Brennpunkt Simonsplatz

Horst Biere

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Umweltschützer, Polizei und Bauarbeiter standen sich im Oktober 1989 im Kampf um die Trauerbuche gegenüber. In der Mitte: Umweltaktivist Willi Wächter. - © NW
Umweltschützer, Polizei und Bauarbeiter standen sich im Oktober 1989 im Kampf um die Trauerbuche gegenüber. In der Mitte: Umweltaktivist Willi Wächter. (© NW)

Oerlinghausen. Den Simonsplatz gab es in früheren Zeiten noch gar nicht. Eine namenlose Fläche mit einigen Bäumen lag vor einem Jahrhundert genau an der Stelle, wo die Hauptstraße eine scharfe Kurve macht – nur 200 Meter von der Alexanderkirche entfernt. Erst 1926, als Oerlinghausen die Stadtrechte erhielt, tauchte im Straßenregister der Name „Simonsplatz“ auf. „Man nannte den Platz nach seinem Anwohner, dem Küfermeister Simon Diekmann, der dort seine Holzfässer herstellte“, sagt Ortshistoriker Werner Höltke, „die Nachbarn, der Uhrmachermeister Georg Sprenger und die Bäckerstochter Ruth Böger, sind auf die Idee gekommen.“

Doch der zentrale Dorfplatz besaß für Oerlinghausen seit langem eine große Bedeutung – als wichtigster Brunnen der Gemeinde. Etwa ab 1850 konnten die Bürger dort ihr Trinkwasser durch eine Pumpe aus einem Bassin abzapfen. Zwei Holzröhrenleitungen speisten das unterirdische Wasserbecken. Eine Leitung begann an einer Quelle an der Hermannstraße, oberhalb des Kalderbergs. Eine andere Röhre führte Wasser von einer Quelle am Südhang des Tönsbergs zum Simonsplatz. „Pipen“ nannte man diese unterirdischen Holzröhren. Der Piperweg führt seinen Namen darauf zurück.

Die Hauptstraße im Jahre 1900 mit der Wasserstelle im Vordergrund. An dem Ort, den man später Simonsplatz nannte, lag seinerzeit das Geschäft des jüdischen Händlers S. J. Paradies. Heute liegt dort ein Café der Mode- und Kosmetikunternehmerin Martina Becker. - © Repro: Horst Biere /Stadtarchiv
Die Hauptstraße im Jahre 1900 mit der Wasserstelle im Vordergrund. An dem Ort, den man später Simonsplatz nannte, lag seinerzeit das Geschäft des jüdischen Händlers S. J. Paradies. Heute liegt dort ein Café der Mode- und Kosmetikunternehmerin Martina Becker. (© Repro: Horst Biere /Stadtarchiv)

Heiratsmarkt am Brunnenplatz

Stets aber herrschte reges Treiben auf dem alten Brunnenplatz. Denn allabendlich kamen vor allem die Jugendlichen des Dorfs hier zusammen, wenn sie von den Familien zum Wasserholen geschickt wurden. Und schon bald erhielt der Platz einen weiteren amüsanten Beinamen: Heiratsmarkt. Eine Bezeichnung übrigens, die sich noch bis in die 1980er Jahre hielt. In jener Zeit bedeckten einige hohe Laubbäume den Simonsplatz, darunter standen einige Sitzbänke. Ein Eisengeländer schützte vor einem Fall auf die tieferliegende Straße, den Gehrenberg. Und zwei öffentliche Toiletten, deren Geruch schon von weitem erkennbar war, lagen unmittelbar unter dem Platz.

Viel Trubel herrschte stets rings um die Dorfpumpe an der Hauptstraße. - © Repro: Horst Biere / Stadtarchiv
Viel Trubel herrschte stets rings um die Dorfpumpe an der Hauptstraße. (© Repro: Horst Biere / Stadtarchiv)

Zu einer wirklichen Berühmtheit weit über die Bergstadt hinaus avancierte der Simonsplatz gegen Ende der 1980er Jahre, als die Stadtkernsanierung auch hier eingeläutet wurde. Eine mächtige Trauerbuche, ein stattlicher Baum unterhalb des Platzes, stand der geplanten Bebauung im Wege. Der Oerlinghauser Stadtrat hatte mehrheitlich dem Bau von neuen Wohn- und Geschäftshäusern zugestimmt, nur die Grünen im Rat sprachen sich für eine „Unterschutzstellung der Buche“ und eine Ausweisung als „Naturdenkmal“ aus. Eine Bürgerinitiative zum Erhalt der Trauerbuche gewann große Sympathien in der Stadt und sammelte im Jahre 1986 mehr als 1.000 Unterschriften von Oerlinghauser Bürgern.

Die Lage am Simonsplatz eskalierte, als im Frühjahr 1989 der Baubeginn und das Fällen der Trauerbuche beschlossen wurde, obwohl ein „Notkomitee Trauerbuche Simonsplatz“ sich sogar an NRW-Bauminister Christoph Zöpel gewandt hatte. Mit allen juristischen Mitteln und mit viel Unterstützung der Medien versuchten zahlreiche Oerlinghauser Umweltschützer wie Prof. Richard Grathof, der Rechtsanwalt Jochen Held und seine Frau Gerda, Roland Tischbier, Günter Ober und Willi Wächter sowie die Grünenpolitiker Dietmar Raupach und Michael Walde das Fällen der Buche zu stoppen. Die Aktion rief sogar zwei Aktivisten der Umweltinitiative „Robin Wood“ auf den Plan, die sich vorübergehend in der Krone des Baumes festsetzten, um das Fällen zu verhindern.

Zu wenig Spendengelder

Am Donnerstag, 12. Oktober 1989 schien das letzte Stündchen der Trauerbuche zu schlagen. Gegen sieben Uhr morgens wurden Anwohner des Simonsplatzes durch das Geräusch einer Motorsäge aufgeschreckt. Zahlreiche herbeigeeilte Umweltschützer bildeten jedoch in Windeseile eine Menschenkette um den Baum. Professor Grathoff war ebenfalls alarmiert worden. Er entriss einem Bauarbeiter die Motorsäge, die schon fünf Zentimeter tief im Baum steckte. Einen Traktor hatte man über ein langes Stahlseil vor den Baum gespannt, um ihn in die richtige Richtung zu ziehen. Die FDP-Ratsfrau Regina Kettner legte sich mit einem der Bauarbeiter an und versuchte, die Säge fortzuschaffen. Es kam mehrfach zu Gerangel unter den Beteiligten, verletzt wurde jedoch niemand. Auch die Polizei war längst vor Ort und versuchte, die Lage zu entspannen. Schließlich lenkte der herbeigerufene Investor Wolfgang Sander ein und ließ die Bauarbeiter abziehen. Man einigte sich auf einen Stopp für etwa eine Woche.

Zwischenzeitlich hatte sich das Notkomitee Trauerbuche mit der Stadtverwaltung auf einen anderen Plan verständigt: Man wollte durch Spenden der Bürger das Grundstück mit der Trauerbuche zurückkaufen. Das Fazit allerdings: Es kamen viel zu wenige Spendengelder zusammen, die Bauarbeiter rückten wieder an, die Buche wurde gefällt, und die Bauarbeiten begannen. Doch vielen Oerlinghausern ist auch noch eine Initiative des FDP-Politikers Günter Ober in Erinnerung. Er beantragte das Anpflanzen einer neuen Trauerbuche. Die Stadt reagierte prompt. Nur 200 Metern entfernt setzte man im Dezember 1989 eine junge Buche am Straßenrand ein. Am Simonsplatz aber entstanden große Wohn- und Geschäftshäuser, und nichts erinnert mehr in unseren Tagen an den alten „Heiratsmarkt“ früherer Jahrzehnte.

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