Wie die 500 Jahre alte Glocke der Oerlinghauser Alexanderkirche überlebte

Horst Biere

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Ein außergewöhnliches Foto schoss der ehemalige Schulrektor Hermann Diekmann in den 1930er Jahren - ein Bild von Dachreparaturen am Schieferturm der Alexanderkirche. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archäologisches Freilichtmuseum
Ein außergewöhnliches Foto schoss der ehemalige Schulrektor Hermann Diekmann in den 1930er Jahren - ein Bild von Dachreparaturen am Schieferturm der Alexanderkirche. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Archäologisches Freilichtmuseum)

Oerlinghausen. Sie dürfte eine der ältesten Kirchenglocken weit und breit sein, die berühmte Alexanderglocke der evangelisch-reformierten Kirche. 1547 wurde sie gegossen, ein Jahr nach dem Tod Martin Luthers. Heute hängt sie mit drei weiteren jüngeren Glocken an einem dicken, drehbaren Balken im Turm der Alexanderkirche und ertönt immer noch dreimal am Tag für je drei Minuten. „,So klingt Oerlinghausen’ hat einmal ein bekannter Kirchenhistoriker über unsere alte Bronzeglocke gesagt“, erinnert sich Pastor Klaus Sommer an ein Gespräch früherer Jahre, „aber sie hat auch einen wunderschönen Ton.“

Die Glocke übersteht Plünderungen und Kriege

Doch es grenzt an ein Wunder, dass die Alexanderglocke überhaupt noch existiert. Sie überstand unbeschadet den 30-jährigen Krieg, der 1648 endete, und sie überlebte auch die Plünderungen der französischen und englischen Soldaten während des Siebenjährigen Krieges 1756 bis 1763. Doch dann, im Ersten Weltkrieg, wurde es ganz knapp. Bis 1917 bestand das Geläut der Kirche aus drei Bronzeglocken. Wegen des Materialmangels holte man ein Jahr vor Kriegsende die größere und kleinere Glocke vom Turm, um sie für militärische Zwecke einzuschmelzen. Die mittelgroße Alexanderglocke ließ man an ihrem Platz – vorerst.

„1922 bestellte die Kirchengemeinde drei neue Stahlglocken“, erzählt Pastor Sommer. Die alte Alexanderglocke sollte zur Finanzierung des neuen Geläuts veräußert werden. In einer alten Festschrift heißt es: „Zum Gottesdienst am Sonntag, 24. Februar 1924, läutete man die alte Bronzeglocke ein letztes Mal“. Zwei Tage später wurde sie von Zimmermeister Hanning aus dem Glockenstuhl ausgebaut, heruntergelassen – und wenige Tage später erstaunlicherweise wieder am Turm hochgezogen. „Ein erheblicher Protest der Gemeindeglieder, eine große Spendensammlung und auch der Widerstand der lippischen Landesregierung verhinderte den Verkauf“, berichtet Klaus Sommer. Aber erst 14 Jahre später, zu Michaelis 1938 (29. September), konnte sie mit einem neuen Pendelkugellager tatsächlich wieder erklingen.

Doch wieder einmal herrschte Materialknappheit – im Zweiten Weltkrieg. Über 100.000 Kirchenglocken wurden im deutschen Reich eingeschmolzen, um aus ihrem Metall Kriegsgerät herzustellen. Im Jahre 1942 schien auch das Ende der Alexanderglocke gekommen zu sein. Erneut holte man sie zum Einschmelzen vom Turm. Und ein weiteres Mal besaß die Glocke offenbar einen mächtigen Schutzengel. „Pastor Schwarz fand sie nach Kriegsende unversehrt unter etwa 2.000 Glocken auf einem Sammelplatz des Kupferwerkes Kayser in Lünen“, sagt Pastor Sommer. Man transportierte sie zurück nach Oerlinghausen. Klaus Sommer: „Am 30. November 1945 wurde sie zum dritten Mal am Kirchturm hochgezogen.“ Wahrscheinlich hatte der damalige Pastor Schwarz einen Tipp bekommen, dass die Oerlinghauser Glocke noch existierte, und er ging auf die Suche nach dem einzigartigen Kirchenobjekt.

Auf alten Gemälden vor 1870 ist noch die Alexanderkirche mit ihrem kleinen Kirchturm zu sehen. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv
Auf alten Gemälden vor 1870 ist noch die Alexanderkirche mit ihrem kleinen Kirchturm zu sehen. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv)

Ein Spruch macht die Glocke unverwechselbar

Denn die Alexanderglocke ist unverwechselbar durch ihre Inschrift in niederdeutscher Sprache: „Sanderus hete ick (Alexander heiße ich), de levendigen rope ick (die Lebenden rufe ich), de doden beschrie ick (die Toten beweine ich), deme donder sture ick (Wind und Donner trotze ich). Johan ahues de goet mick (Johan Ahues hat mich gegossen) MCCCCXLVII (1547).

Heute besteht das Geläut der evangelischen Kirche aus insgesamt vier Glocken – den drei Gussstahlglocken von 1923, die in Bochum gegossen wurden und der alten Alexanderglocke. Alle Klangkörper hängen nebeneinander im vierfeldrigen Glockenstuhl aus Holz – im Turm in etwa 50 Metern Höhe. Morgens, mittags und abends läutet nur die Alexanderglocke zum Gebet. Die Tradition geht auf das altkirchliche Angelusgeläut zurück. Die große, neuere Glocke erklingt mit ihrem tiefen Ton zu Trauerfeierlichkeiten und zur Beisetzung. Am Samstagabend um 19 Uhr wird stets mit dem sogenannten Vespergeläut zum Gebet gerufen und der Sonntag eingeläutet. Am Sonntagmorgen um acht Uhr erfolgt das Vorläuten, das auf den Sonntagsgottesdienst einstimmen soll. Und um 9.45 Uhr erklingt das Festgeläut, das zum Gottesdienst ruft, wobei jeweils die drei Stahlglocken läuten. Sie erschallen auch zu Taufgottesdiensten und vor und nach Traugottesdiensten.

„Die Anfänge der Alexanderkirche insgesamt liegen im Dunklen“, erläutert Pastor Sommer, „wahrscheinlich hat hier an der wichtigen Passstraße durch den Teutoburger Wald bereits um 850, also etwa zur Zeit Karls des Großen, eine Kirche gestanden.“ Gesichert sei jedoch, dass die ältesten Teile der Grundmauern der heutigen Kirche aus den Überresten einer romanischen Basilika aus der Zeit um 1200 bestehen. „Im Innenraum der Kirche ist noch der Verlauf des alten Mauerwerks zu erkennen“, sagt er. Das jetzige Bauwerk im gotischen Stil entstand in kurzer Bauzeit zwischen 1511 und 1514 nach einem verheerenden Feuer im Jahr 1509. Alte Zeichnungen allerdings zeigen nur einen niedrigen Kirchturm an dem stattlichen Kirchenschiff. Nach 1870 ergab sich die Möglichkeit, die Alexanderkirche grundlegend in Stand zu setzen. Man renovierte das Kirchenschiff und erhöhte den Turm zu seiner jetzigen Form. Um 1880 erstrahlte die erneuerte Alexanderkirche in ihrer heutigen Gestalt.

Pastor Klaus Sommer steht in der Glockenstube des Turms unter der Alexanderglocke von 1547. - © Foto: Horst Biere
Pastor Klaus Sommer steht in der Glockenstube des Turms unter der Alexanderglocke von 1547. (© Foto: Horst Biere)

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