Auftakt im Freilichtmuseum Oerlinghausen

Familien und Darsteller sind froh, dass unter freiem Himmel wieder etwas geboten werden kann. Pfingsten kommen Besucher in das wiedereröffnete Archäologische Freilichtmuseum.

Karin Prignitz

  • 0
Die beiden Darstellerinnen Katharina Möllers (l.) und Alexandra Tenbuß zeigen Besuchern des Archäologischen Freilichtmuseums, wie im frühen Mittelalter Wolle verarbeitet und gefärbt worden ist. - © Karin Prignitz
Die beiden Darstellerinnen Katharina Möllers (l.) und Alexandra Tenbuß zeigen Besuchern des Archäologischen Freilichtmuseums, wie im frühen Mittelalter Wolle verarbeitet und gefärbt worden ist. (© Karin Prignitz)

Oerlinghausen. Fynn und seine jüngeren Geschwister lugen neugierig in das Hallenhaus. Hineingehen dürfen sie nicht, aber gucken, soweit das Auge reicht. Spannender ist es ohnehin vor dem Haus, denn dort sitzen die Darstellerinnen der Gruppe „Hvergelmir“, zeigen und erklären, wie Menschen im frühen Mittelalter Wolle verarbeitet und Schmuck gefertigt haben. Noch weitere Darsteller sind am Pfingstwochenende im Archäologischen Freilichtmuseum (AFM) zu Gast und die Erleichterung ist sowohl ihnen als auch den vielen Familien anzumerken, die zum Teil von weither nach Oerlinghausen gekommen sind.

„Endlich ist wieder etwas los“, diese freudige Erkenntnis eint alle. Die Gruppe „Hvergelmir“ hatte eigentlich schon am 1. Mai kommen wollen, bei den „OWL Karolingern“ war der Termin zu Pfingsten schon lange fest eingeplant. Dann aber kam die coronabedingte Schließung der Museen. „Es war eine Zitterpartie“, sagt Peter Berndt. Am vergangenen Donnerstag sei dann kurzfristig der Anruf vom Museumsleiter gekommen. Die Freude war groß, die kleine Gruppe machte sich sofort auf den Weg. Bei ihrer Darstellung haben sie sich auf die Zeit des achten Jahrhunderts nach Christus spezialisiert, wollen zeigen, wie eine fränkische Sippe zur Zeit Karls des Großen auf einem ostwestfälischen Königsgut gelebt haben könnte.

Fotostrecke: Wiedereröffnung Archäologisches Freilichtmuseum

"Hier gibt es immer etwas zu entdecken"

Am Pfingstwochenende zeigen sie nur einen kleinen Ausschnitt davon. Brigitte Berndt demonstriert den Besuchern, wie früher Wolle gekämmt, Marleen Behmann, wie sie gesponnen wurde. „Für uns ist es toll und für das Museum auch, dass es wieder öffnen darf“, sagt eine Besucherin aus Hövelhof. „Hier gibt es immer etwas zu entdecken.“ Sie persönlich interessiert sich am meisten für das Nadelbinden. „Eine Technik, die viel mit dem Nähen zu tun hat“, erläutert Katharina Möllers von „Hvergelmir“. Die Nadel, die sie führt, hat „keine spitze Spitze“, ist aus Holz, könnte aber ebenso aus Knochen gefertigt worden sein. „Man hat beides gefunden.“ Socken, Mützen und Handstulpen, die mit der aufwendigen Technik gefertigt worden sind, liegen in einem großen Korb, verschiedene Strickmuster in einer kleinen Schale. Auffällig ist die Farbintensität, an der abzulesen ist, wie bunt das Mittelalter war.

„Der älteste Fund des Nadelbindens stammt aus dem Jahr 8.000 vor Christus“, erläutert Alexandra Tenbuß den interessierten Besuchern. In Deutschland habe man ein mit Nadeltechnik gefertigtes Stück aus der Zeit um 7.750 bis 6.850 vor Christus entdeckt. „Die Technik hat sich auf dem gesamten Globus entwickelt“, ergänzt Katharina Möllers. „Sie wird noch heute im ländlichen Russland verwendet oder in Südamerika bei der Fertigung von Tragenetzen.“

Technik in der Industrialisierung verlorengegangen

Ansonsten aber sei das Nadelbinden durch andere Techniken und vor allem die Industrialisierung verlorengegangen. Silvia Stork hat Fibeln mitgebracht, mit deren Hilfe die Träger an Kleidern hielten, aber auch ein sogenanntes „Hygienebesteck“. Das hing an den Kleidern, wurde mit der Brosche verbunden und galt als Schmuck. Eigentlich aber war es vor allem nützlich, denn das Besteck bestand unter anderem aus einer Pinzette zum Nägelsäubern und einem Löffelchen zum Reinigen der Ohren.

„Eine Zeit lang war das extrem modern“, weiß Silvia Stork und holt ihr Lieblingsschmuckstück hervor. Eine silberne und edel verzierte Gewandnadel. „Das Bling-Bling des Mittelalters“, da sind sich die Darstellerinnen einig. „Das kommt noch heute gut an.“ Für die Gruppen „Hvergelmir“ und die „OWL Karolinger“ ist es das ersten Mal seit langer Zeit, dass sie ihr Hobby wieder zeigen können. „Der Winter war diesmal sehr lang“, beschreibt Alexandra Tenbuß die frustrierende Zeit des Wartens. Genutzt haben ihn die Darstellerinnen für das Nähen neuer Gewänder und für das Lesen von Fachliteratur, „um uns noch mehr auf den wissenschaftlichen Stand zu bringen“. Online sei viel gefachsimpelt worden, erzählen die Frauen.

„Das Spannende an dem Hobby ist, dass viele Funde immer wieder neu interpretiert werden“, beschreibt Alexandra Tenbuß die Sicht auf die Dinge zu unterschiedlichen Zeiten. Ein Ehepaar aus Sennestadt mit zwei Enkeln schaut und hört aufmerksam zu. „Wir sind seit 30 Jahren nicht mehr hier gewesen“, erzählen sie. Für die Familie sei es ein Segen, dass Aktivitäten wie diese wieder möglich seien. „Zuhause wird es langsam schwierig“, sagt der Bielefelder. Eine Familie aus Schloß Holte-Stukenbrock ist zum ersten Mal im Archäologischen Freilichtmuseum. „Wir wollten den Sonnenschein nutzen“, sagt die Mutter. Alle sind froh, dass etwas geboten wird. „Vor Corona musste es immer etwas ganz Aufregendes sein, jetzt nehmen die Kinder alles dankbar an.“ Und wenn demnächst mal wieder die Wikinger zu Gast in Oerlinghausen sind oder es spannende Vorführungen oder Mitmachprogramme gibt, dann wollen sie auf jeden Fall wiederkommen.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare