Künstlerpaar Peter und Dorothee Sommer verlässt Oerlinghausen

Karin Prignitz

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Peter und Dorothee Sommer in ihrem Zuhause, das sie in wenigen Tagen für immer verlassen werden. Fast alles ist bereits ausgeräumt, die Arbeiten, bis auf wenige Ausnahmen, sind abgehängt. - © Karin Prignitz
Peter und Dorothee Sommer in ihrem Zuhause, das sie in wenigen Tagen für immer verlassen werden. Fast alles ist bereits ausgeräumt, die Arbeiten, bis auf wenige Ausnahmen, sind abgehängt. (© Karin Prignitz)

Oerlinghausen. Nur noch ein paar Arbeiten hängen an den weißen Wänden des so besonderen achteckigen Hauses in Lipperreihe. Die Bücherregale werden lichter. Selbst das pyramidenförmige Atelier, das die Spitze des lichtdurchfluteten Daches bildet, ist weitgehend leer geräumt. Das Künstler-Ehepaar, das hier in den vergangenen 35 Jahren gelebt und gearbeitet hat, verlässt die Bergstadt und auch die Region. Doch die Kunst lebt hier und andernorts weiter.

Lange hat Bildhauer Peter Sommer überlegt, was mit seinen vielen Arbeiten passieren soll, wenn er und seine Frau am 29. März nach Kalkar/Grieth ziehen – in die Nähe ihrer Tochter. Bislang hat das Paar viel Platz für den künstlerischen Schaffensprozess nutzen können, auch im opulenten Garten. Das gepflegt-naturbelassene Naturparadies, in dem sich Wiese, Bäume und Pflanzen um einen Teich schmiegen, hat genügend Raum für eine Vielzahl von Skulpturen geboten.

186 seiner Arbeiten hat Peter Sommer verschenkt

Sie alle haben mittlerweile neue Besitzer gefunden, denn Peter Sommer hat im Dezember vergangenen Jahres eine komplexe Aktion gestartet. Er schrieb gezielt Kunstfreunde und Bekannte an, um ihnen mitzuteilen, dass er 186 seiner Arbeiten verschenkt. Mit Hilfe von Karin Justus wurden Bilder und Skulpturen online präsentiert. Unter den „Geschenken für Kunstfreunde" konnte dann gewählt werden. „Mittlerweile sind alle Arbeiten weg", berichtet Peter Sommer von Freunden, die sogar von weither kamen.

Honorarprofessor an der Universität Bielefeld

Ein wenig überrascht hat Sommer, der an der Universität Bielefeld im Fachbereich Kunst lehrte und dem für seine Verdienste der Titel eines Honorarprofessors verliehen wurde, das schon, denn viele seiner Arbeiten „sind nicht unbedingt wohnzimmergerecht". Peter Sommer hat vor allem großformatig gearbeitet, vorzugsweise mit kunstimmanenten Materialien wie Ton, mit Lehm, Erde, Blei und Asche. „Noch heute", sagt der 85-Jährige, „bekomme ich Dankesbriefe mit Fotos, auf denen zu sehen ist, wo die Arbeiten nun hängen oder stehen". Einen Ort, an dem sie weiterhin geachtet und geschätzt werden.

Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld hat das "Räderwerk" übernommen

Die jüdische Kultusgemeinde Bielefeld beispielsweise hat Peter Sommers „Räderwerk" übernommen. Die Arbeiten sind im Jahr 2006 in der Alten Synagoge des Kunstvereins Oerlinghausen zu sehen gewesen. Einige von ihnen sollen nun am neuen Ort in einer Dauerausstellung zu sehen sein, ein anderer Teil zu den großen jüdischen Feiertagen im Kirchenraum ausgestellt werden. Die Kulturagentur des Landesverbandes Lippe hat die zwei mal drei Meter große Arbeit „Der gläserne Mensch" in ihre Sammlung aufgenommen.

Andere Arbeiten werden künftig unter anderem im Ministerium Schwerin, bei der Firma Phoenix Contact und sogar in einem großen neuen Weinkeller in Südfrankreich unter dem Begriff „Welttheater" oder im Umweltzentrum Dissen dauerhaft zu sehen sein. Peter Sommer stellt ausdrücklich klar, „dass ich nicht auf das Geld angewiesen bin", er das Gros seiner Arbeiten aber aus Platzgründen nicht habe mitnehmen können und er sie nun in vielen guten Händen wisse.

"Kritische Auseinandersetzung war mein Hauptanliegen"

In seinen Arbeiten hat Peter Sommer sich stets kritisch mit dem jeweils aktuellen Weltgeschehen auseinandergesetzt. Die Ergebnisse waren oftmals düstere Bilder. „Diese kritische Auseinandersetzung war mein Hauptanliegen", bestätigt Sommer.

Seine aktuelle Arbeit mit dem Titel „Lebenslauf" wird er mit nach Grieth nehmen. Eine Hinterglasmalerei, die die Lebensstationen vom Embryo beginnend zeigt. Gefertigt hat der Künstler sie „mit Asche aus dem Kaminofen, mit Staub aus dem Garten und mit getrockneten Blumen".

Dorothee Sommer hat an zwei Sennestädter Schulen unterrichtet

Jedes Jahr werden die Figuren des „Strandlebens“ von Peter Sommer (l.) wieder auf den Sennestadtteich gesetzt. Sie werden auf Platten geklebt, die wiederum fest mit der Plattform verschraubt werden. Auf diese Weise sind sie gegen Sturm und Diebstahl gesichert. - © Sarah Jonek
Jedes Jahr werden die Figuren des „Strandlebens“ von Peter Sommer (l.) wieder auf den Sennestadtteich gesetzt. Sie werden auf Platten geklebt, die wiederum fest mit der Plattform verschraubt werden. Auf diese Weise sind sie gegen Sturm und Diebstahl gesichert. (© Sarah Jonek)

Dorothee Sommer hat unter anderem im Fach Kunst an der Brüder-Grimm- und der Adolf-Reichwein-Schule in Sennestadt unterrichtet, war später in der Lehrerfortbildung tätig. Nebenbei hat sie sich ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit gewidmet und im Jahr 2004 zum Thema Lichträume in Aquarell und Graphit in der Alten Oerlinghauser Synagoge ausgestellt. Lange hat Dorothee Sommer beim dortigen Kunstverein Kinder in der gleichnamigen Reihe zu „Kunstentdeckern" werden lassen und ihre Neugierde geweckt.

25 Jahre lang hat das Künstler-Paar in Sennestadt gelebt. Dort hat Peter Sommer etwa das weithin sichtbare „Große Strandstillleben" auf dem Sennestadt-Teich geschaffen. Maßgeblich war er dort auch an den Ausstellungen „Skulptur aktuell" beteiligt. Bei zweien war er selbst dabei, drei hat er kuratiert.

Jetzt geht es direkt an den Rhein

All diese Erinnerungen werden Peter und Dorothee Sommer mit in das neue Lebensumfeld nehmen. Ihre Tochter lebt mit der Familie in Kalkar. Die Eltern werden dort – nur neun Kilometer entfernt – eine gut 100-Quadratmeter-Wohnung im Ortsteil Grieth beziehen, einem Ort mit etwa 800 Einwohnern, der direkt am Rhein liegt.

„Wir haben den direkten Blick auf das Wasser, können die Schiffe vorbeifahren sehen", erzählt Dorothee Sommer von den künftigen Eindrücken. Ein bisschen sei das dann wie im Urlaub. Aber natürlich fällt der Abschied vom gewohnten Umfeld schwer.

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