Auf Pilgertour über den Tönsberg

Horst Biere

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Vor 25 Jahren wurde der Meditationsweg in Oerlinghausen eröffnet. Initiator Johannes Stefan Müller und Nike Alkema zeigen die Erinnerungstafel anlässlich der Eröffnung des Wegs, der quasi ein Pilgerpfad mitten durch Oerlinghausen ist. - © Horst Biere
Vor 25 Jahren wurde der Meditationsweg in Oerlinghausen eröffnet. Initiator Johannes Stefan Müller und Nike Alkema zeigen die Erinnerungstafel anlässlich der Eröffnung des Wegs, der quasi ein Pilgerpfad mitten durch Oerlinghausen ist. (© Horst Biere)

Oerlinghausen. Pilgertouren sind heute aktuell wie lange nicht. Denn nicht erst seit Hape Kerkeling den Jakobsweg in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ beschrieb, sind Wanderwege gekoppelt mit Sinnsuche und Selbsterfahrung längst als Gegenpol zu unserer schnelllebigen Zeit erkannt. Auch Oerlinghausen besitzt einen versteckten Pilgerpfad – und das schon seit einem Vierteljahrhundert.

„Vor genau 25 Jahren haben wir den Oerlinghauser Meditationsweg eröffnet“, sagt Johannes Stefan Müller, promovierter Soziologe und früherer Direktor der Heimvolkshochschule St. Hedwigshaus. Auf seine Initiative gründet der Weg, der vielen Oerlinghausern und Wandergästen vor allem durch die kunstvoll verzierten Findlinge am Tönsbergkammweg auffällt.

Prominent liegt der Brückenstein am herbstlichen Kammweg auf dem Tönsberg. Dieser achte Stein besitzt Aufschriften in deutscher, englischer, polnischer und lateinischer Sprache. - © Horst Biere
Prominent liegt der Brückenstein am herbstlichen Kammweg auf dem Tönsberg. Dieser achte Stein besitzt Aufschriften in deutscher, englischer, polnischer und lateinischer Sprache. (© Horst Biere)

Der bekannte heimische Bildhauer Bruno Buschmann hatte seinerzeit die Kunstwerke aus Stein und Bronzeguss gestaltet. Sie sind sichtbare Haltepunkte – bilden Stationen der Besinnung und Reflexion für Wanderer auf ihrem Weg über den Tönsberg.

„Wir wollten seinerzeit der Stadt ein Geschenk machen“

Der Anlass für die Schaffung des Oerlinghauser Meditationswegs lag damals in einem runden Jahrestag. 40 Jahre alt wurde im Spätsommer 1996 die Heimvolkshochschule St. Hedwigshaus an der Hermannstraße, die heute in der Villa Welschen auf der anderen Tönsbergseite angesiedelt ist. „Wir wollten seinerzeit der Stadt ein Geschenk machen“, sagt Johannes Stefan Müller. Man sei sehr dankbar gewesen, dass die Stadt Oerlinghausen in den vier Jahrzehnten ein wichtiger Kraftort für viele hundert Menschen gewesen sei, die die Bildungsstätte über die Jahre besucht hätten.

Was aber sieht der heutige Wanderer, wenn er sich auf den Meditationsweg macht, der an der Hedwigskapelle auf der Nordseite des Berges startet und am Kreuz in der sogenannten Hünenkapelle endet? Auf den markanten Findlingen sind Texte und Lebensweisheiten zu erkennen, die die christlichen Tugenden – Liebe, Glaube, Hoffnung – beschreiben. Aber auch jeder der vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung ist ein Stein gewidmet.

„Die Interpretation der Steine und ihre jeweilige Bedeutung sind jedem Einzelnen überlassen“, sagt Johannes Stefan Müller – es ist „ein Angebot zur Reflexion“, ergänzt Nike Alkema, die heutige Leiterin der Heimvolkshochschule St. Hedwigshaus.

Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit

Wer beim Betrachten der Steine innehalte und auf sein eigenes Leben schaue, der erkenne zum Beispiel, dass Klugheit (prudentia) auch darin bestehen kann, ein gesundes, achtsames Leben zu führen. Gerechtigkeit (iustitia) könne man auch als Zugeständnisse an das Anderssein fremder Menschen verstehen, um ihnen mit Toleranz zu begegnen. Und Tapferkeit (fortitudo) könne auch bei den vielen Menschen gesehen werden, die sich jetzt in der Coronapandemie über ihre eigenen Kräfte hinweg selbstlos eingesetzt haben.

So können die Texte des Philosophen Josef Pieper, die auf den Steinen zu den Tugenden eingefasst sind, als eine höchst aktuelle Lebensanleitung gelesen werden. „Maß und Zucht (temperantia) als Steinaufschrift sind strenge, nicht unproblematische und aus der Zeit gefallene Begriffe; dennoch können sie durchaus auch mit dem heutigen Klimawandel und der Zerstörung unseres natürlichen Lebensraums in Verbindung gebracht werden.“ Denn durch die extreme und maßlose Ausweitung des Konsums und die überzogene Nutzung der wertvollen Ressourcen geraten die Natur, das Klima und das Leben auf der Erde in eine ernsthafte Bedrohung.

Und Nike Alkema glaubt auch, dass die Inhalte der Texte zur Bildungsarbeit passen, die täglich in der Heimvolkshochschule geleistet werde. Die promovierte Politikwissenschaftlerin hat in Oerlinghausen die Aufgabe übernommen, genau hier anzusetzen: Reflexion anregen, Kompetenz vermitteln, Teilhabe stärken; damit in Zeiten von Fake News, Verschwörungstheorien, politischer Hetze und Extremismus sich informierte und aufgeklärte Menschen weitaus mehr Gehör verschaffen können.

Das Jubiläum des Mediationswegs möchte die Heimvolkshochschule in besonderer Weise würdigen und das bisherige Material in einer neuen Broschüre vereinen.

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