Der Mythos um die Hünenkapelle am Tönsberg

Horst Biere

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Die Hünenkapelle im Jahr 2021. Heute haben sich die Bäume rings um die Ruine deutlich gelichtet. - © Horst Biere
Die Hünenkapelle im Jahr 2021. Heute haben sich die Bäume rings um die Ruine deutlich gelichtet. (© Horst Biere)

Oerlinghausen. Karl der Große soll sie um das Jahr 800 gebaut haben – die versteckte Hünenkapelle am östlichen Ende des Tönsbergs. Als einen christlichen Dank für seinen Sieg über die heidnischen Sachsen. Doch das ist nur eine hübsche Legende. Auch dass im Dachgeschoss der Kapelle lange Zeit eine kleine Kammer lag, in der ein Einsiedler gelebt haben soll, der sich um die Instandhaltung der Kapelle kümmerte, gehört wohl ins Reich der Fantasie.

„Über die Hünenkapelle ist eigenartigerweise keinerlei urkundliche Nachricht zu uns gekommen", schrieb schon der frühere Bürgermeister August Reuter in seiner Oerlinghauser Chronik. Sie könne aber ohne allen Zweifel nicht aus der Zeit Karls des Großen stammen, da dort Überreste aus gotischer Zeit (von 1200 bis etwa 1500) gefunden wurden. Ferner wird überliefert, dass die Kapelle ein vielbesuchter Wallfahrtsort in der Zeit vor der Reformation war, die man dem Heiligen Antonius, dem Schutzpatron der Einsiedler, weihte. Das erscheint plausibel, aber auch dafür gibt es keine gesicherten Erkenntnisse.

Ein beliebtes Fotomotiv war die Ruine der Hünenkapelle auch im Ersten Weltkrieg. Soldaten des in Oerlinghausen stationierten 145. Königsinfanterieregiments wanderten in der dienstfreien Zeit gern mit Freunden auf den Tönsberg. - © Repro: Horst Biere / Quelle AFM
Ein beliebtes Fotomotiv war die Ruine der Hünenkapelle auch im Ersten Weltkrieg. Soldaten des in Oerlinghausen stationierten 145. Königsinfanterieregiments wanderten in der dienstfreien Zeit gern mit Freunden auf den Tönsberg. (© Repro: Horst Biere / Quelle AFM)

Einen echten Beweis, dass auf dem Tönsberg eine kleine Kapelle im gotischen Stil lag, lieferten erst Überreste des Kirchengebäudes, nachdem man es abgerissen hatte. „Nach der Reformation ließ der Meier zu Wistinghausen, dem der Grund und Boden gehörte, aus dem nun unbenutzten Bauwerk die brauchbaren Werkstücke herausbrechen und das Material 1568 beim Bau eines Hauses auf dem Hof verwenden. Man konnte das an den eingehauenen Steinmetzzeichen erkennen", schreibt Reuter.

Die Hünenkapelle wurde sogar auf einem Notgeldschein der Lippischen Landesbank aus dem Jahre 1923 abgelichtet. - © Repro: Horst Biere
Die Hünenkapelle wurde sogar auf einem Notgeldschein der Lippischen Landesbank aus dem Jahre 1923 abgelichtet. (© Repro: Horst Biere)

Als Anfang des 20. Jahrhunderts bauliche Ausbesserungsarbeiten auf dem Gut Wistinghausen stattfanden, sei das herausgekommen. August Reuter: „Der Maurer Georg Obermeier hat mir bestätigt, dass alte Stücke der Kapelle aus Fensterbögen und alte Fensterüberdachungen wahllos bei Reparaturen auf Gut Wistinghausen verwendet worden seien." Ein Kreuz aus der Kapelle habe man bereits kurz nach der Reformation in die Krypta des Paderborner Domes gebracht.

In einem alten Werk „Lippische Denkmale“ ist neben Hermannsdenkmal und den Externsteinen auch die Hünenkapelle als ein Bild des lippischen Heimatmalers Ludwig Menke sehr mystisch dargestellt. - © Repro: Horst Biere
In einem alten Werk „Lippische Denkmale“ ist neben Hermannsdenkmal und den Externsteinen auch die Hünenkapelle als ein Bild des lippischen Heimatmalers Ludwig Menke sehr mystisch dargestellt. (© Repro: Horst Biere)

Jahrhundertelang kümmerte sich dann offenbar niemand um die letzten Überreste des kleinen Gebäudes auf dem Tönsberg. Die Ruine dämmerte vor sich hin. Erst als in Deutschland im 19. Jahrhundert überall ein nationalromantisch verklärtes Lebensgefühl die Kultur beeinflusste, gewannen die kargen Reste der einstigen Kapelle wieder an Bedeutung. Es war die Zeit, in der heroische Bauten wie das Hermannsdenkmal entstanden, als man der Ruine der Hünenkapelle erneut hohe Aufmerksamkeit schenkte. Die steinigen Überreste auf dem Tönsberg wurden quasi zum Mythos aus glorreicher deutscher Vergangenheit betrachtet.

„Die heutige Kapelle wurde in den 1860er Jahren als romantische Ruine aufgebaut", sagt Karl Banghard, der Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums. Man errichtete also kein Gebäude, sondern baute eine Ruine aus. Ein halbfertiges Erinnerungsbauwerk, so wie es sich heute präsentiert.

Der Heimatdichter Ludwig Altenbernd spekulierte Ende des 19. Jahrhunderts verklärt und schwülstig über die Szenen, die sich auf dem Tönsberg abgespielt haben müssen: „Vom Thal herüber tönt der der Glocke Klang, ich sah im Geiste gläub’ge Scharen ziehen." Aber auch Hermann Löns romantisiert die Ruine in seiner „Frau Einsamkeit", als er während einer Wanderung auf das Gemäuer stieß: „So stieg ich bergauf, an der Hünenkapelle auf dem Tönsberg vorüber, durch Buchenwald, in dessen Schatten die Bickbeersträucher strotzten."

In eine ganz neue Richtung entwickelte sich die Sage der Hünenkapelle, als um 1930 die Nationalsozialisten immer stärker wurden. Der Oerlinghauser Schulrektor Hermann Diekmann, der den Nazis sehr nahestand, stieß bei Grabungen in der Kapelle auf eine etwa 70 Zentimeter tiefe Grube mit einer Trockenmauer. Diekmann deutete das Loch als den Standort der Irminsul, eines sächsisch-germanischen Heiligtums. Nicht mehr im Christentum liege damit der Ursprung des Gebäudes, sondern es besitze völkisch-nordische Wurzeln. „Das ist natürlich völliger Nonsens", sagt Museumsleiter Karl Banghard.

Für Nazi-Esoteriker und Satanisten aus ganz Mitteleuropa ist sie ein Pilgerziel

Doch damit setzte eine ganz andere Deutungsrichtung ein, die bis in unsere Tage andauert und sich in den letzten Jahrzehnten sogar noch verstärkte. „Für Nazi-Esoteriker und Satanisten aus ganz Mitteleuropa ist bis heute der Innenraum der Hünenkapelle ein bevorzugtes Pilgerziel", erläutert Banghard.

Immer wieder seien Gruppierungen, die jenes germanisch-heidnische Gedankengut verinnerlicht hätten, nach Oerlinghausen gekommen. Sie betrachten den Tönsberg als eine Kultstätte, und es kommt immer wieder zur Zerstörung christlicher Symbole, wie etwa des hölzernen Kreuzes im Innenraum der Ruine. Denn in der Kapelle steht heute ein etwa zwei Meter großes Holzkreuz mit der Inschrift „Im Kreuz ist Heil". Das Kreuz wurde 1977 während eines ökumenischen Gottesdienstes eingeweiht. Ein früheres Kreuz an dieser Stelle errichteten bereits 1953 Mitgliedern der Katholischen Jugend.

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