Als Helpups Wahrzeichen zu Boden ging

Horst Biere

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Ziegler verladen die schweren Backsteine mit Handkarren. - © Repro: Horst Biere
Ziegler verladen die schweren Backsteine mit Handkarren. (© Repro: Horst Biere)
Ein Riese fällt zu Boden. Im September 1958 wurde der große Schornstein von Reinekes Ziegelei gesprengt. - © Repro: Horst Biere
Ein Riese fällt zu Boden. Im September 1958 wurde der große Schornstein von Reinekes Ziegelei gesprengt. (© Repro: Horst Biere)

Oerlinghausen. Ein grauer Septembertag im Jahre 1958. Ein dumpfes Wummern und dann ein langanhaltendes Krachen und Prasseln ertönten an der Bundesstraße 66 in Helpup. Langsam legte sich das größte Helpuper Wahrzeichen auf die Seite, zerbrach in der Mitte und donnerte in einer riesigen Staubwolke zu Boden. Hunderte von Zuschauern hatten in sicherer Entfernung das große Spektakel verfolgt. Der Schornstein von Reinekes Ziegelei wurde gesprengt, der markante Backsteinturm und die großen Produktionshallen lagen zwischen der früheren Fleischerei Sieveke und der oberen Bergstraße – kurz vor Siekmanns heutiger Tankstelle. Damit ging eines der letzte Relikte einer einstmals blühenden Industrie in die Geschichte ein – die der Ziegeleien.

Bereits im 19. Jahrhundert begann man hier am Helpuper Ortsausgang mit der Produktion von Ziegelsteinen. Damals entdeckte der ehemalige Landwirt Reineke auf seinem Hof in Oetenhausen – am sogenannten Hankenberg – ein großes Tonlager unter seinem Acker. Er beschloss, das Lager abzubauen und sich zugleich ein zweites Standbein neben der Landwirtschaft zu sichern: die Ziegelherstellung in einer eigenen Ziegelei. Die in Handarbeit abgebaute Tonerde ließ er anfangs noch mit einem Pferdefuhrwerk auf einem Waldweg über den Querriegel zum Brennereigebäude an der Bielefelder Straße befördern. Dort hatte er seine neue Ziegelei mit mehreren Lagerhallen und einem großen Brennofen in der Mitte errichtet.

Aus der Brennkammer wurde ein gemütliches Vereinsheim

Als dann seit Anfang des vorigen Jahrhunderts auch Elektrizität zur Verfügung stand, transportierten die Arbeiter den Ton mit Motorseilzug und einer neugebauten Lorenbahn auf Schienen über den Berg bis zur Ziegelei. An die Masten mit Stahlseilrollen erinnern noch heute zwei Fundamente, die man in den Boden am Querriegel setzte.

Aber nur bis in die 1930er Jahre betrieb Adolf Reineke seine Fabrik, schon vor dem Zweiten Weltkrieg war Schluss mit der Ziegelproduktion. Aber die großen Gebäude blieben stehen – vorerst. Zum überwiegenden Teil nutzte Reineke sie als Lagerhallen für seinen landwirtschaftlichen Betrieb.

In den letzten Kriegstagen ein Luftschutzbunker

Heinz Adolf Bokel, der auf der anderen Seite der Bielefelder Straße aufgewachsen ist, erinnert sich, dass im Inneren des großen Brennofens mit seinen zwei Meter dicken Ziegelwänden ein Lagerplatz für Stroh, Rüben und Kartoffeln entstand. In den letzten Kriegstagen, als viele Flüchtlinge aus dem Ruhrgebiet vorübergehend in Helpup lebten, diente die großflächige Brennkammer den Bombengeschädigten oftmals als Luftschutzbunker – immer dann, wenn die Alliierten nächtliche Luftangriffe auf Bielefeld flogen. Nach dem Krieg übernahmen die örtlichen Pfadfinder zeitweise das Betriebsgebäude und richteten sich in der Brennkammer ein gemütliches Vereinsheim ein.

Auch Champignons wurden in der Brennkammer gezüchtet

Das große Ziegeleigebäude am Rand des einstigen Fabrikgeländes wandelte Landwirt Reineke in eine Scheune für Getreide, vor allem Gerste, Weizen und Hafer, um. Und da es noch keine Mähdrescher auf den Feldern gab, fand hier an langen Wintertagen immer das Dreschen mit einer riesigen stationären Dreschmaschine statt. Mit diesem Monstrum rückte stets sein Besitzer Tasche aus der Fettpottstraße in Greste an. Heinz-Adolf Bokel: „Das Dreschen bildete zugleich auch immer das Lebensende der zahllosen Mäuse, die sich im Getreide in der alten Ziegelei eingenistet hatten.“ Zudem habe Landwirt Reineke in der Brennkammer viele Jahre lang eine Champignonzucht betrieben.

Immer neue Betriebe siedelten sich in der Nachkriegszeit auf dem alten Ziegeleigelände an. „In einem Teil der alten Lagerhallen entstand eine Werkstatt zur Herstellung von Zementtrockenplatten“, sagt Bokel. Und in dem Gebäude neben dem großen Schornstein hatte sich die bekannte Kohlenhandlung von Paul Kerstan etabliert.

Ausflüge mit dem Kohlen-Lastwagen

An seinen kuriosen Lastwagen erinnerten sich wahrscheinlich viele alte Helpuper, sagt er. „Der große Laster mit Holzkohlen-Antrieb diente den Nachbarn für so manchen Sonntagsausflug auf der schwankenden Ladefläche“. Bis zur Weser seien die Helpuper an schönen Tagen mit dem Kohlen-Lastwagen gefahren. „Polizeiliche Vorschriften zum Personentransport gab es offenbar nicht“, sagt Bokel schmunzelnd, „zumindest wurden sie missachtet.“

Die größte Freude am ehemaligen Ziegeleigelände hatten allerdings die Helpuper und Mackenbrucher Kinder. Jeden Tag tobten sie auf dem großen Platz. „Für uns bildeten die alten Lagergebäude, der Brennofen und der Schornstein sowie der angrenzende Steinbruch einen riesigen Abenteuerspielplatz“, sagt Heinz-Adolf Bokel. Denn unmittelbar oberhalb der Ziegelei baute man noch bis in die 1960er Jahre auch Kalkstein ab, der als Baumaterial in der gesamten Umgebung Verwendung fand. Außerdem besaß dort am Steinbruch ein Steinmetz einen kleinen Handwerksbetrieb.

Aus dem letzten Gebäude wurde ein modernes Wohnhaus

Nichts erinnert heute noch an die Helpuper Ziegelei. „Erhalten geblieben ist von den Trockenscheunen, dem großen Ringofen mit dem Schornstein, dem kleinen Kötterhaus und dem Maschinenhaus nur ein Gebäude“, erklärt Heinz-Adolf Bokel. Doch daran kann man die Ziegelei-Vergangenheit nicht mehr erkennen, denn es wurde zu einem moderneren Wohnhaus umgebaut.

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