. Rechts im Bild ist die Zufahrt zur Tiefgarage zu erkennen. Die Balkonbrüstungen des Tönsberghauses sind verglast. Das Bild gibt einen Eindruck von der Aussicht wieder, die Bewohner des Tönsberghauses genießen. - © privat
Das Tönsberghaus aus der Luft. Die Zufahrt ist möglich von der Straße Auf dem Berge, einer Verlängerung des Piperweges. Rechts im Bild ist die Zufahrt zur Tiefgarage zu erkennen. Die Balkonbrüstungen des Tönsberghauses sind verglast. Das Bild gibt einen Eindruck von der Aussicht wieder, die Bewohner des Tönsberghauses genießen. (© privat)

Oerlinghausen. Auf dem Satellitenbild bei Google ist noch die Jugendherberge zu sehen. Sie ist längst abgerissen. Heute erhebt sich am höchsten bewohnten Punkt Oerlinghausens das Tönsberghaus. Realisiert hat es der Architekt Roland Murschall zusammen mit seiner Gattin Jutta. Auslöser, sich an ein solches Projekt zu wagen, war die Diagnose einer schweren Erkrankung mit geringen Überlebenschancen, die Jutta Murschall Ende 2016 erhielt.

Roland Murschall, kreativ und lebensbejahend macht in der Familie den Vorschlag, mit einem neuen, einem großen Projekt auf den zerstörerischen Krebs zu antworten. Das hat geklappt. Jutta Murschall ist zwar nicht geheilt, aber genesen. Mit Hilfe einer extrem starken Chemotherapie. „Das war wirklich schlimm", sagt sie rückblickend.

"Für wie verrückt halten Sie uns?"

Als das Projekt „Tönsberghaus" dann festgezurrt wurde, fragte Murschall im Gespräch mit der Bankberaterin am Ende: „Und, sagen Sie ganz ehrlich: Für wie verrückt halten Sie uns?" „Verrückt? Kein bisschen", kam die Antwort, „aber für sehr mutig."

Der Kauf des Grundstücks gestaltete sich nicht ganz unkompliziert. Die Stadt als Eigentümerin wollte eine touristische Nutzung, am liebsten ein Hotel. Unmöglich, setzte Murschall dagegen. Um ein Hotel wirtschaftlich betreiben zu können, müsse es mindestens 80 Betten haben. Murschall wusste, wovon er sprach. Der Architekt sitzt in einem Gutachterausschuss für Gastronomie.

»Die Aussicht ist sensationell«

Der Kompromiss waren Ferienwohnungen. 19 dieser Wohnungen von 64 bis 103 Quadratmetern Größe sind so gut wie bezugsfertig. Alle Wohnungen sind barrierefrei, zwei sind rollstuhlgerecht, in vier Wohnungen können Haustiere gehalten werden. Dann kam Corona. „Das mit den Ferienwohnungen ist erst einmal gelaufen", sagt Jutta Murschall.

Doch durch einen Unglücksfall in der Familie kamen die Murschalls auf eine Idee: Eine Verwandte war gestürzt und für einige Zeit auf einen Rollstuhl angewiesen. Die eigene Wohnung aber war nicht rollstuhlgerecht. „Unter Hochdruck haben wir dann eine Wohnung hergerichtet. Das klappte ganz gut", sagt Jutta Murschall.

So geht es doch sicherlich vielen Menschen, sagten sich die Murschalls. Nach einem Krankenhausaufenthalt oder einer Reha kämen viele zunächst nicht allein in der eigenen Wohnung klar. Denen bieten die Murschalls eine Wohnung auf Zeit an, in der Regel drei Monate.

Und dieses Wohnen auf Zeit wendet sich nicht nur an Rekonvaleszenten. Auch Pflegende oder Pflegebedürftige, die mal Urlaub machen möchten, sind im Tönsberghaus willkommen. Um die Pflege zu gewährleisten, gibt es eine Zusammenarbeit mit der Diakonie.

Unterkunft auf Zeit für ein Traineeprogramm

Nach einem Wasserschaden in ihrem Haus ist Dagmar Allmendinger vorübergehend im Tönsberghaus untergekommen. "Hier fehlt es an nichts", sagt sie. - © Gunter Held
Nach einem Wasserschaden in ihrem Haus ist Dagmar Allmendinger vorübergehend im Tönsberghaus untergekommen. "Hier fehlt es an nichts", sagt sie. (© Gunter Held)

Die dritte Zielgruppe sind aufstrebende Mitarbeiter der umliegenden Industrieunternehmen, die beispielsweise für ein Traineeprogramm für eine Zeit lang eine Unterkunft benötigen. Vorteilhaft ist die günstige Verkehrsanbindung Oerlinghausens. Die Autobahnen sind schnell erreicht.

Nicht nur, aber auch um diese Zielgruppe anzusprechen, haben sich die Murschalls für eine hochwertige Ausstattung der Wohnungen entschieden. Die Böden sind gefliest oder mit Parkett belegt, die Türen sind in Grau gehalten. Es gibt in allen Wohnungen eine komplett ausgestattete Küche mit ausreichend Geschirr. Ein Arbeitsplatz und schnelles Internet sind ebenso vorhanden wie ein großer Flachbildfernseher. Und natürlich die Aussicht: 50 Kilometer nach Nordosten bis zum Weserbergland und 50 Kilometer Richtung Südwesten.

Dagmar Allmendinger brauchte eine Unterkunft, weil ihre Wohnung durch einen Wasserschaden unbewohnbar geworden war. Auch sie nutzt das Wohnen auf Zeit – und ist komplett begeistert. „Es fehlt hier an nichts", sagt sie. „Und die Aussicht ist sensationell."

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