Als ein Oerlinghauser Edel-Hotel die Gäste ins Fürstentum Lippe lockte

Horst Biere

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Eine echt Kostbarkeit ist die Ansichtskarte des Hotels Stadt Bremen aus der Kaiserzeit. - © Repro: Horst Biere/Quelle: Stadtarchiv
Eine echt Kostbarkeit ist die Ansichtskarte des Hotels Stadt Bremen aus der Kaiserzeit. (© Repro: Horst Biere/Quelle: Stadtarchiv)

Oerlinghausen. Es herrschte schon ein gewisser Luxus im beschaulichen Oerlinghausen von 1890. Wenn man auf der Terrasse des Hotels „Stadt Bremen“ saß, auf das gegenüberliegende Amtsgericht an der Hauptstraße blickte und dabei seinen Nachmittagskaffee trank, konnte man vergessen, dass man in einer kleinen unscheinbaren Dorfschaft am Fuße des Tönsbergs zu Gast war. Denn das Hotel (später das Stadthotel), das der junge Wirt Heinrich Kiffe in jenem Jahr eröffnet hatte, verströmte den gediegenen Charme der späten Kaiserzeit mit gehobener Gastronomie und erstklassigem Service.

Eine der ersten Adresse im Fürstentum Lippe

Das Hotel „Stadt Bremen“ galt als eine der ersten Adressen im Fürstentum Lippe. „Es wurde schnell wegen seiner vorzüglichen Küche und seiner aufmerksamen Bedienung bekannt“, beschreibt die Oerlinghauser Dorfchronik den seinerzeit modernen Hotelbetrieb. „Es dauerte nicht lange, da hielten an schönen Sommertagen die Kutschen aus Bielefeld, die Landauer, Halbchaisen und Breaks vor der Tür, deren Fahrgäste den guten Ruf von Kiffes Hotel verbreiteten.“

Die Tagesgäste, die sich über Lämershagen oder Asemissen hinauf nach Oerlinghausen kutschieren ließen, schätzten vor allem die gute Küche – den wohlschmeckenden Kaffee, die leckeren Kuchen und Torten und die erlesenen Weine, die das Ehepaar Heinrich und Bertha Kiffe bereit hielten. Den „Erdener Treppchen“ oder den „Piesporter Goldtröpfchen“ zum Beispiel tranken die wohlhabenden Gäste besonders gern, heißt es in der Beschreibung.

Auch viele Geschäftsreisende aus ganz Deutschland, die vorher in Bielefeld übernachtet hatten, wählten nun das Hotel „Stadt Bremen“ als ihre Unterkunft. Eine Werbebroschüre beschreibt, dass Zuggäste, die nach der Eröffnung der Bahnstrecke im Jahre 1903 am Bahnhof in Asemissen ankamen, mit einem hoteleigenen Pferde-Omnibus nach Oerlinghausen gefahren wurden.

Warme Wannenbäder und ein Fernsprecher

Es gab auch warme Wannenbäder, ein separates Schreibzimmer und sogar einen „Fernsprecher“. In dem repräsentativen Ballsaal im Obergeschoss spielte sich ein großer Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der Gemeinde ab. So fand zum Beispiel auch die große Eröffnungsfeier des Bahnhofs unter Teilnahme prominenter Festgäste im großen Saal von Kiffes Hotel statt. Und wenn bekannte Chöre ein Gastspiel in Oerlinghausen gaben, so strömten die Besucher in festlicher Garderobe die breite Hoteltreppe empor.

Auf gute Betten, saubere Zimmer und ein reichliches Frühstück legten Kiffes besonderen Wert. Dafür sorgten vor allem Bertha Kiffe und ihre Mitarbeiterinnen. Sie, Bertha, stammte ebenfalls aus einer Gastwirtsfamilie, der Familie Kochsiek, die ihr Gasthaus an der Detmolder Straße 3 betrieben hatte.

Warum das Hotel "Stadt Bremen" hieß

Der junge Wirt, Heinrich Kiffe, war der Enkel eines alteingesessenen Oerlinghauser Leinenhändlers. Doch als Kapitalgeber für den riesigen Hotelneubau trat sein Onkel, der Kaufmann F. W. Kiffe aus Bremen auf den Plan. Auch aus diesem Grund erhielt das Hotel den Namen „Stadt Bremen“.

Eine wechselvolle Geschichte besaß das Hotel bereits zuvor. Anfang des 18. Jahrhunderts nämlich erbaute man hier das Amtshaus, auch als Wohnung für den Oerlinghauser Amtmann. Nebenan lag natürlich der Amtsgarten (heute Parkplatz Amtsgarten). Als 1839 das Amtsgerichtsgebäude an der Hauptstraße gegenüber errichtet wurde, entstand hier das Gerichtsgefängnis und das alte Amtshaus wurde in eine Gaststätte umgewandelt.

Erste Kegelbahn Oerlinghausens

Oerlinghauser Notgeld von 1923. Das Motiv des Hotels, das damals gerade zum Rathaus umgewandelt worden war, ziert den 500.000-Mark-Schein, den die Gemeinde in der Inflationszeit herausgab. - © Repro: Horst Biere/Quelle: Stadtarchiv
Oerlinghauser Notgeld von 1923. Das Motiv des Hotels, das damals gerade zum Rathaus umgewandelt worden war, ziert den 500.000-Mark-Schein, den die Gemeinde in der Inflationszeit herausgab. (© Repro: Horst Biere/Quelle: Stadtarchiv)

Mit der Übernahme des Gasthofs durch Simon Thermann im Jahre 1863 nahm die Gastronomie erst richtig Schwung auf. Thermann, verheiratet mit der Brauereibesitzertochter Becker, investierte kräftig in die Gaststätte und baute sogar am Tönsberghang die erste Kegelbahn Oerlinghausens. Sein späterer Besitzer Gastwirt Engelhard verkaufte dann schließlich an den erfolgreichen Hotelier Kiffe. Nach dem frühen Tod von Heinrich Kiffe, Anfang des 20. Jahrhunderts, waren zuerst Hartwig Breuker (bis 1920) und dann Fritz Vogeler die Hotelbesitzer.

Doch die schwere Zeit der Inflation 1922/23 hinterließ auch hier ihre leidvollen Spuren. Da nach dem Ersten Weltkrieg kein wirtschaftlicher Hotelbetrieb mehr möglich war, übernahm die Gemeinde Oerlinghausen das große Gebäude und wandelte es zum Teil zum Rathaus um und siedelte auch gleich die Lippische Landeskasse mit an.

Oerlinghauser Jugendliche lernten hier ihre ersten Tanzschritte

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Stadtverwaltung wieder aus, und nachdem die britischen Besatzungssoldaten auch das Gebäude geräumt hatten, begann langsam die Gastronomie mit Hotelbetrieb als „Stadthotel“ wieder Fuß zu fassen. Auch dank des großen Saals, in dem sehr viele Oerlinghauser Feste gefeiert wurden, ging es in den 1950er Jahren wieder steil bergauf. Schützenbälle, Vereinsfeiern, Geflügelschauen, Weihnachtsfeiern für Oerlinghauser Kinder waren dabei. Schon früh lernten hier auch Jugendliche die ersten Tanzschritte in einer Tanzschule.

Immer wieder wechselten die unteren Gasträume ihre Besitzer. In den 1970er Jahren eröffnete hier das erste Restaurant mit ausländischer Küche seine Pforten. Das „Serbija“ mit Balkanspezialitäten galt als Erfolgsmodell für gute Alltagsgastronomie. Große Teile des Stadthotels sind heute in Eigentumswohnungen umgewandelt worden, die Goldschmiede Hess & Rickert besitzt im westlichen Teil des Hotels eine Manufaktur und Verkaufsräume.

Noch immer fehlt ein neuer Gastronomie-Betrieb

Auf einen passenden gastronomischen Betrieb in den historischen Gasträumen im östlichen Teil allerdings wartet das einstige Stadthotel seit langem vergebens. Nur der große Saal im Obergeschoss wird immer wieder für Festlichkeiten genutzt.

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